Undiplomatische Sex-Affäre Der Botschafter und das lästige Nacktmodell

Hat er oder hat er nicht? Diese Frage bewegt zurzeit Berlin und die Schweizer Eidgenossen in Bern. Denn ihr Botschafter soll außereheliche Stelldicheins gehabt haben. Die Sex-Affäre könnte den exzentrischen Diplomaten das Amt kosten.

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Thomas Borer: Zum Rapport bestellt
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Thomas Borer: Zum Rapport bestellt

Berlin/Zürich - Seinen Urlaub auf der exotischen Insel Mauritius hatte sich der Schweizer Botschafter Thomas Borer sicherlich etwas netter vorgestellt. Doch statt Palmen, ruhigen gemeinsamen Stunden mit seiner "unglaublich attraktiven" ("Bild") Ehefrau Shawne oder einem guten Buch erreichen den Diplomaten der Eidgenossen jeden Tag neue Skandalmeldungen aus der Heimat und seinem Amtssitz in der deutschen Hauptstadt.

Vorläufiger Höhepunkt der Affäre war am Donnerstag die Schlagzeile des Schweizer Boulevardblatts "Blick": "Herr Borer, Sie lügen!", titelt das Blatt und fordert den Vertreter des Alpenstaats in einem Kommentar direkt zum Rücktritt auf. "Je schneller er abtritt, desto besser", formuliert es Chefredakteur Jürg Lehmann kurz und kompromisslos in seinem Kommentar. Aus der Affäre um einige außereheliche Stelldicheins des Botschafters wird so eine Polit-Affäre.

Sex, wenn die Botschafter-Gattin nicht in Berlin war

Grund für die Aufregung um den Diplomaten: Die angebliche Sex-Affäre mit der 34-jährigen Berlinerin Djamila Rowe, die sich selbst als Visagistin bezeichnet, in der Vergangenheit aber auch als Nacktmodell in Zeitungen zu sehen war. Mit dieser zumindest leicht schillernden Dame soll der Schweizer Botschafter nach Berichten des "Blick" seit Januar 2002 eine erotische Affäre haben, über die Djamila Rowe im "Blick" vom Donnerstag auch ausführlich spricht. Auch gegenüber SPIEGEL ONLINE beschrieb die Mutter eines fünfjährigen Sohnes detailreich die verschiedenen Treffen mit Borer. Demnach hatten sich die beiden kurz vor Jahreswechsel in Berliner Nobel-Disko "Shark Club" kennen gelernt und sich ab Januar 2002 mehrfach getroffen - auch in der Botschaft.

Nackte Tatsachen verheißt "Blick"
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Nackte Tatsachen verheißt "Blick"

Sie sei fünfmal, "immer wenn Shawne nicht da war", in der Botschaft gewesen und habe dort mit dem Diplomaten Sex gehabt, berichtet sie der erfahrenen Berliner Gesellschaftsreporterin Alexandra Würzbach, die mit ihrem Riecher für heiße Geschichten schon unter Franz Josef Wagner bei der Berliner Postille "B.Z." in der Branche einen Namen und einen gewissen Ruf hatte, und nun - gemeinsam mit einigen anderen Ex-"B.Z."-Vorkämpfern - den "Blick" auf Trapp bringt. Borer sei auch bei ihr zu Hause gewesen, habe ihr aber nie etwas geschenkt, so die vermeintliche Botschafter-Geliebte.

Fotos als Beweis

Doch die Enthüller haben noch mehr als die Aussage der 34-jährigen Berlinerin: Fotos vom 21. März zeigen die besagte Dame mitten in der Nacht in ihrem roten Kleinwagen vor der Schweizer Botschaft und später in der Limousine von Botschafter Borer. Anschließend rauscht dieser mit ihr in die Tiefgarage der Botschaft. Genau eine Stunde und 47 Minuten später klickte die Kamera erneut, als Djamila die Botschaft wieder verließ. Der Fotograf hat mittlerweile eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, dass die Bilder echt seien. Sie belegen, so die Redaktion von "Blick", dass Djamila Rowe an dem besagten Abend, an dem Shawne mal wieder nicht in Berlin weilte, in der Botschaft war. Was dort dann passiert ist, wissen die Reporter von "Blick" zwar nicht, doch eigentlich ergibt sich das ja von selbst - zumindest in der Logik der Boulevardpresse.

Thomas Borer, hier mit seiner Frau, lernt nun die unangenehme Seite des Glamour-Ruhms kennen
DPA

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Für den Botschafter ist die Affäre mehr als ärgerlich. Zuerst dementierte er alles und bezog sich auf Widersprüche. Einer davon: Um ihre wahre Quelle für die Geschichte zu verschleiern hatte "Blick" geschrieben, die ehemals zeigefreudige Djamila sei von Überwachungskameras des gegenüberliegenden Bundeskanzleramtes aufgenommen worden. Die Sex-Affäre war auf dem besten Weg zur bilateralen Krise, so dass selbst Regierungssprecher Bela Anda eingreifen musste. Solche Bilder der Wachmannschaften gebe es nicht, trat Anda dem Schweizer Diplomaten offiziell zur Seite. Borer ging noch weiter und dementierte jeglichen Damenbesuch in der Botschaft. Dagegen stehen nun die Aussagen des Fotografen und der Betroffenen selber.

Appell an die Medien

Viel mehr jedoch konnte Borer nicht entkräften, denn trotz mehrerer Versuche bleibt Djamila Rowe bei ihren Aussagen. Borers Frau musste schließlich sogar eingestehen, dass die besagte Visagistin, die in einem Berliner Kaufhaus als Friseuse arbeitet, schon einmal bei einem offiziellen Empfang der Botschaft anwesend war - angeblich als Gast eines Eingeladenen. Trotzdem kämpft Botschafter Borer weiter um seine Ehre und mittlerweile auch um sein Amt als Vertreter der Schweiz in der Bundesrepublik. In einem Appell an die Medien bat er am Donnerstag um Schutz seiner Privatsphäre und beklagte "Widersprüche, Mängel und Unwahrheiten", die er mittlerweile dementiert habe.

Seine Frau ging noch weiter. Von Mauritius aus telefonierte sie mit dem Hauptstadtkorrespondenten der "Bild", dem Borer-Familienfreund Martin S. Lambeck. Die Geschichte sei eine "erbärmliche Kampagne" des Ringier-Verlags, der "Blick" verlegt, polterte die gebürtige Texanerin und gab zu Protokoll, dass sie ihren Mann liebe und freilich zu ihm stehe. Dass die anrüchige Geschichte über das außereheliche Sexleben des Thomas Borer von der Ringier-Zeitung "Blick" ausgeht, sollte für Borer und Frau hingegen keine große Überraschung sein. Schon seit Monaten kritisiert ihn das Blatt wegen seiner exzessiven Partytätigkeit in Berlin und wegen seiner Frau, sie sich gern in sexy Posen für die Glamour-Presse abbilden ließ. Diese Gesten, so das Blatt, seien eines Schweizer Botschafters nicht würdig.

Borer muss zum Rapport beim Chef

Was auch immer an der Geschichte um das Nacktmodell dran ist oder nicht, der Botschafter hat schweren Schaden genommen. Denn in der Schweiz und nicht nur bei "Blick" werden die Geschichten über ihn schon seit langem mit Unmut aufgenommen. Offiziell zwar stellt sich das Außenministerium noch hinter seinen Mann, doch hinter den Kulissen knirscht es gewaltig. Vielen geht der wenig diskrete Stil Borers "schlicht auf den Geist", wie es ein Ministeriumsmitarbeiter ganz undiplomatisch ausdrückt. Auf jeden Fall wird der Botschafter die Affäre um das Berliner Nacktmodell und seine Dementis erklären müssen. In der kommenden Woche kehrt der Schweizer Außenminister Joseph Deiss von einer Dienstreise nach Bern zurück und hat den Botschafter bereits zum Rapport bestellt.



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