Umstrittene Delfin-Lagune in Nürnberg "Das Konzept ist kompletter Unfug"

Seit Jahren protestieren Tierschützer gegen das Delfinarium im Nürnberger Zoo - und gegen einen millionenschweren Ausbau. Nun haben sie vor Gericht einen Erfolg errungen. Geschichte eines umstrittenen Prestigeprojekts.

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Delfine im Nürnberger Zoo (Archiv): Langer Streit um Zucht und Haltung
dapd

Delfine im Nürnberger Zoo (Archiv): Langer Streit um Zucht und Haltung


Hamburg - Markus Söder ist dabei, der wortgewaltige bayerische Umweltminister von der CSU. Ulrich Maly ebenfalls, der Nürnberger Bürgermeister von der SPD. Und auch Andreas Köpke, der lange in Nürnberg spielte und heute bei der Fußball-Nationalmannschaft die Torhüter trainiert. Sie alle sprachen sich für ein Projekt aus, gegen das Tierschützer seit Jahren protestieren: die Delfin-Lagune im Nürnberger Tiergarten.

Bis Ende Juli soll die 24 Millionen Euro teure Attraktion fertig sein, ein Ausbau des bestehenden Delfinariums. "In der Lagune können die Nürnberger Delfine erstmals Sonne, Wind und Regen erleben", heißt es in einer Mitteilung des Tiergartens. Eine "ganz neue, naturnahe Wasserwelt" soll entstehen, ein "strukturierter Lebensraum" für die sensiblen Tiere.

"Das Lagunen-Konzept ist kompletter Unfug", sagt dagegen Karsten Brensing, Meeresbiologe von der WDCS, einer internationalen Wal- und Delfin-Schutzorganisation. Die Beckenlandschaft sei für eine artgerechte Haltung ungeeignet. "Die Lagune soll toll aussehen und die Besucher möglichst nah an die Delfine bringen", so Brensing.

Die Fronten zwischen dem Zoo und den Tierschützern sind völlig verhärtet. In Nürnberg sind in der Vergangenheit immer wieder Delfine gestorben, fünf Jungtiere allein zwischen Mai 2006 und Juni 2007. Diese "Kette von Todesfällen", so Brensing, habe die WDCS bewogen, komplette Akteneinsicht über Zucht und Haltung zu fordern. Der 44-Jährige erhofft sich Erkenntnisse über die Ursache der Todesfälle - und darüber, ob die neue Lagune die Probleme lösen kann.

Fast fünf Jahre stritten die Tierschützer mit der Stadt Nürnberg - und bekamen an diesem Donnerstag in zweiter Instanz vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof erneut recht: Aufgrund des Umweltinformationsgesetzes muss Einsicht in die Unterlagen gewährt werden. "Das ist ein schwerer Schlag für die Zoo-Industrie", sagt WDCS-Sprecher Nicolas Entrup. "In Zukunft müssen Tierparks deutlich transparenter arbeiten." Der Nürnberger Tierpark war auf wiederholte Anfrage für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Die Tierschützer bemängeln vor allem, dass ein so teures Projekt ohne unabhängige Gutachten zur Tierhaltung durchgesetzt worden sei. Sie wollen die Haltung der Delfine nun in Zusammenarbeit mit externen Wissenschaftlern überprüfen.

Die Haltung von Delfinen in Tierparks ist seit langem umstritten. Eine artgerechte Unterbringung ist laut Brensing in Deutschland derzeit nicht möglich - und das aus mehreren Gründen:

  • Delfine können nicht rückwärts schwimmen. Daher meiden sie in der Natur Ecken und Engstellen. In Tierparks sei das jedoch unmöglich, sagt Brensing, auch in der neuen Nürnberger Lagune. Man müsse die Delfine erziehen, solche Passagen zu durchschwimmen. Eine große Gefahr droht zudem bei der Geburt: Baby-Delfine schwimmen nach der Geburt sofort los. Kommt die Mutter zu spät, knallen sie mit Wucht gegen die nächste Beckenwand - teilweise mit tödlichen Folgen.
  • Um Infektionen bei den Tieren zu verhindern, sind strenge Hygienevorschriften nötig. Diese lassen sich jedoch beim Kontakt mit vielen Menschen - etwa bei der auch in Nürnberg geplanten Delfin-Therapie - nur schwer umsetzen.
  • Zwischen männlichen Jungtieren und älteren Artgenossen kommt es schnell zu Konflikten. In freier Wildbahn werden diese schnell entschärft, wenn das Jungtier weit genug wegschwimmt. Laut Brensing fehlt dafür selbst in Meerwassergehegen der Platz, die um ein vielfaches größer sind als Delfinarien.

Die Nürnberger Lagune enthält nach Angaben des Tierparks 5,4 Millionen Liter Meerwasser und ist bis zu sieben Meter tief. Brensing sagt, sie sei zwar eine Bereicherung für den Lebensraum der Delfine. Aber sie gehe nicht weit genug: "Die Lagune um den Faktor 1000 vergrößert - das wäre vielleicht eine angemessene Unterbringung."

Langsames Sterben der Delfinarien

In Deutschland gab es früher neun Delfinarien, unter anderem im Hamburger Tierpark Hagenbeck und im Heidepark Soltau in Niedersachsen. Die meisten von ihnen sind längst geschlossen, Ende 2012 folgt auch die Anlage in Münster. Dann bleiben nur noch zwei übrig: Duisburg und Nürnberg. Und deren Zucht ist laut Tierschützern aufgrund der Todesfälle nicht nachhaltig.

So gab es in den vergangenen Jahren wiederholt Vorwürfe, der Nürnberger Tierpark fördere mit seiner Nachfrage den Wildfang von Delfinen. Im Februar berichtete die Tageszeitung "Solomon Star", es gebe einen Auftrag aus Deutschland für einen Händler auf den Salomonen. Der Nürnberger Tiergarten hat solche Verbindungen stets entschieden dementiert. Und auch laut dem zuständigen Bundesamt für Naturschutz lag kein Importantrag vor. Eine direkte Einfuhr von Wildfängen käme nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen grundsätzlich nicht in Frage. Selbst die deutschen Vertreter der WDCS halten einen derartigen Auftrag für sehr unwahrscheinlich.

Es sei aber nicht ausgeschlossen, dass über Umwege Wildfänge auch in Nürnberg landeten, so Brensing. Möglich sei dies, wenn ein anderes europäisches Land die Tiere einführt und dann weitergibt. Eine Praxis, für die es in der EU bereits Beispiele gibt.

Vielleicht droht dem Nürnberger Zoo bei allen Diskussionen um die Zucht und die artgerechte Haltung der Tiere aber auch ein ganz anderes Problem. Um die Investitionen in die Delfin-Lagune refinanzieren zu können, werden nun die Eintrittspreise deutlich erhöht. Als Münster im vergangenen Jahr die Schließung seines Delfinariums ankündigte, wurde dies mit wirtschaftlichen Zwängen begründet: Gemessen an den Einnahmen lohne sich der Erhalt nicht mehr.

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insgesamt 187 Beiträge
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oma_kruse 26.05.2011
1. Tierschützer machen unser Leben ärmer
Bei allem Verständnis: Die ständige Hetze von "Tierschützern" gegen Zoos macht unser Leben ärmer, wenn sie Erfolg haben sollte. Gerade für Kinder ist es wichtig, lebende, exotische Tiere direkt vor ihrer Nase erleben zu können und auch für Erwachsene ist ein Zoobesuch immer ein echtes Highlight. Es wird Zeit, dass wir uns als einfache Bürger für unsere Zoos einsetzen. Sonst verschwindet so ganz im Vorübergehen eine wichtige Freude aus unserem Leben. Tierschutz sollte vor allem dort passieren, wo die Tiere noch in Freiheit leben und vielleicht regt ja ein Zoobesuch manch' jungen Menschen dazu an.
promedico 26.05.2011
2. aus und vorbei!
In meiner Kindheit und bis Ende der 90er Jahre war der Tiergarten die vielleicht schönste und interessanteste Zoo-Anlage Deutschlands. Dann nahm man uns Flusspferde, Elefanten und einen Teil der Raubkatzen weg - zugunsten des dämlichen "Flipper"-Wahns, für den der Gast auch noch extra abgezockt wurde. Bei unserem letzten Besuch 2009 wühlten dort, wo sich einst Flusspferde suhlten, mickrige Mäuse - eine monströse Baustelle kündet von künftigen Flipper-Zeiten: garantiert ohne uns.
aquarelle 26.05.2011
3. kompletter Unfug
ist meiner Meinung nach nur das ständige Schlechtreden und Pauschalisieren von jenen militanten Tierschützern. Wenn man ie artgerechte Haltung in Frage stellt, müsste man die gesamte Zootierhaltung in Frage stellen,denn artgerecht ist nur die Freiheit, wenn man so will. Zoos un Tiergärten sind wichtig und vermitteln Wissen für Jung und Alt. Besonders in Umwelt- und Naturschutzfragen, was m.E. immer wichtiger wird. Die Haltungsbedinungen der Nürnberger Delphine werden nun schon verbessert,ich frage mich, was da sonst noch kommen soll. Schließen? Ja,und wohin dann mit den Tieren? Moby, der älteste Delphin der Delphingruppe, ist mittlerweile 50 Jahre alt und hat den Großteil seines Lebens in Gefangenschaft gelebt. Es ist ebenso falsch, dass der Tiergarten Wildfänge (womöglich aus Japan) beziehen wird. Natürlich gibt es rein kommerziell betriebene Delphinarien (z.B. in den Touristenzentren der Türkei), die mit den Tieren Schindluder treiben, aber davon ist der TG Nürnberg weit entfernt. Meiner Meinung nach haben die Leute keine Ahnung wovon sie reden,aber Hauptsache erst einmal dagegen sein und alles in einen Topf werfen. Da kann ich persönlich nur den Kopf schütteln.
Allegorius 26.05.2011
4. Ignorant
Zitat von oma_kruseBei allem Verständnis: Die ständige Hetze von "Tierschützern" gegen Zoos macht unser Leben ärmer, wenn sie Erfolg haben sollte. Gerade für Kinder ist es wichtig, lebende, exotische Tiere direkt vor ihrer Nase erleben zu können und auch für Erwachsene ist ein Zoobesuch immer ein echtes Highlight. Es wird Zeit, dass wir uns als einfache Bürger für unsere Zoos einsetzen. Sonst verschwindet so ganz im Vorübergehen eine wichtige Freude aus unserem Leben. Tierschutz sollte vor allem dort passieren, wo die Tiere noch in Freiheit leben und vielleicht regt ja ein Zoobesuch manch' jungen Menschen dazu an.
Vor Verstädnis lese ich in Ihrem Beitag nichts. Warum müssen Kinder exotische Tiere hautnah erleben? Es reicht vllig, wenn sie heimische Tiere kennen. Zoos sind schlichtweg Gefängnisse für Tiere. Tierschutz heißt, Tiere zu schützen. Tiere in Gefangenschaft zu beobachten, ist für jeden bewusst denkenden Menschen keine Freude. Ihnen bereitet sicher auch Gänsebraten Freude.
SchroedingersKatze, 26.05.2011
5. Größenwahn auch in Rostock
Interessanter Artikel! Der Rostocker Zoo plant derzeit ein ähnlich sinnfreies Projekt: Ein Darwineum. Dort sollen vor allem Menschenaffen ausgestellt werden wie Orang-Utans und Gorillas. Die EU macht's möglich und sponsert den Größenwahn. Größenwahn, weil die eh schon hoch verschuldete Stadt die Folgekosten (zusätzliche Baukosten, Energiekosten, etc.) tragen muss. Schon vor Baubeginn mussten mehrere Millionen Euro zugeschossen werden; ein Teil der Finanzierung ist in Krediten versteckt. Gepokert wird mit großzügigen Besucherprognosen: 50% mehr Gäste soll das Darwineum dem Zoo jährlich bringen und so das Darwineum finanziell tragen. Diese Zahlen scheinen mehr als unrealistisch. Fraglich bleibt auch, ob Menschenaffen in Zoos überhaupt präsentiert werden müssen. Als Krönung wird für den Bau des Großprojekts ein intakter Wald zerstört, der bislang als einziges noch naturbelassenes, innerstädtisches Naherholungsgebiet galt. Einen Bebauungsplan, der öffentlich ausgelegt werden musste, gab es nicht. Die Bürgerschaft winkte - geblendet durch die hohen EU-Fördergelder das Projekt unkritisch durch. Selbst von den Grünen gibt es für die Abholzung des alten Buchenbestands Applaus. Immerhin erweckt das Projekt politisches Bewusstsein: Eine Bürgerinitiative hat sich gegründet. Die Hoffnung stirbt zuletzt: http://rettet-den-barnstorfer-wald.de/
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