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Unglücks-AKW: "Fukushima sprengt die Dimension von Tschernobyl"

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Ist die Katastrophe in Fukushima schlimmer als der GAU von Tschernobyl? "Ja", sagt Thomas Dersee von der Gesellschaft für Strahlenschutz. "Nein, noch nicht", meint Gerhard Wotawa von der Zentralanstalt für Meteorologie in Wien. Zwei Experten - zwei Interviews.

AKW-Katastrophe in Fukushima: Kaskade der Hiobsbotschaften Fotos
AP/ Air Photo Service

Hamburg - Die schlechten Nachrichten aus dem havarierten AKW Fukushima I reißen nicht ab: Die Belastung des Meeres durch radioaktives Jod 131 stieg auf Rekordwerte, Plutonium trat aus und die Schutzhüllen von drei Reaktoren sind beschädigt. Es bestehe keine Gesundheitsgefährdung, beteuerte Tepco - dabei können schon winzige eingeatmete Mengen kurzlebiger Plutonium-Isotope Lungenkrebs auslösen.

Widersprüchliche Interpretationen des ohnehin stark variierenden Datenmaterials erschweren eine Einschätzung der Lage am Katastrophenkraftwerk. Während einige Wissenschaftler davon überzeugt sind, dass die Kernschmelze seit Wochen läuft und die japanische Regierung systematisch Informationen zurückhält, gehen andere davon aus, dass noch nicht alles verloren ist.

Fest steht: In dem durch das Erdbeben und eine 14 Meter hohe Flutwelle zerstörten Atomkraftwerk wurden in mindestens drei der sechs Reaktoren Brennstäbe beschädigt. Erstmals gaben die Behörden am Dienstag zu, dass die Schutzhüllen der Blöcke 1, 2 und 3 nicht mehr dichthalten. Dies war schon am 13. März kurz nach einer Wasserstoffexplosion im Reaktor 1 vermutet, aber offiziell nicht bestätigt worden.

Lange zierten sich die japanischen Behörden, im Ausland um Hilfe zu bitten. Jetzt wollen sie verstärkt mit Experten aus Frankreich, Russland und den USA zusammenarbeiten. Doch was können die Spezialisten aus dem Westen jetzt noch tun? Ist die nukleare Katastrophe in Japan letztlich schlimmer als der GAU in Tschernobyl?

SPIEGEL ONLINE hat zwei Experten zur aktuellen Situation befragt.

"Kein anständiger Ingenieur baut solche Anlagen"

Ingenieur Thomas Dersee von der Gesellschaft für Strahlenschutz
in Hannover

SPIEGEL ONLINE: Sprengt die nukleare Katastrophe von Fukushima die Dimension von Tschernobyl?

Dersee: Meiner Ansicht nach ja. In den vier besonders kritischen Reaktoren und den Lagerbecken haben wir es mit sehr viel mehr radioaktivem Inventar zu tun als in Tschernobyl, wo nur ein Reaktor beschädigt wurde. Laut Umweltinstitut München lagerte in Fukushima mindestens 120-mal so viel radioaktives Inventar wie in Tschernobyl. Bei solch gewaltigen Zahlen wird einem ganz flau im Magen. (Anmerkung der Redaktion: Laut "New Scientist" lagerten in Fukushima 1760 Tonnen Brennmaterial - zehnmal so viel wie in Tschernobyl)

Die Daten, die wir bisher zu Bodenbelastung und Ortsdosisleistung um die Anlage herum und in den angrenzenden Präfekturen haben, stützen die These, dass sich ein Super-GAU ereignet hat. Selbst mehrere hundert Kilometer vom Reaktorgelände entfernt hat man bis zu 1,2 Mikrosievert pro Stunde gemessen - normal sind weit unter 0,1 Mikrosievert pro Stunde. Das lässt sich nur mit einer nuklearen Kettenreaktion erklären.

SPIEGEL ONLINE: Sind die havarierten Reaktoren überhaupt noch unter Kontrolle zu bringen?

Dersee: In Fukushima war von Anfang an gar nichts unter Kontrolle. Die sogenannte Kernschmelze schreitet unaufhaltsam voran, der Prozess ist nicht mehr zu stoppen. Dafür muss der Reaktor nicht mal eingeschaltet sein.

SPIEGEL ONLINE: Die japanische Regierung bezeichnete die Kernschmelze in Reaktor 2 als "ein vorübergehendes Ereignis". Was soll man sich darunter vorstellen?

Dersee: Die Kernschmelze läuft in Fukushima meiner Meinung nach schon seit zwei Wochen ab. Sie müssen verstehen: Brennstäbe sind mehrere Meter lange Gebilde, die aus Hüllrohren bestehen, die Zirkonium enthalten und sehr stoßempfindlich sind. Diese Hüllen sind zum Teil zerbrochen, wodurch sich die Geometrie der Brennstäbe verändert hat.

Der Brennstoff Uran bildet kritische Massen und es findet eine autonome nukleare Reaktion statt, die sogenannte Kettenreaktion. Die ist nur zu stoppen, indem man die Brennstäbe entfernt. Weil das unmöglich ist, setzt sich der Vorgang fort. Das ist nicht wie bei einer Bombe, die explodiert, sondern eher wie bei Geysiren, heißen Quellen, in denen sich Druck aufbaut, das Wasser hochschießt und wieder zusammenfällt.

SPIEGEL ONLINE: Was ist derzeit das Worst-Case-Szenario?

Dersee: Ich befürchte, dass es noch wochenlang so weitergeht, bis alle Brennstäbe ausreagiert haben. Das ist eine sehr bedrückende Vorstellung. Je nach Windrichtung und der Menge an Radioaktivität, die entweicht, wird eine Zone von mehreren zehn Kilometern um die Atomanlage vermutlich für die nächsten Jahrzehnte unbewohnbar sein.

SPIEGEL ONLINE: Ist es zu verantworten, bei der Sperrzone einen Radius von 20 Kilometern beizubehalten?

Dersee: Die japanische Regierung hat den Bürgern freundlich empfohlen, freiwillig etwa 30 Kilometer Abstand vom Unglücksreaktor zu halten. Das ist natürlich fahrlässig, bei derzeit herrschenden Radioaktivitätswerten von immer wieder 100 bis 150 Mikrosievert pro Stunde in der Region, vor allem offenbar in nordwestlicher Richtung.

Die Radioaktivität verteilt sich ja nicht gleichmäßig, kreisförmig um die havarierten Reaktoren herum, sondern sie variiert extrem, das weiß man aus Tschernobyl. Deshalb würde ich mich den Vorschlägen der US-Behörden anschließen, die eine Evakuierung im Umkreis von mindestens 80 Kilometern fordert. Die Schiffe sollten sich nicht mehr als 100 Kilometer der Küste nähern.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der Informationspolitik der japanischen Regierung?

Dersee: Sie stellt in der Öffentlichkeit Vermutungen auf, die sich dann als längst eingetretene Tatsachen erweisen. Durch Ungewissheit entstehen Ängste in der Bevölkerung - und das ist wenig hilfreich bei der Bewältigung einer nationalen Katastrophe. In der Regel können die Betroffenen mit harten Fakten besser und rationaler umgehen als mit Halbwahrheiten und enttäuschten Hoffnungen.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefährdet sind die Meere?

Dersee: Etwa 30 Kilometer vor der Küste hat man stark erhöhte Werte von 10 bis 60 Becquerel pro Liter gemessen, sowohl Cäsium 137 als auch Jod 131. In der Regel sinken die radioaktiven Stoffe im Wasser ab und werden dann über das Plankton in die Nahrungskette aufgenommen. Die Hoffnung ist, dass sich die Belastung verteilt - aber es gibt je nach Strömung Gebiete, die sehr belastet sind. Die müssen jetzt erst mal eruiert werden. Für die Japaner, die sich sehr viel von Fisch ernähren und gern auch Seetang essen, bedeutet der Verlust dieser Nahrungsquelle einen Kulturschock.

SPIEGEL ONLINE: Wie gefährlich ist das ausgetretene Plutonium?

Dersee: Plutonium ist am gefährlichsten, wenn es eingeatmet wird. Dann können schon Millionstel Gramm die Wahrscheinlichkeit, an Lungenkrebs zu erkranken, immens erhöhen, das haben Tierversuche bewiesen. Vor allem vergleichsweise kurzlebige Isotope wie Plutonium 238 mit einer Halbwertzeit von 88 Jahren führen zu schweren Schäden. Was die langfristigen Auswirkungen einer Verseuchung mit Plutonium 239 - Halbwertzeit 24.000 Jahre - angeht, kann ich keine Prognosen anstellen, auch weil nicht bekannt ist, welche Mengen ausgetreten sind.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet eine Kontaminierung für die Trinkwasserversorgung im Land?

Dersee: Das ist ein Riesenproblem. Japan und speziell Tokio werden überwiegend mit Oberflächenwasser versorgt, also Wasser aus Flüssen und Regenwasser aus großen Reservoirs, in denen man bereits erhöhte Werte gemessen hat. In Schweden gibt es infolge des GAUs in Tschernobyl noch heute stark mit langlebigem Cäsium verstrahlte Seen und kontaminierte Fische.

SPIEGEL ONLINE: Wäre mehr Personal am Reaktor hilfreich?

Dersee: In Tschernobyl wurden geschätzte 800.000 Liquidatoren zum Dienst abkommandiert, von denen viele schwere gesundheitliche Schäden davontrugen. Ein Einsatz von dieser Dimension wäre in Japan sicherlich nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Japan hat jetzt Hilfe von US-amerikanischen, französischen und russischen Experten angefragt. Können die helfen?

Dersee: Die können auch nicht mehr tun. Das ist der Fluch dieser Technik. Kein anständiger Ingenieur baut solche schwer zu kontrollierenden Anlagen - und dann auch noch in einem Erdbebengebiet.

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Version dieses Textes sind Fehler aufgetreten, die wir korrigiert haben. Demnach sind die Brennstabhüllen keine Spezialkeramikhülsen, die Zirkon enthalten, sondern Hüllrohre aus Legierungen des Metalls Zirkonium. Das Lungenkrebsrisiko wird schon beim Inhalieren von einigen Millionstel Gramm (nicht einem Atom) Plutonium erhöht. Wir bitten die Fehler zu entschuldigen.

ZAMG

"Das Level von Tschernobyl ist noch nicht erreicht"

Gerhard Wotawa von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik in Wien

SPIEGEL ONLINE: Sprengt die nukleare Katastrophe von Fukushima die Dimension von Tschernobyl?

Wotawa: Derzeit noch nicht. Es gab in Fukushima keine große Explosion wie in Tschernobyl, es flog kein ganzer Reaktor in die Luft. Die Informationen zu den Unglücksreaktoren variieren stark. Allerdings zeigen die Messungen der CTBTO, der Uno-Organisation zur Überwachung des internationalen Kernwaffenstopp-Abkommens, sehr genau, wie die atomare Wolke von Fukushima um die Welt geht. Anhand dieser Daten kann man errechnen, wie groß die Jod-131- und Cäsium-137-Freisetzung in Fukushima gewesen ist. Und die war beträchtlich. An manchen Tagen waren die Emissionen dieser radioaktiven Stoffe nach unseren Rechnungen ähnlich wie in Tschernobyl.

SPIEGEL ONLINE: Sind die havarierten Reaktoren überhaupt noch unter Kontrolle zu bringen?

Wotawa: Das kann ich nicht sagen, ich bin kein Reaktorexperte. Aber über den Zustand der Anlagen ist so wenig bekannt, dass es ohnehin schwierig ist, das einzuschätzen. Die Experten in Fukushima kämpfen schon zwei Wochen lang gegen die Kernschmelze. Sie kühlen die Reaktoren mit Meer- und Süßwasser - es bleibt ihnen aber auch gar nichts anderes übrig.

SPIEGEL ONLINE: Was ist derzeit das Worst-Case-Szenario?

Wotawa: Dass das gesamte radioaktive Inventar vom Reaktor austritt und in die Umwelt gelangt.

SPIEGEL ONLINE: Und was könnte bestenfalls passieren?

Wotawa: Dass es gelingt, die Anlagen einzubetonieren und so zu isolieren, dass keine Radioaktivität mehr austritt. Aber das ist Zukunftsmusik. Im Moment hat die Kühlung Priorität und das noch für eine ganze Weile.

SPIEGEL ONLINE: Ist es zu verantworten, bei der Sperrzone einen Radius von 20 Kilometern beizubehalten?

Wotawa: Ich gehe davon aus, dass die Japaner die Sperrzone so bemessen, dass eine akute Gefährdung der Bevölkerung ausgeschlossen ist. Es gibt Standardempfehlungen bei dieser Art von Katastrophe...

SPIEGEL ONLINE: ...die die japanische Regierung jetzt überarbeiten will.

Wotawa: Wenn die Menschen in ihren Wohnungen bleiben und andere Schutzmaßnahmen ergreifen, kann es vielleicht reichen. Es ist immer auch wichtig, wie lange jemand der Strahlung ausgesetzt ist.

SPIEGEL ONLINE: Werden die Menschen in die 20-Kilometer-Zone zurückkehren können?

Wotawa: Derzeit ist es vollkommen unmöglich, dort zu leben, die Konzentration an Radioaktivität ist viel zu hoch. Sollte morgen alles vorbei sein - was unwahrscheinlich ist - würde es drei, vier Monate dauern, bis die kurzlebigere Strahlung vergeht. Cäsium und andere langlebigere Substanzen werden aber über Jahre hinaus dafür sorgen, dass die Gegend in der unmittelbaren Umgebung des Reaktors nicht besiedelt werden darf.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von der Informationspolitik der japanischen Regierung?

Wotawa: Über die Informationspolitik in Japan selbst kann ich überhaupt nichts sagen. Was meine eigene Arbeit in dieser Sache betrifft, würde ich mir wünschen, dass Informationen und Messungen zur lokalen Belastung mit Radionukliden in einer besser strukturierten Form erfolgen. Es gibt teilweise aktuelle Daten, aber die Daten der Vortage oder Zeitreihen sind oft nicht abrufbar. Andere Daten sind erst einige Tage nach Beginn des Unfalles verfügbar. Es ist daher oft kompliziert, auf dem Laufenden zu bleiben.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet der Plutoniumaustritt für die Trinkwasserversorgung?

Wotawa: Plutonium ist hochgiftig, schon Spuren davon sind sehr schädlich. Die langfristigen Folgen sind bei Halbwertszeiten bis 24.000 Jahre schwer abzuschätzen. Schon der Austritt von Cäsium 137 ist ein Problem, weil es bis zu 30 Jahre im Boden bleibt. Die CTBTO hat Hinweise darauf, dass auch schwere radioaktive Substanzen ausgetreten sind - aber die Mengen sind nicht bekannt.

SPIEGEL ONLINE:Wäre mehr Personal an den Reaktoren hilfreich?

Wotawa: In Tschernobyl gab es Hunderttausende Helfer am AKW, das wäre in Japan wohl nicht möglich. Auch dort haben die Arbeiter in den beiden Wochen hohe Dosen an Radioaktivität abbekommen.

SPIEGEL ONLINE: Japan hat jetzt Hilfe von US-amerikanischen, französischen und russischen Experten angefragt. Können die helfen?

Wotawa: Wenn jemand helfen kann, dann sind es die Experten aus diesen Ländern, weil sie die meisten Atomkraftwerke und entsprechende Erfahrung haben. Allerdings fragt man sich, warum das erst nach zwei Wochen passiert. Vielleicht haben die Japaner geglaubt, sie schaffen es selbst, alles unter Kontrolle zu kriegen.

SPIEGEL ONLINE: Wäre das Krisenmanagement in Deutschland in einer vergleichbaren Situation besser gewesen?

Wotawa: Das kann man unmöglich sagen. In Japan hat sich eine Naturkatastrophe ereignet, die alle Vorhersagen gesprengt hat. Das war eine Ausnahmesituation, der totale Kontrollverlust wie bei einem Terroranschlag. Die Japaner habe ihre Technologie in der Regel gut im Griff. Tatsächlich hat die Notabschaltung im Kernkraftwerk nach dem Erdbeben gut funktioniert. Auch die Kühlung. Es war die Flutwelle, die die beiden Backup-Systeme eliminiert hat. Die Notstromaggregate fielen aus, die Batterien wurden nass.

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1. ...
unifersahlscheni 31.03.2011
...bei dieser Frage bin ich genauso unschlüssig wie: "Ist Kachelmann schuldig oder nicht?" Aber Hauptsache ich habe hier meinen Senf dazugegeben...! ;-)
2. Problemlösungen lange vorhanden
flieger47 31.03.2011
Wir haben schon 2002 für solche Havarien die Begrenzung der Folgen auf minimale Bereiche zum Patent angemeldet. Patenterteilungen gab es bisher in USA, Rußland, China, Indien, Australien, weitere werden folgen. Beim Bundesumweltministerium hatte man "keine Zeit", bei den Betreibern kein Interesse. Über diesen Link können Sie sich informieren:http://www.innovation-hunter.de/?page_id=573
3. ...
felisconcolor 31.03.2011
Zitat von sysopIst die Katastrophe in Fukushima schlimmer als der GAU von Tschernobyl? "Ja", sagt Thomas Dersee von der Gesellschaft für Strahlenschutz. "Nein, noch nicht", meint Gerhard Wotawa von der Zentralanstalt für Meteorologie in Wien. Zwei Experten, zwei*Interviews -*zwei Meinungen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753938,00.html
Na dem verl.... Nachrichten Bericht eines Herrn Pflugbeil speche ich der Gesellschaft für Strahlenschutz jegliche Expertise ab.
4. .
frubi 31.03.2011
Zitat von sysopIst die Katastrophe in Fukushima schlimmer als der GAU von Tschernobyl? "Ja", sagt Thomas Dersee von der Gesellschaft für Strahlenschutz. "Nein, noch nicht", meint Gerhard Wotawa von der Zentralanstalt für Meteorologie in Wien. Zwei Experten, zwei*Interviews -*zwei Meinungen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,753938,00.html
2 Meinungen? Wie wäre es mal mit Fakten. Gibt es nicht? Gut, dann aber auch bitte keine überflüssigen Meinungen die uns nur noch weiter verwirren. Ich blick sowieso nicht mehr durch und kann nur noch hoffen, dass die Japaner die Lage richtig einschätzen und am Ende nicht hunderttausende Menschen verstrahlt werden und mit Folgeschäden zu kämpfen haben.
5. falsch
rst2010 31.03.2011
gau ist definiert als der unfall mit dem man maximal gerechnet hat, der gerade noch beherrschbar ist; die kontroll war dem betreiber schon zu beginn entglitten, bzw. er hat sie nie wiedererlangt. daher ist es en supergau.
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Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

Die wichtigsten Fragen zur Strahlengefahr
Was richtet Strahlung im menschlichen Körper an?
Corbis
Die Schwere der Schäden hängt davon ab, welches Gewebe wie stark von der Strahlung betroffen ist. Erste Symptome einer Strahlenkrankheit sind Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Sie treten wenige Stunden nach Einwirken der Strahlung auf den Körper auf. Klingen die Symptome ab, stellt sich nach einigen Tagen Appetitlosigkeit, Übermüdung und Unwohlsein ein, die einige Wochen andauern.
Wie qualvoll eine akute Strahlenkrankheit bei hoher Dosis enden kann, zeigen die Opfer der Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki und der Tschernobyl-Katastrophe. Haarausfall, unkontrollierte Blutungen, ein zerstörtes Knochenmark, Koma, Kreislaufversagen und andere dramatische Auswirkungen können den Tod bringen.
Wie verläuft eine leichte Strahlenkrankheit?
Menschen mit einer leichten Strahlenkrankheit erholen sich zwar in der Regel wieder. Doch oft bleibt das Immunsystem ein Leben lang geschwächt, die Betroffenen haben häufiger mit Infektionserkrankungen und einem erhöhten Krebsrisiko zu kämpfen.
Wie kann man sich schützen?
DPA
Im Gebiet, in dem ein nuklearer Niederschlag zu befürchten ist, kann es helfen, sich in geschlossenen Räumen aufzuhalten. Gegen radioaktives Jod schützt die vorsorgliche Einnahme von Kaliumjodidtabletten. Allerdings schützt diese nur vor Schilddrüsenkrebs. Das eingenommene Jod lagert sich in den Drüsen links und rechts des Kehlkopfes an und verhindert so die Aufnahme von radioaktivem Jod. Wichtig: Jodtabletten nicht ohne behördliche Aufforderung einnehmen.
Radioaktives Jod baut sich in der Umwelt allerdings schnell ab. Gefährlicher ist radioaktives Cäsium, es hat eine längere Lebensdauer und wirkt bei Aufnahme durch die Luft oder über Nahrungsmittel im ganzen Körper. Dagegen helfen keine Pillen. Bricht ein Reaktor, wie in Tschernobyl geschehen, auseinander, gelangen großen Mengen Cäsium in die Atmosphäre und verstrahlen die Gegend, in der die Partikelwolke niedergeht, auf viele Jahre.
Was bedeutet die Maßeinheit Millisievert?
DPA/ Kyodo/ Maxppp
Sievert (Sv) ist eine Maßeinheit für radioaktive Strahlung. Ein Sievert entspricht 1000 Millisievert. Die Einheit gibt die sogenannte Äquivalentdosis an und ist somit ein Maß für die Stärke und für die biologische Wirksamkeit von Strahlung.
7000 Millisievert, also sieben Sievert, die direkt und kurzfristig auf den Körper treffen, bedeuten den sicheren Tod (siehe Grafik). Zum Vergleich: Am Montagmorgen maßen die Techniker am Kraftwerk Fukushima I eine Intensität von 400 Millisievert pro Stunde. In Tschernobyl tötete die Strahlung von 6000 Millisievert 47 Menschen, die unmittelbar am geborstenen Reaktor arbeiteten.
Wie hoch ist die Belastung im Alltag?
DPA/ NASA
Menschen sind tagtäglich der natürlichen radioaktiven Strahlung im Boden oder der Atmosphäre ausgesetzt. In Deutschland beträgt sie laut Bundesamt für Strahlenschutz 2,1 Millisievert pro Jahr (siehe Grafik). Der menschliche Organismus hat Abwehrmechanismen gegen die natürliche Strahleneinwirkung entwickelt, um sich vor diesen Belastungen zu schützen.


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