Uno-Lieferungen nach Burma Militärjunta beschlagnahmt Hilfsgüter

Beispiellose Schikane gegen die Krisenhelfer: Burmas Militärherrscher haben zwei Hilfslieferungen der Uno beschlagnahmen lassen. Die Junta will die Güter unbedingt unter ihre Kontrolle bekommen - die Helfer stoppten daraufhin die Luftbrücke ins Katastrophengebiet.


Rangun - Die Uno verzweifelt an den Schikanen der Militärjunta. 1,5 Millionen Menschen brauchen in Burmas Katastrophengebiet dringend Hilfe - doch jetzt beschlagnahmen die Machthaber sogar die wenigen Hilfslieferungen, die sie überhaupt ins Land lassen. Die Militärregierung in Rangun habe zwei Hilfslieferungen beschlagnahmt, sagte Tony Banbury, Asien-Chef des Uno-Welternährungsprogramms WFP.

Man habe jetzt "keine andere Wahl", als die ohnehin "sehr kleine Luftbrücke" in das Katastrophengebiet zu stoppen. Bei den beschlagnahmten Lieferungen handle es sich um Nahrungsmittel und Geräte, darunter 38 Tonnen Energieriegel. Gründe für die Konfiszierung seien nicht genannt worden.

Vermutet wird, dass die Junta die Hilfsgüter unbedingt unter ihre Kontrolle bekommen will, um eine eventuelle Verteilung zu dirigieren und nach ihren Vorstellungen zu steuern. Das Außenministerium in der Hauptstadt Rangun teilte am Freitag mit, man sei zwar dankbar für Versorgungsgüter aus dem Ausland, wolle diese aber lieber selbst verteilen.

In der Propagandazeitung "Neues Licht von Burma" gab die Regierung außerdem eine Erklärung ab, in der es heißt, Hilfslieferungen seien willkommen, ausländische Katastrophenmanager oder Reporter hingegen nicht. "Burma ist noch nicht bereit, Suchmannschaften oder Journalisten aus anderen Ländern einzulassen", hieß es.

Die Uno kritisiert auch diese Haltung aufs Schärfste. Ein Sprecher des Welternährungsprogramms (WFP), Paul Risley, bezeichnete die Visa-Verweigerung für ausländische Experten als "beispiellos" in der Geschichte der Katastrophenhilfe.

Der Absurdität scheint gleichwohl keine Grenze gesetzt: Auf seiner Titelseite zeigt das "Neue Licht von Burma" ein Foto von Premier Then Sein, der im Zuge einer "Hilfsoperation" 20 Fernseher und zehn DVD-Player an Bedürftige verteilt - Menschen, die in einer von "Nargis" komplett zerstörten Region ohne Elektrizität ums Überleben kämpfen.

Der britische "Independent" berichtet, die Situation vor allem im Irrawaddy-Delta sei noch immer entsetzlich. Aufgeblähte Leichen würden an die Ufer geschwemmt und nicht abtransportiert. Bedürftige hätten in einigen Fällen die Kleidung der Toten gestohlen. Die Menschen würden sich in demselben Wasser waschen, in dem auch Tierkadaver schwimmen, so die Zeitung.

Die Opfer der Sturmkatastrophe sind fast überall auf sich allein gestellt. Zwar helfen Freiwillige und Mönche, so gut sie können. Von staatlichen Hilfslieferungen indes scheint bei der Bevölkerung wenig anzukommen. "Niemand ist gekommen, um uns zu helfen'", sagte ein Mann aus dem Dorf Nyung Wine, rund eine Stunde von der Hauptstadt Rangun entfernt, dem Reporter des "Independent". "Die Regierung wird Außenstehende nicht in die zerstörten Gebiete lassen. Die Regierung kümmert sich lediglich um ihre Stabilität. Sie kümmern sich nicht um die Not der Menschen", sagte Joseph Kyaw, Lebensmittelhändler in Rangun.

Vor allem die Situation in den Obdachlosenlagern ist desolat. "Es gibt keine Lebensmittel. Die Menschen leben allein von Haferbrei. Es gibt nicht genug Unterkünfte", zitiert der "Independent" aus dem Bericht einer Hilfsorganisation vor Ort.

Nach tagelangen Verzögerungen sind nun mehrere Tonnen Hilfsgüter der Uno und des Roten Kreuzes im Land eingetroffen. Allerdings sitzen noch immer Hunderte Logistiker und Katastrophenexperten, die für eine Verteilung des Materials nötig sind, in den Nachbarländern ohne Visum fest. US-Militärflugzeuge mit Hilfsgütern wurden weiter abgewiesen.

Uno-Generalsekretär Ban Ki-moon appellierte an die Militärjunta, sich voll und ganz auf die Opferhilfe zu konzentrieren. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) rief die Militärjunta dringend zur Öffnung des Landes für internationale Hilfe auf. "In dieser Situation ist es mir vollkommen unverständlich, dass die Armeeregierung in Burma die angebotene, dringend benötigte Hilfe nicht ins Land lässt", sagte die Kanzlerin am Freitag. "Ich appelliere nachdrücklich an die Regierung, ihrer Verantwortung gegenüber ihrer Bevölkerung gerecht zu werden und die internationale Hilfe schnell in das gesamte Katastrophengebiet zu lassen."

Die USA bemühen sich weiter um die Zustimmung der Junta für eine Luftbrücke ins Katastrophengebiet. Das Abwerfen von Hilfsgütern ohne Erlaubnis halte er für unwahrscheinlich, sagte Verteidigungsminister Robert Gates am Donnerstag.

Der Stabschef der Streitkräfte, Admiral Mike Mullen, fügte hinzu, ein solches Vorgehen wäre eine Verletzung des burmesischen Luftraums, was nicht sehr hilfreich wäre. "Wir stehen in einer langen Reihe von Staaten, die bereit, willens und in der Lage sind zu helfen, aber natürlich ebenso in einer langen Reihe von Staaten, denen die Burmesen nicht trauen", sagte US-Botschafter Eric John in Bangkok.

Der Zyklon "Nargis" könnte nach Einschätzung einer US-Diplomatin 100.000 Menschen das Leben gekostet haben. Die staatlichen burmesischen Medien bezifferten die Opferzahl auf knapp 23.000, mehr als 42.000 Menschen galten demnach als vermisst. Rund 1,5 Millionen wurden obdachlos. Auch das Haus von Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi wurde schwer beschädigt. Der Sturm war am Freitagabend am Delta des Irrawaddy-Flusses auf das südostasiatische Land getroffen und hatte auf seinem Weg nach Osten eine Schneise der Zerstörung hinterlassen.

Der für humanitäre Hilfe zuständige Uno-Untergeneralsekretär John Holmes warnte vor einer dramatischen Verschlechterung der Lage, sollten nicht bald weitere Hilfsgüter in Burma eintreffen. Die Uno gehe von 1,5 Millionen Menschen aus, die dringend unterstützt werden müssten. Laut Holmes sollen dafür mehr als zehn Millionen Dollar (6,5 Millionen Euro) zur Verfügung stellen.

Im Katastrophengebiet drohen Seuchen. Nach Schätzungen des Weltkinderhilfswerks Unicef leiden bereits 20 Prozent der Kinder in den am schwersten verwüsteten Regionen an Durchfallerkrankungen. Fälle von Malaria seien gemeldet worden. Gesundheitsexperten bemühten sich nun darum, eine größere Ausbreitung zu verhindern, sagte der Unicef-Chef in Rangun, Osamu Kunii.

ala/AP/dpa

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