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Video zu Vergewaltigungen: Ungarische Polizei macht Opfer zu Tätern

Von und Sara Maria Manzo (Video)

Ungarns Polizei hat ein vermeintliches Präventionsvideo zum Thema Vergewaltigung produzieren lassen - junge Mädchen gehen darin feiern. Die Botschaft: Sie tragen die Verantwortung, wenn ihnen Gewalt angetan wird.

YouTube/Police Hungary

Die drei Mädchen wollen Spaß haben. Sie lachen, machen sich hübsch, ziehen sich sexy an. Sie gehen in einen Klub, trinken Wodka und Bier, tanzen, lernen Jungs kennen. Zwischendurch erscheint immer wieder das Gesicht eines verweinten, vergewaltigten Mädchens. Am Ende der Party geht eines der drei Mädchen allein nach Hause. An der Ecke lauert schon ein Vergewaltiger. Die letzte Einstellung zeigt das Mädchen nach dem Verbrechen. Dazu wird eine Inschrift eingeblendet: "Du kannst etwas dafür, du kannst etwas dagegen tun."

Das dreieinhalbminütige Video mit dem Titel "Selfie Klip" wurde vor drei Tagen von der ungarischen Polizei auf ihrem offiziellen YouTube-Kanal veröffentlicht. Produziert wurde es im Auftrag der Polizei des südungarischen Kreises Baranya, die Stadt Pécs verwendet es im Rahmen einer Gewaltpräventionskampagne - dort wird das Video unter anderem an Schulen gezeigt. Nachdem index.hu, Ungarns meistgelesenes Nachrichtenportal, unter dem Titel "Hier sind die neuesten Anti-Party-Spots der Polizei" einen kritisch-ironischen Artikel zu dem Video verfasst hatte, löste es landesweite mediale Aufmerksamkeit und den Protest zahlreicher Frauen- und Bürgerrechtsorganisationen aus.

"Dieses Video ist ungeheuerlich", sagt Réka Sáfrány vom Interessenverband Ungarischer Frauen (MNESZ), einem Zusammenschluss mehrerer Frauenorganisationen. "Die Verantwortung für das Gewaltverbrechen wird vollständig dem Opfer zugeschoben." Das Video suggeriere außerdem, dass Mädchen, die sich so verhalten, unvermeidlich Opfer von Vergewaltigungen werden. "Es ist die Botschaft einer extrem konservativen Moralauffassung, wie sie derzeit auch von einem Teil der ungarischen Regierungsmehrheit vermittelt wird", so Sáfrány zu SPIEGEL ONLINE.

Das Video fördere den Hass auf Frauen, mahnen Kritiker

Sie meint damit vor allem die Christdemokratische Volkspartei (KDNP), die als Splitterpartei dem regierenden national-konservativen Bund Junger Demokraten (Fidesz) des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán angeschlossen ist. Die KDNP vertritt ein reaktionäres, fundamentalistisches Christentum und zeichnet sich in der Orbán-Regierung verantwortlich für eine ultrakonservative Familien- und Bildungspolitik.

In einem offenen Brief an die ungarische Polizei protestieren inzwischen mehrere ungarische Frauenrechtsorganisationen in scharfer Form gegen das Video. Es vertausche die Rollen zwischen Opfer und verantwortlichem Täter, fördere die Verachtung und den Hass auf Frauen, die sich in bestimmter Weise anziehen und verhalten, und transportiere auch eine verletzende Botschaft für Männer, die als instinktgeleitete potenzielle Gewalttäter dargestellt werden würden. Indem ungarische Behörden ihre Zustimmung zur Produktion solcher Videos erteilten, heißt es in dem Protestbrief weiter, verletzten sie auch internationale Menschenrechtsnormen zur Gewaltprävention, die Ungarn einzuhalten sich verpflichtet habe.

Obwohl ungarische Frauen- und Bürgerrechtsorganisationen die Polizei aufforderten, das Video sofort zurückzuziehen und es insbesondere nicht mehr an Schulen zu zeigen, reagierten bisher weder die Polizeiführung im Kreis Baranya noch die ungarische Landespolizeiführung.

Stattdessen veröffentliche die ungarische Polizei heute auf ihrer Webseite police.hu einen Aufruf der Polizei des westungarischen Kreises Vas. Unter der Überschrift "Frauen im Schatten der Gewalt" heißt es darin: "Die Erfahrungen zeigen, dass der weiblichen Metakommunikation bei der Prävention eine sehr große Rolle zukommt. Oft ist es die Koketterie junger Mädchen, die Gewalt auslösen kann."

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