Untergang der "Explorer" Ein Schlag, ein Rumms und dann Alarm

Es war eine Beinahe-Katastrophe, der sie mit Glück entkamen: Das Kreuzfahrtschiff "Explorer" ist in den eisigen Gewässern der Antarktis gesunken, alle 154 Passagiere und Crewmitglieder wurden gerettet. Jetzt schildern Augenzeugen das Drama vor dem Ende.


Hamburg - Am Schluss gab es keine Rettung mehr für die "MV Explorer", die sie in Kreuzfahrerkreisen liebevoll das "kleine rote Schiff" nannten: Sie verschwand - wohl für immer - in der aufgewühlten See nahe der südlichen Shetland-Inseln.

"Unsere Einheiten sehen nichts mehr", berichtete ein Mitarbeiter der chilenischen Marine der Nachrichtenagentur AP. "Die 'Explorer' ist nicht mehr zu erkennen." Die Kollision des Schiffs mit einem Eisberg lag da etwa 24 Stunden zurück.

Es war das Ende einer Kreuzfahrt-Legende: Das 2646 Tonnen schwere Schiff, 1969 in Finnland gebaut, unterwegs unter liberianischer Flagge, kreuzte seit Jahrzehnten durch die Eismeere der Welt. Klein, wendig, sollte es eigentlich in der Lage sein, gefährliche Eisberge auszumanövrieren. Schon in den siebziger Jahren brachte die "Explorer" vorwiegend nordamerikanische Touristen in die Antarktis. Später durchfuhr sie als erstes Touristenschiff die Nordwest-Passage am eisigen Nordende des Globus.

Auf ihrer letzten Tour hatte die "Explorer" 91 Passagiere an Bord - zwischen 7000 und 16.000 Dollar hatte jeder für 19 Tage Antarktis-Abenteuer bezahlt. 24 Briten, 17 Holländer, 14 Amerikaner, 12 Kanadier und zehn Australier begannen ihre Reise am 11. November im südargentinischen Usuahia. Über die Falkland-Inseln wollten sie weiter südwärts bis ans antarktische Festland vordringen - doch soweit kamen sie nicht.

"Es war wirklich surreal, weil es ein schöner Morgen war"

Es war am frühen Freitagmorgen, noch vor Beginn der Dämmerung, als der Kapitän der "Explorer" die Passagiere und seine Crew alarmierte. Andrea Salas, ein Crewmitglied, erzählte später in einem Radiosender aus Buenos Aires, alle an Bord hätten eine erste, noch milde erscheinende Kollision gespürt.

"Dann hörten wir den Kapitän, der sagte, ein anderer Eisberg würde sich nähern und wir müssten warten, bis er an uns vorbei sei", sagte Salas. "Doch dazu kam es nicht" - stattdessen gab es einen zweiten, noch schwereren Ruck. Die argentinische Marine berichtete inzwischen, der Schaden am Schiff sei viel größer als anfangs gedacht - er sei "beträchtlich" gewesen.

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Über das Lautsprechersystem rief der Kapitän alle Reisenden in den Vorlesungssaal des Schiffes - und bereitete sie dort auf die Evakuierung vor. Gleichzeitig habe man begonnen, Wasser aus dem Schiff abzupumpen, erzählte Crewmitglied Salas. "Wir sind alle ein bisschen nervös geworden, als das Schiff Schlagseite bekam, und die Rettungsboote noch nicht runter gelassen waren", sagte John Cartwright, ein kanadischer Tourist, später dem Radiosender CBC.

Es war 1.30 Uhr am Morgen, als die Passagiere über Leitern in die Boote hinab steigen konnten. Rund vier Stunden lang trieben sie dann auf dem offenen Meer, bevor ihre Retter sie erreichten - das Forschungsschiff "Endeavour" und das norwegische Kreuzfahrtschiff "Nordnorge".

"Man sah eine lange Reihe von schwarzen Zodiac-Booten und eine Handvoll von orangefarbenen Rettungsbooten, und es war wirklich surreal, weil es ein sehr schöner Morgen war und die Sonne glitzerte auf der recht ruhigen See", sagte Jon Bowermaster, ein Filmemacher, der die Rettungsaktion von der "Endeavour" aus mitverfolgte. "Ich musste immer daran denken, wie erleichtert diese Leute wohl waren, als sie diese zwei großen Schiffe herannahen sahen."

"Furchterregend, wenn Du siehst, wie ein Schiff sinkt"

Die Gesichter vom Wind gerötet, wurden die Opfer der Havarie an Bord der "Nordnorge" gebracht. Alle "Explorer"-Passagiere seien wohlauf, sagte Kapitän Arnvid Hansen laut "New York Times" später per Telefon. "Die Rettung verlief glatt." Einige Passagiere seien zwar unterkühlt, doch die Fälle seien nicht ernst.

Hansen rief die Touristen auf der "Nordnorge" auf, warme Kleidungsstücke für die Opfer des "Explorer"-Unterganges zu spenden. "Diese Leute waren für vier Stunden in Rettungsbooten im Wasser in der Kälte", sagte Jennifer Enders aus Kalifornien, die an Bord der "Nordnorge" unterwegs war. "Es ist wirklich furchterregend, wenn Du von Deinem Bullauge aus siehst, wie ein Schiff untergeht."

Inzwischen gingen die Passagiere auf King George Island in der Antarktis an Land. Sie wurden dort vorübergehend in uruguayischen und chilenischen Militärbasen untergebracht. Militäroffizielle hoffen, dass sich das Wetter in der Region hinreichend verbessert. Die Touristen könnten dann heute noch auf das chilenische Festland ausgeflogen werden.

"Den Passagieren geht es wirklich gut", sagte Susan Hayes von der Reiseagentur G.A.P. Adventures aus Toronto in Kanada, der die "Explorer" gehörte. Sie widersprach Presseberichten, wonach das Kreuzfahrtschiff schon vor dem Untergang durch Sicherheitsprobleme aufgefallen sei. "Das waren kleinere Mängel, die gelöst wurden", sagte sie. "Das Schiff hat kein Sicherheitsproblem gehabt."

"Es hätte eine Katastrophe werden können"

Nach Angaben der BBC war die "Explorer" im Frühjahr bei der letzten Inspektion durch eine britische Behörde mit insgesamt fünf Mängeln aufgefallen. Wasserdichte Türen seien in nicht ausreichendem Zustand gewesen, Notfallpläne hätten gefehlt und es habe Schäden an Rettungsbooten gegeben, berichtete der Sender. Schon 1972 war bei einer früheren Antarktis-Kreuzfahrt Wasser in das Schiff eingedrungen, die Passagiere mussten damals von der chilenischen Marine evakuiert werden. Das Schiff konnte damals gerettet und instandgesetzt werden. Die "Explorer" verfügte zwar über einen doppelten Schiffsboden. Sie war aber nicht mit einem durchgängigen, zweiten Schiffsrumpf ausgerüstet, der ein Volllaufen mit Wasser hätte verhindern können.

"Es hätte eine Katastrophe werden können", sagte Pedro Thuay, Chef der argentinischen Marine in Usuahia nach der Havarie. "Stattdessen war es ein glücklich ausgegangenes Unglück."

itz



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