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Umstrittene Äußerung: Bischof Mixa spricht im Zusammenhang mit Holocaust von Abtreibungen

Erneut sorgen umstrittene Äußerungen eines Kirchenführers für Aufregung: Einem Bericht zufolge hat der Augsburger Bischof Walter Mixa die Zahl der ermordeten Juden im Zusammenhang mit der Anzahl der Abtreibungen in den vergangenen Jahrzehnten genannt.

Augsburg/Dinkelsbühl - Der Augsburger Bischof Walter Mixa ist wegen umstrittener Äußerungen zur Abtreibung und dem Holocaust in Bedrängnis geraten: Einer Meldung der "Fränkischen Landeszeitung" zufolge hatte Mixa die Zahl der ermordeten Juden im Zusammenhang mit den nach Expertenschätzungen mehr als neun Millionen Abtreibungen in den vergangenen Jahrzehnten genannt.

Augsburger Bischof Mixa: "Diese neun Millionen fehlen uns"
DDP

Augsburger Bischof Mixa: "Diese neun Millionen fehlen uns"

Dem Bericht zufolge hatte Mixa in Anspielung auf den umstrittenen Piusbruder Richard Williamsongesagt: "Es hat diesen Holocaust sicher in diesem Umfang mit sechs Millionen Getöteten gegeben. Wir haben diese Zahl durch Abtreibungen aber bereits überschritten." Der Augsburger Bischof habe Abtreibung als Unrecht und zutiefst unmenschlich bezeichnet und die Zahl der ermordeten Juden der geschätzten Zahl von Abtreibungen gegenübergestellt. "Diese neun Millionen fehlen uns", zitiert das Blatt den Bischof. Mixa hatte auf der Aschermittwochsveranstaltung der CSU im fränkischen Dinkelsbühl zum Thema "Werte, Moral und Ethik" gesprochen.

"Gedankenlos und verwerflich"

Der Zentralrat der Juden in Deutschland reagierte scharf auf die Äußerungen Mixas. Es sei gedankenlos und verwerflich, Holocaust und Abtreibung auf eine Stufe zu stellen, sagte Vizepräsident Dieter Graumann gegenüber dem SPIEGEL: "Man kann doch auch nicht Frauen und Ärzte mit Naziverbrechern gleichstellen." Wenn Bischof Mixa so etwas sage, "dokumentiert das, wie tief der Geist der Piusbrüder selbst bei manchem in der katholischen Kirche vorhanden ist", so Graumann.

Der Generalsekretär des Zentralrats, Stephan Kramer, sagte, mit Mixas Aussagen würden Frauen und Ärzte, die sich zu einer Abtreibung entschlossen haben, "mit KZ-Massenmördern gleichgestellt - das ist an Perfidie nicht mehr zu überbieten".

Die "Instrumentalisierung der Holocaust-Opfer" sei "gerade in der jetzigen Situation verantwortungslos und geschmacklos". Mixa weise damit als Amtskirchenvertreter "einmal mehr den Weg ins Mittelalter", sagte Kramer. "Gerade in der jetzt beginnenden "Woche der Brüderlichkeit" wird da einiges zu diskutieren sein." Die bundesweite Woche wird von der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit veranstaltet. An der zentralen Eröffnungsveranstaltung an diesem Sonntag in Hamburg nehmen Bundespräsident Horst Köhler und die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, teil.

Heftige Kritik kam auch von den Grünen. Deren Bundesvorsitzende Claudia Roth nannte die Äußerungen Mixas eine schwere Hypothek für alle Katholiken, die für die Aussöhnung von Juden und Christen einträten. Mixa wisse offensichtlich nicht, was er tut, wenn er Schwangerschaftsabbrüche mit dem Holocaust vergleiche, sagte Roth in einer Mitteilung. Der Mord an den Juden sei ein singuläres Menschheitsverbrechen. "Jeder Aufrechnungsversuch entwürdigt die Holocaustopfer und ihre Angehörigen. Und wenn Mixa das Selbstbestimmungsrecht von Frauen und die Handlung von Ärzten in die Nähe des schlimmsten Naziverbrechens rückt, dann zeigt sich, wessen Geistes Kind er ist."

Reaktion des Bistums: "Absurd und bösartig"

Das Augsburger Bistum wies die Kritik zurück und erklärte, Mixa habe sich in Dinkelsbühl in scharfer Form vom Holocaust-Leugner Williamson distanziert sowie den Mord an den über sechs Millionen Juden als entsetzliches und singuläres Verbrechen bezeichnet. In einem "weiteren Zusammenhang" habe er dann darauf hingewiesen, "dass auch in der Gegenwart Verbrechen gegen das Leben begangen würden, die höchste Wachsamkeit erforderten". Dabei habe er unter anderem auch die Zahl der Abtreibungen genannt. Die Erwähnung der "unterschiedlichen Zahlen in verschiedenen Sachzusammenhängen bedeute aber keine Relativierung des Holocausts". Dies zu konstruieren, sei "absurd und bösartig", hieß es.

Christoph Hammer, Dinkelsbühls Oberbürgermeister und als CSU-Ortsvorsitzender der Veranstalter des politischen Aschermittwoch mit Mixa, zeigte sich verstört nach dessen Äußerungen: "Das geht nicht." Der Holocaust sei "mit nichts zu vergleichen, denn das Schlimmste kann man nicht vergleichen", so Hammer zu SPIEGEL ONLINE. Mixa habe aber in seiner Rede, die wie eine Predigt in ruhiger Atmosphäre und ohne Beifall aufgenommen worden sei, jegliche Leugnung des Holocaust "klar und stringent" zurückgewiesen, er habe "nichts relativiert".

Viele der rund 300 Zuhörer hätten danach untereinander diskutiert, erinnert sich Hammer: "Mit eindeutigem Ergebnis" - also Unverständnis für Mixa. "Wir haben abends noch im Familienkreis diskutiert, dann morgens beim Frühstück", sagt Hammer: "Nein, das waren keine guten Äußerungen."

sef/jjc/dpa/ddp

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