Umfragen Deutsche wenden sich radikal von der Atomkraft ab

Die japanische Atomkatastrophe hat die Einstellung der Deutschen zur Atompolitik dramatisch verändert. Eine Mehrheit will nun den ganz schnellen Ausstieg. 70 Prozent halten einen Unfall wie in Fukushima auch hierzulande für möglich.  

Mahnwache in Potsdam: Im ganzen Land demonstrieren seit Tagen Tausende gegen Atomkraft
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Mahnwache in Potsdam: Im ganzen Land demonstrieren seit Tagen Tausende gegen Atomkraft


Berlin - Der schwere Atomunfall von Fukushima hat für einen radikalen Stimmungsumschwung in Deutschland gesorgt: Eine Mehrheit von 53 Prozent ist nach einer Infratest-dimap-Umfrage für den ARD-Deutschlandtrend jetzt der Ansicht, alle deutschen Atomkraftwerke sollten so rasch wie möglich stillgelegt werden (43 Prozent dagegen). Dem ZDF-Politbarometer zufolge sind sogar 60 Prozent für einen Atomausstieg so schnell wie möglich.

Ursache dafür sind wohl auch Ängste vor einem möglichen Zwischenfall hierzulande. Die große Mehrheit der Deutschen hält einen AKW-Unfall wie in Japan auch im eigenen Land für denkbar. Dem ARD-Deutschlandtrend zufolge sind 70 Prozent der Ansicht, dass eine ähnlich schwere Katastrophe auch in einem deutschen Atomkraftwerk passieren kann. 28 Prozent halten dies nicht für möglich. 39 Prozent der Deutschen sind besorgt, dass Radioaktivität aus Japan auch nach Deutschland gelangen und hier Luft, Wasser und Lebensmittel verunreinigen könnte. 60 Prozent befürchten dies hingegen nicht.

Die von der Bundesregierung angekündigte Aussetzung der Laufzeitverlängerung und Überprüfung aller deutschen Atomkraftwerke befürworten 80 Prozent der Deutschen. 18 Prozent lehnen dies ab. Ebenfalls 80 Prozent fordern, die geplante Verlängerung der Laufzeit der Atomkraftwerke von durchschnittlich zwölf Jahren ganz zurückzunehmen. 17 Prozent sprechen sich für die Beibehaltung der Laufzeitverlängerung aus.

Der Vorschlag der Opposition, die sieben ältesten deutschen Atomkraftwerke sofort vom Netz zu nehmen, wird von 72 Prozent der Deutschen unterstützt. 21 Prozent lehnen dies ab.

Bundeskanzlerin Angela Merkel will im Lauf des Tages in Berlin mit den fünf Ministerpräsidenten, in deren Ländern Atomkraftwerke stehen, über die Zukunft der Anlagen sprechen. Die CDU-Vorsitzende hatte am Montag eine dreimonatige Aussetzung der von Union und FDP beschlossenen Laufzeitverlängerung angekündigt. Als Sofortmaßnahme sollen die als unsicher kritisierten Atomkraftwerke Isar I (Bayern) und Neckarwestheim I (Baden-Württemberg) rasch vom Netz gehen.

In vielen deutschen Städten hat es seit dem Wochenende Proteste gegen Atomkraft gegeben. Allein am Montag haben nach Veranstalterangaben mehr als 110.000 Menschen den Ausstieg aus der Atomenergie gefordert. Insgesamt seien an rund 450 Orten Mahnwachen abgehalten worden, sagte Jochen Stay, Sprecher der Kampagne "ausgestrahlt", am Abend in Hamburg. Stay und seine Mitstreiter hatten seit Samstag im Internet zu den Protestaktionen aufgerufen. Sei seien selbst von der Resonanz überrascht worden, sagte Stay. "Das ist Protest 2.0."

ler/dpa/dapd



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insgesamt 356 Beiträge
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kundennummer 15.03.2011
1. Lagefortentwicklung
Nach den Wutbürgern nun Protest 2.0 Warum nicht eine Farbe zuordnen? Die Juterevolution! So oder so eine gute Sache zum Warmlaufen der Volksgenossen für den großen Ball zum Bondmarktcrash. Und 2 Wochen später erklären "die Experten" warum das ganz klar so kommen musste. Dumm das sies mal wieder nicht vorher gesagt haben die Schlawiner!
merapi22 15.03.2011
2. Atomkonzerne global entschärfen!
Zitat von sysopDie japanische Atomkatastrophe hat die Einstellung der Deutschen zur Atompolitik dramatisch verändert. Eine Mehrheit will nun den ganz schnellen Ausstieg. 70 Prozent halten einen Unfall wie in Fukushima auch hierzulande für möglich.** http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,750955,00.html
Die Atomlobbyisten werfen uns Atomgegnern Panikmache vor! Ich finde dies eine Unverschämtheit, denn wir warnen seit jahrzehnten vor den AKW - Zeitbomben und haben damit leider Recht! Zur naturkatastrophe kommt in Japan noch die menschengemachte Atom-Katastrophe! Wirkliche Panikmache sollte man den Atomkonzernen und der Atomlobby vorwerfen! Ohne Atom kein Strom - ach wie lächerlich die Atomiker doch sind! Wie Atomgegner sind nicht gegen die Technik, sondern nur gegen unbeherschbare Technik, hier der Beweis, wie man ohne AKWs genügend und billigere Energie für alle Menschen gewinnt: http://www.facebook.com/pages/BGE-Roboter-konnen-alles-besser/177235832301157
Bernd_1961 15.03.2011
3. Klar,
wenn die Stromversorgung zu 100% gesichert ist, bin ich auch für ein Abschalten. Da dies aber nicht der Fall ist, können wir die AKW's auch noch nicht abschalten. Dann würde nämlich in den deutschen Privathaushalten das Licht ausgehen, weil der Strom für die Industrie gebraucht wird. Und dann wollte ich mal die Schreie der Grünen Öko-Terroristen hören, wenn sie nicht mehr ihren Facebook-Account aufrufen können... Wahrscheinlicher ist jedoch, das wir dann unseren Strom aus dem Ausland beziehen müssten. Und wo wird der hergestellt? In AKW's natürlich. Also. Ist das einfache abschalten nun eine Lösung? NEIN! Aber was so ein richtiger grüner Öko ist, der kapiert das halt nicht. Und im übrigen: Was den Ausbau Alternativer Energie anbelangt, da haben alle versagt, weil alle vor der Stromlobby zu Kreuze kriechen: AUCH DIE GRÜNEN. Aber jetzt wollen sie sich wieder als die Retter der Nation aufspielen. Klar, wenn ich Hartzie wäre, dann könnte ich auch auf die Strasse gehen und gegen die Atomkraft demonstrieren. Ich gehöre aber zu den Dummen, die arbeiten und diese ganzen Faulenzer mit Steuergeldern unterstützen müssen. Aber naja, ein gutes hätte es. Wenn ich keinen Strom mehr habe (arbeite hauptberuflich am Computer als Produktentwickler)dann könnte ich auch Hartz IV beantragen und mich auf die faule Haut legen. Mal abwarten...
Isotronic 15.03.2011
4. Mich beeindrucken
Zitat von sysopDie japanische Atomkatastrophe hat die Einstellung der Deutschen zur Atompolitik dramatisch verändert. Eine Mehrheit will nun den ganz schnellen Ausstieg. 70 Prozent halten einen Unfall wie in Fukushima auch hierzulande für möglich.** http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,750955,00.html
die 30% die ein Atom-Unglück in DE nicht für möglich halten. Respekt! Das sind meiner Meinung in etwa solche, die an einen Endsieg damals 1945 geglaubt hätten.
Onkel Uwe, 15.03.2011
5. Hier könnte IHR Titel stehen!
Zitat von sysopDie japanische Atomkatastrophe hat die Einstellung der Deutschen zur Atompolitik dramatisch verändert. Eine Mehrheit will nun den ganz schnellen Ausstieg. 70 Prozent halten einen Unfall wie in Fukushima auch hierzulande für möglich.** http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,750955,00.html
Weil der Grossteil der Bevölkerung egal welchen Landes kaum genug technisches Verständnis für dieses komplexe Thema hat. Es ist ja z.B. nicht das Erdbeben sondern der Tsunami, welcher den grössten Anteil an den Problemen hat. Und zudem brachte er noch eine Zerstörung an Infrastruktur, weswegen die Lösungsmöglichkeiten sich einschränkten. Um es nicht falsch zu verstehen und auch wenn jetzt wieder nur Teile zitiert werden, um wettern zu können: Ich bin für die Abschaltung der älteren Kraftwerke. Und ich bin gegen die Art und Weise, wie der Wirtschaft die Verlängerung geschenkt wurde. ABER eine schnellstmögliche Abschaltung ALLER Kernspaltungsreaktoren ist NICHT der beste und auch kein sinnvoller Weg. Aber es gibt ja immer nur 1 oder 0, keine Stelle dazwischen. Ein Volk von Informatikern möchte man meinen... In der Grundlage finde ich es zynisch, hier in Deutschland davon zu sprechen, dass ähnliches passieren könnte, gegenüber einem Land, welches um ein bedeutendes schlimmer von Naturkatastrophen gebeutelt wird als unsere Breiten. Wo und wann ist denn hier das letzte Mal auch nur nahezu so viel Schaden durch ein Unglück/Umweltkatastrophe geschehen wie in Japan? Wer hier Vergleiche aufbaut, verhöhnt das Leiden und die Probleme der Bevölkerung dort!
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