Umstrittene Schießübungen Der Schützenverein als Killer-Schmiede

Wie kam der Erfurter Amokläufer zu seinen Waffen? Warum war er so gut trainiert? Nachfragen bei Behörden offenbaren: Die Waffenkarte wurde ohne größere Kontrolle ausgestellt. Ein Kenner des Milieus warnt vor gefährlichen Fehlentwicklungen in Deutschlands Schützenvereinen.

Von , Erfurt


Tatort Waffengeschäft: "Kein Sportschütze würde solche Waffen kaufen"
AFP

Tatort Waffengeschäft: "Kein Sportschütze würde solche Waffen kaufen"

Erfurt - Am 16. Oktober 2001 bekam Robert Steinhäuser, wofür er so lange trainiert hatte. Der junge Sportschütze erhielt vom Ordnungsamt Erfurt eine offizielle Waffenbesitzkarte, die er kurz zuvor beantragt hatte. Mit der Unterschrift des Leiters der örtlichen Jagdbehörde konnte Steinhäuser jetzt in jedem deutschen Waffengeschäft das kaufen und zu Hause aufbewahren, was er sich zuvor auf dem Schießplatz des Schützenvereins "Domblick" nur hatte ausleihen dürfen: zwei Pistolen des Kalibers neun Millimeter und zwei Langwaffen bis Kaliber zwölf Millimeter.

So beschaffte er sich eine Pistole und eine Repetierflinte. Aus der selbstladenden Pistole, Marke Glock 17L, feuerte er ein halbes Jahr später im Gutenberg-Gymnasium insgesamt drei Magazine leer. Mit den 40 Parabellum-Patronen tötete er durch präzise Schüsse zwei ehemalige Mitschüler, zwölf Lehrer, eine Sekretärin, einen Polizisten und am Ende sich selbst. Die Pumpgun der Marke Mossberg, Modell 590, setzte er nicht ein, obwohl er ausreichend Munition dafür mit sich führte.

Diskussion nach den Schüssen

Nach dem Massenmord drängt sich nun die Frage auf, wie und warum der damals 18-jährige Schüler eine Waffenbesitzkarte erhielt, die ihm den Kauf von Waffen erlaubte, die er für den Schießsport gar nicht benötigte. Denn der sportliche Wert der beiden Waffen, die Steinhäuser mit sich führte, war "gleich null", erklärt Frank-Dieter Jäcks, Geschäftsführer des Thüringer Sportschützendbundes, in dem auch Steinhäusers Verein Mitglied ist. Die Pumpgun sei zwar bei einer Disziplin namens "Trappschießen" zugelassen, werde dafür aber kaum verwendet. "Kein Sportschütze würde eine solche Waffe kaufen", meint Jäcks. Auch die von Steinhäuser erworbene Pistole sei nur in einer Disziplin einsetzbar, habe aber keinerlei sportlichen Wert. Die Ordnungsbehörde habe aber durch die Rückmeldung des Händlers gewusst, das Steinhäuser diese Waffen kaufte. "Warum sie nicht dagegen vorging, ist mir unverständlich", erklärt Jäcks.

Auf Nachfrage weisen die Verantwortlichen in Steinhäusers Schützenverein und im Ordnungsamt jede Schuld von sich. Die Beamten der Behörde wollen nicht einmal Auskunft geben. "Wir haben zu dem Vorgang nichts zu sagen", erklärt der Pressesprecher lapidar. Man habe im Moment "Wichtigeres zu tun". Beim Verein "Domblick", wo Steinhäuser trainierte, schieben die Vereinsvorstände die Verantwortung auf die kontrollierende Behörde, welche die Erlaubnis ausstellte. "Wir haben lediglich die Waffenbedürfnisunterlagen für unser Mitglied unterstützt, die Behörde hat das geprüft und genehmigt", sagt Vereinsvorsitzender Martin Eilers. Mit der Pumpgun, dem Repetiergewehr mit Schrotmunition, habe der Täter in der Schule ja auch gar nicht geschossen, sondern lediglich seine Pistole benutzt.

Tatwaffe Glock Typ 17: "Ohne sportlichen Wert"
DDP

Tatwaffe Glock Typ 17: "Ohne sportlichen Wert"

So erfolgte die Bewaffnung Steinhäusers gewiss nach Recht und Gesetz. Der Schüler trat im Oktober 2000 als Jungschütze beim PSV Domblick ein. Dort "war er ein unauffälliger Jugendlicher wie jeder andere, der gerne das Sportschießen lernen wollte", erinnert sich Vereinschef Eilers an Steinhäuser. Engagiert habe er an der Pistole trainiert und dabei normale Ergebnisse erzielt. Eilers: "Er ist niemandem hier besonders aufgefallen." Nach einem Jahr erhielt er sodann auf Wunsch des Vereins die Waffenkarte, schließlich war sein polizeiliches Führungszeugnis sauber.

"Wir tragen keine Verantwortung"

Doch warum unterstützte der Verein Domblick auch das "Bedürfnis" Steinhäusers nach einer Repetierflinte? Nach Aussagen des Vereinschefs wird auf dem Schießplatz in einer am Stadtrand gelegenen Gartensiedlung "nur mit Pistolen und Luftpistolen" geschossen. Er habe lediglich dem Wunsch des Jugendlichen nach einer Genehmigung für eine Flinte vom Kaliber zwölf entsprochen, weil "er offenbar auf anderen Schießplätzen mit der Waffe schießen wollte", rechtfertigt sich Eilers. Letztlich habe ja die Behörde das Bedürfnis prüfen müssen. "Wir tragen keine Verantwortung", meint Eilers. Verdächtig sei ihm der Wunsch nach der martialischen Waffe nicht vorgekommen. "Wir konnten doch nicht ahnen, was in dem Jungen vorgeht", sagt Eilers.

Der Fall Steinhäuser zeigt fast exemplarisch, wie löchrig das deutsche Waffengesetz und vor allem die Kontrolle durch die Ämter beim Punkt Waffenkauf ist. Eilers argumentiert durchaus korrekt, dass er lediglich eine Bedürfniskarte für eine Flinte vom Kaliber zwölf ausgestellt habe. Eine solche Flinte wird auch beim Tontaubenschießen eingesetzt. Dass Steinhäuser jedoch eine Pumpgun, die ebenfalls unter dem Oberbegriff Flinte vom Kaliber zwölf läuft, interessierte den zuständigen Mitarbeiter des Erfurter Ordnungsamtes nicht - obwohl er eine Rückmeldung vom Waffenladen bekommen haben muss.

"Die Jugendlichen lernen Killertechniken"

So ganz unvorhersehbar erscheint manchem Kenner des Sportschützenmilieus die Verwandlung des Sportlers in eine Killermaschine dagegen nicht. So sieht der Bonner Rechtsanwalt und ehemalige Verbandschef des Bundes Deutscher Sportschützen (BDS), Otto Obermeyer, die Vorgänge in Erfurt durchaus im Kontext einer gefährlichen Fehlentwicklung im Schießsport. "In vielen Schützenvereinen wird immer mehr das gezielte Schießen auf bewegliche Ziele trainiert", berichtet Obermeyer. Damit befähige man die Sportler zu solchen Gewalttaten wie in Erfurt. "Die Jugendlichen erlernen Techniken, die sie befähigen, zu Killern zu werden, wenn sie ausrasten", sagt der erfahrene Sportschütze - eine Behauptung, die er mit Videoaufzeichnungen von entsprechenden Wettbewerben belegen kann.

Pumpgun (Grafik) - Eine furchtbare Waffe
DER SPIEGEL

Pumpgun (Grafik) - Eine furchtbare Waffe

In manchen Vereinen werde sogar eine Technik trainiert, die ausschließlich darauf ausgerichtet sei, möglichst viele Ziele in kürzester Zeit zu treffen. Diese sei eigentlich für Sicherheitskräfte wie Sondereinsatzkommandos entwickelt worden, etwa um Täter bei Geiselnahmen auszuschalten, erklärt Obermeyer, der seit 1995 dem BDS nicht mehr angehört.

Obermeyer fordert nun, dass das deutsche Waffengesetz und die tägliche Praxis in den Schützenvereinen dringend verändert werden müssen, um ähnliche Vorgänge in Zukunft zu vermeiden. "Die so genannten Pumpguns sind als Waffen für Sportschützen völlig ungeeignet, sie dürfen keinem Sportler genehmigt werden", fordert er. Außerdem kritisiert Obermeyer, dass in den amtlichen Waffenbesitzkarten lediglich eine allgemeine Waffenart und die Kalibergröße festgeschrieben werde. "Ob das letztlich eine Flinte oder eine Pumpgun ist, scheint den Behörden egal zu sein", klagt der Ex-Verbandschef.

Die Innenministerien nahmen die Warnungen nicht ernst

In mehreren Schreiben an die Innenministerien der Länder und des Bundes warnte Obermeyer in den vergangenen Jahren, dass Übungen nach dem so genannten IPSC-Trainingsprogramm in immer mehr Schützenvereinen eingeführt würden. Die Abkürzung IPSC steht für "International Practical Shooting Confederation". Deren Techniken werden in den USA von Polizei, Sicherheitsdiensten "und von Verrückten" trainiert, "um gezielt auf Menschen zu schießen", so Obermeyer. Zwar erhielt der kenntnisreiche Mahner mehrmals hinhaltende Antworten, "doch passiert ist nichts", klagt er. Ausgerechnet das Thüringer Ministerium reagierte gar nicht.

Der aktuelle BDS-Chef Friedrich Gepperth weist die Vorwürfe Obermeyers energisch zurück. Gepperth sagt, der Ex-Verbandschef Obermeyer betreibe mit seiner Kritik lediglich einen persönlichen Rachefeldzug gegen den Verband, um dem BDS zu schaden. Gleichwohl kann auch Gepperth nicht bestreiten, dass die IPSC-Ausbildung dem Schützen Techniken zeige, die bei falschem Einsatz hochgefährlich sind. Gepperth betont, dass die Abgabe von Waffen an die Schützen durch die Novellierung des Waffengesetzes erheblich erschwert worden sei und dass sein Verband in Zukunft Waffenkäufe wie die von Robert Steinhäuser peinlich genau vermeiden wird.

Beim Erfurter Domblick-Schützenverein zeigt man sich von dem Streit um IPSC gelassen. Diese Technik sei in Erfurt nie trainiert worden, beteuert Vereinschef Eilers. Auf dem Schießplatz werde ausschließlich "normal" trainiert: Auf 25 Meter Entfernung schießen die Sportler im Stehen oder Liegen auf Scheiben, zuweilen auch solche, die sich bewegen. Doch auch Eilers ist sich durchaus bewusst, dass schon dieses Training für den Amoklauf in der Erfurter Schule ausreichte. Eilers: "Wir trainieren das möglichst präzise Treffen von Zielen, und das ist Robert Steinhäuser in der Schule leider sehr gut gelungen."



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