Unglücks-AKW Riesiges Stahlfloß soll radioaktives Wasser aufnehmen

Wohin mit dem radioaktiven Wasser, das im havarierten AKW Fukushima aus den Reaktoren gepumpt wird oder ins Meer läuft? Bisher fehlten den Einsatzkräften genügend Tanks. Nun soll ein gigantisches Stahlfloß das Problem lösen.

Stahlfloß in der Präfektur Shizuoka: 136 Meter lang, 46 Meter breit
AP/ Yomiuri Shimbun

Stahlfloß in der Präfektur Shizuoka: 136 Meter lang, 46 Meter breit


Hamburg - Es ist eines der größten Probleme im Unglücks-AKW Fukushima: Aus mehreren Reaktoren muss radioaktives Wasser abgepumpt werden. Zumal es aus Reaktor 2 inzwischen in den Pazifik sickert. Das erklärte am Samstag der Sprecher der Atomsicherheitsbehörde, Hidehiko Nishiyama. Doch eine geeignete Lagerstätte für das kontaminierte Wasser fehlt bisher. Die Tanks in Fukushima reichen nicht aus, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo.

Nun gibt es einen neuen Plan: Für Aufbewahrung und Transport des Wassers soll ein riesiges Floß zum Einsatz kommen. Nach Angaben der japanischen Nachrichtenagentur Jiji ist das pontonähnliche Becken 136 Meter lang, 46 Meter breit und drei Meter hoch. Das Floß bestehe aus einem Stahltank und könne insgesamt bis zu 18.000 Tonnen Wasser fassen, berichtet die Zeitung "Asahi" unter Berufung auf die Verwaltung der Präfektur Shizuoka.

Die Stadt Shimizu stelle Tepco das Floß zur Verfügung, sagte Bürgermeister Zenkichi Kojima. Normalerweise diene das Floß zum Angeln.

Laut "Asahi" gibt es ähnliche Flöße auch in weiteren Präfekturen, etwa in Mie oder Hyogo. Derzeit habe jedoch nur die Präfektur Shizuoka eine derartige Anfrage erhalten, da diese Region am nächsten an Fukushima liege. Die Stadt Shimizu liegt etwa 150 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Tokio - und damit rund 400 Kilometer südwestlich des havarierten Kraftwerks.

Regierungschef reist in Krisengebiet

Drei Wochen nach dem verheerenden Erdbeben und dem folgenden Tsunami hat Regierungschef Naoto Kan erstmals die Katastrophenregion im Nordosten des Landes besucht. Der Ministerpräsident landete am Samstag mit einem Militärhubschrauber in der Hafenstadt Rikuzentakata, die durch die Naturgewalten schwer verwüstet wurde. Allein in der 25.000-Einwohner-Stadt in der Präfektur Iwate starben am 11. März etwa tausend Menschen. Mehr als 1200 Personen gelten als vermisst und sind vermutlich ebenfalls tot.

"Es ist ein etwas langer Kampf, aber die Regierung wird ihnen bis zum Ende beistehen und ihr Bestes tun, bleiben auch Sie bitte zäh", sagte Kan zu einer Gruppe von Feuerwehrmännern in Rikuzentakata. Zuvor hatte er dort in einer Notunterkunft in einer Grundschule den dort untergekommenen Opfern Mut zugesprochen und Hilfe der Regierung versprochen.

Anschließend stand ein Besuch im "J-Village" auf dem Programm, einer etwa 20 Kilometer von dem havarierten Atomkraftwerk Fukushima I gelegenen Sportanlage. Auch dort wollte Kan mit den dort untergebrachten Soldaten und anderen Rettungskräften sprechen.

Die Krise um das AKW wird nach Einschätzung des Generaldirektors der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA), Yukio Amano, noch lange andauern. Es werde mehr Zeit brauchen, als die Menschen denken, bis alles wieder normal sei, sagte Amano laut der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo nach einem Treffen mit Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon in Nairobi. Der IAEA-Chef bekräftigte, dass die Situation im havarierten Kernkraftwerk sehr ernst sei.

Suche nach Vermissten wird fortgesetzt

Tausende von japanischen und US-amerikanischen Soldaten sowie andere Rettungskräfte haben am Samstag ihre Suche nach Vermissten im Gebiet der schwer zerstörten Stadt Ishinomaki in der Provinz Miyagi fortgesetzt. Sie konzentrierten sich am zweiten Tag der auf drei Tage angelegten Suchaktion auf das Gebiet um eine Grundschule, wo viele Schüler von dem Tsunami erfasst worden waren. Taucher suchten auch einen nahegelegenen Fluss ab.

Am Tag zuvor hatten die Einsatzkräfte 32 Leichen in den Trümmern entdeckt. Die Zahl der Toten durch die Naturkatastrophe gab die Polizei am Samstag offiziell mit 11.800 an, 15.540 Menschen würden weiter vermisst.

Von Sievert bis Becquerel: Kleines Lexikon der Strahlenmessung
Alpha-, Beta- und Gammastrahlen
Manche Atomkerne von chemischen Elementen sind instabil und zerfallen deshalb. Sie werden als radioaktiv bezeichnet. Die Zerfallsprozesse können unterschiedlicher Natur sein. Die Strahlung, die zerfallende Elemente aussenden, wird in drei Arten unterschieden: Während Alpha- und Betastrahlung aus Partikeln bestehen, handelt es sich bei Gammastrahlung um elektromagnetische Wellen, ähnlich der Röntgenstrahlung. Allerdings ist ihre Wellenlänge viel kleiner und die Strahlen sind somit extrem energiereich. Alphastrahlung besteht aus positiv geladenen Helium-Kernen, die aus zwei Protonen und zwei Neutronen aufgebaut sind. Betastrahlen bestehen aus Elektronen. Sie entstehen, wenn sich ein Neutron in ein Proton und ein Elektron umwandelt, das vom Atomkern abgestrahlt wird.
Becquerel: Einheit der Aktivität
Eine Substanz ist dann radioaktiv, wenn sie zerfällt und dabei Strahlung aussendet. Um anzugeben, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, benutzt man den Begriff der Aktivität (A). Sie wird in Becquerel (Bq) gemessen und gibt die Strahlung an, die eine Substanz innerhalb einer bestimmten Zeit durch Zerfall erzeugt. Per Definition entspricht ein Becquerel einem Zerfall pro Sekunde. Je schneller eine Probe zerfällt, desto intensiver strahlt sie also.
Gray: Einheit der Energiedosis
Weiß man, wie stark eine radioaktive Substanz strahlt, sagt das noch nichts darüber aus, wie sich die Strahlung auf den Körper auswirkt. Dafür ist es wichtig zu bestimmen, wie viel Energie von einer bestimmten Masseneinheit des Körpers absorbiert wird. Angegeben wird die absorbierte Energiedosis (D) in der Einheit Gray (Gy), wobei ein Gray der Energiemenge von einem Joule pro Kilogramm entspricht.
Sievert: Einheit der Äquivalentdosis
Um die biologische Wirksamkeit der radioaktiven Strahlung auf den Körper anzugeben, benutzt man anstelle der Energiedosis den Begriff der Äquivalentdosis (H). Sie berücksichtigt die Tatsache, dass verschiedene Arten von Strahlen ganz unterschiedliche Wirkungen auf den Körper haben. So ionisiert Alphastrahlung bei weitem mehr Moleküle als etwa Betastrahlen - und richtet deshalb eine größere Zerstörung im Körper an. Daher wird jede Strahlungsart mit Hilfe einer physikalischen Größe gewichtet, dem sogenannten Strahlenwichtungsfaktor. Gemessen wird die Äquivalentdosis in Sievert (Sv). Sie ergibt sich aus der Multiplikation der Energiedosis mit dem Strahlenwichtungsfaktor. 1 Sievert (Sv) sind 1000 Millisievert (mSv). 1 Millisievert sind 1000 Mikrosievert (µSv).
Sievert pro Zeit: Einheit der Strahlenbelastung
Um die Auswirkungen von radioaktiver Strahlung auf den Körper genauer einschätzen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie lange eine bestimmte Dosis auf den Körper einwirkt. Daher wird die Strahlenbelastung meist in Sievert pro Zeiteinheit gemessen. Also etwa Millisievert pro Jahr oder Mikrosievert pro Stunde. Die durchschnittliche natürliche Strahlenbelastung liegt in Deutschland bei 2,1 Millisievert pro Jahr, also 0,24 Mikrosievert pro Stunde. Im Schnitt kommen zwei Millisievert pro Jahr durch künstliche Quellen von Radioaktivität hinzu. Den Löwenanteil dazu steuert die Medizin bei.
Von Becquerel zu Sievert: Der Dosiskonversionsfaktor
Die Strahlenbelastung von Böden oder in Lebensmitteln etwa wird in Becquerel pro Quadratmeter oder Becquerel pro Kilogramm angegeben. Doch was bedeutet dieser Wert für die Auswirkungen auf den Körper? Um eine Beziehung zwischen Aktivität und Äquivalentdosis herstellen zu können, gibt es den sogenannten Dosiskonversionsfaktor. Er hängt unter anderem von der Art der Strahlung und der radioaktiven Substanz ab, sowie von der Art, wie die Strahlung in den Körper gelangt (Inhalieren, Aufnahme durch die Nahrung). So entspricht die Aufnahme von 80.000 Becquerel Cäsium 137 mit der Nahrung einer Strahlenbelastung von etwa einem Millisievert. Der Verzehr von 200 Gramm Pilzen mit 4000 Becquerel Cäsium 137 pro Kilogramm hat beispielsweise eine Belastung von 0,01 Millisievert zur Folge. Das lässt sich mit der Belastung durch Höhenstrahlung bei einem Flug von Frankfurt nach Gran Canaria vergleichen.
EU-Grenzwerte für Nahrungsmittel
Nach der Tschernobyl-Katastrophe hatte die EU Grenzwerte für den Import von Lebensmitteln aus jenen Ländern geregelt, die durch das Atom-Unglück kontaminiert wurden. Zusätzlich hat die EU am 26. März 2011 weitere Grenzwerte für Importe aus Japan festgelegt - die Grenzen wurden jedoch als zu lasch kritisiert. Am 8. April reagierte die EU - und passte die Grenzen an japanische Normen an. Für Cäsium 134 und Cäsium 137 gilt künftig bei Lebensmitteln ein Grenzwert von 500 Becquerel pro Kilogramm. Bei Säuglings- und Kindernahrung senkte Brüssel den Grenzwert für Cäsium von 400 auf 200, für Jod von 150 auf 100 Becquerel.

hut/rkv/wit/AFP/dpa



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Seite 1
merapi22 02.04.2011
1. AKW Ideologie in Trümmern - endlich global alle AKWs abschalten!
Zitat von sysopWohin mit dem radioaktiven Wasser, das*im havarierten AKW Fukushima aus den Reaktoren gepumpt wird oder ins Meer läuft? Bisher fehlten den Einsatzkräften genügend Tanks. Nun soll ein gigantisches Stahlfloß das Problem lösen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754592,00.html
Wer soll diese Arbeit vor Ort erledigen? Ganz einfach: Alle die durch AKWs REICH geworden sind!
timewalk 02.04.2011
2. Was mit Nachbarstaaten Meilern machen?
Unsere Regierung ist gut beraten International die Abschaltung von Pannenmeilern aktiv anzugehen! Tschechien: Leck im AKW Dukovany http://www.tz-online.de/nachrichten/bayern-lby/reaktor-tschechischem-wegen-lecks-heruntergefahren-1186430.html
mucki526 02.04.2011
3. Wohin
Wohin mit dem verstrahlten Wasser. Gestern lese ich im Ticker, dass das Wasser in Tanks gepumpt wird und ich fragte mich, ob die genug Tanks haben und was aus den Tanks wird, die verstrahlt werden. Im Moment wird Wasser abgepumpt aus dem AKW - und oben muss neues eingefüllt werden - für Monate und Jahre, um die Brennstäbe (oder was davon übri ist) zu kühlen. Unten läuft es dann wieder raus. Wohin mit der verstrahlten Brühe, wenn es kein Endlager gibt? Und wohin mit den verstrahlten Tanks, Flößen, Pumpen, Räummaschinen, die die verstrahlte Brühe über Monate gelagert haben? Alles was mit der Radioaktivität in Berührung kommt, wird verstrahlt. Das ist die Krux. Wenn man zum Arzt geht und nur geröngt wird, wird man bis zum Abwinken mit Bleischürzen behängt. Was im Normalfall unter größten Vorsichtsmaßnahmen als Kleinstmengen aufgeteilt in Beton und Fässer in Fässern unter Polizeischutz in die tiefsten Lager verbracht wird, damit ja kein Unheil geschieht, da stapfen die Menschen im Moment in Gummistiefeln bis zum Knie darin rum und werden verstrahlt und es wird in Tankflöße gepumpt, die garnicht für radioaktives Material ausgelegt sind. Ein nicht endender Alptraum.
duanehanson 02.04.2011
4. Ach du liebes Bisschen!
18.000 Tonnen, das klingt so viel, ist aber nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen (radioaktiven) Stein. Und wenn das Floß voll ist? Was passiert dann mit dem Wasser? In Fässer und endlagern? Dass ich nicht lache, so viele Fässer gibt's doch gar nicht! Verdunsten lassen? Nein, das Zeug wird von der Küste weg und weiter in's offene Meer geschippert und dann dort abgelassen. Sie wissen schon, der Verdünnungseffekt ...
tschort 02.04.2011
5. Fragen an die Spezialisten
Zitat von sysopWohin mit dem radioaktiven Wasser, das*im havarierten AKW Fukushima aus den Reaktoren gepumpt wird oder ins Meer läuft? Bisher fehlten den Einsatzkräften genügend Tanks. Nun soll ein gigantisches Stahlfloß das Problem lösen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,754592,00.html
Können die Strahlungsspezialisten im Forum helfen: 1- Schützt Stahl vor Strahlung? 2- Wenn nicht, was soll mit dem Floß gemacht werden, nachdem es mit radioaktiven Wasser abgefüllt wurde? 3- Wieveil Jahre bleibt das radioaktive Wasser gefährlich?
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