Chai Time Kolumne aus Istanbul

Muezzins in Istanbul "Es heißt nicht Allahü akbar!"

Süleymaniye-Moschee in Istanbul: "Es heißt nicht Allahü Akbar!"
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Süleymaniye-Moschee in Istanbul: "Es heißt nicht Allahü Akbar!"

Von , Istanbul


Die Pakistaner lieben die Türken, eigentlich sollte Pakistan mal so etwas wie die zweite Türkei werden: ein säkularer, moderner Staat mit einer überwiegend muslimischen Bevölkerung. Staatsgründer Mohammed Ali Jinnah war ein großer Bewunderer von Kemal Atatürk. Sein Plan, ihm nachzueifern, ging gründlich schief. Heute weiß Pakistan selbst nicht so recht, was es sein will: Gottesstaat, Militärdiktatur, Anarchie, Demokratie oder von allem etwas.

Der Unterschied zwischen beiden Ländern ist hörbar, fünfmal am Tag: wenn die Muezzins zum Gebet aufrufen. Die gesungene Aufforderung zum Gebet, der Azan, ist sozusagen das Glockengeläut der Muslime.

Die Muezzins in Istanbul sind deutlich selbstbewusster als ihre Kollegen in Islamabad. Sie treffen die Töne und vor Beginn ihres Gesangs pusten sie nicht in und klopfen nicht auf das Mikrofon, sie sagen auch nicht "eins, zwei, eins, zwei, Test, Test". Aber auch hier scheinen die Rezitatoren keinen Uhrenvergleich zu machen - die Gesänge beginnen um Sekunden, manchmal Minuten versetzt, so dass hier wie dort ein ziemlich schräger Kanon über der Stadt erschallt.

Die qualitativen Unterschiede bei Mikrofonen und Lautsprechern auf den Minaretten sind gewaltig, in etwa so wie zwischen einem Joghurtbechertelefon und einem iPhone. Während es in Islamabad oft rauscht und knackt, scheppert und kracht, ist das Hörerlebnis in Istanbul vergleichsweise ungetrübt. Auch scheint die Muezzinausbildung in der Türkei besser zu sein als in Pakistan. Jedenfalls hört man in Istanbul keine Söhne, die für ihre verhinderten Väter einspringen, keine Jungen vor oder mitten im Stimmbruch.

In beiden Städten erfolgen die Aufrufe auf Arabisch, beginnend mit "Allahu akbar" - "Gott ist groß". Ist das nicht überall auf der Welt so? Mitnichten. Im Zuge der Reformen unter Atatürk wurde der Azan ab 1932 verpflichtend auf Türkisch ausgerufen, immerhin beginnend mit dem Worten "Tanri uludur", was ebenfalls "Gott ist groß" bedeutet. Doch viele Geistliche hielten das für Blasphemie, immerhin soll Arabisch die Sprache Gottes sein. Daraufhin wurde im Jahr 1950 die arabische Variante wieder zugelassen. Ein pakistanischer Muezzin, der mal zur Ausbildung in der Türkei war, bemängelte trotzdem einmal, die Türken würden es nicht richtig aussprechen: "Es heißt Allahu akbar, nicht Allahü akbar!"

Das erste Gebet des Tages erfolgt kurz vor Sonnenaufgang, das letzte kurz nach Sonnenuntergang. Da die Tage in der Türkei wegen der geografischen Lage derzeit deutlich länger sind als in Pakistan, haben die Muezzins in Istanbul sehr viel längere Arbeitstage. Das könnte ein Fall für die Muezzingewerkschaft sein. Zwar übertragen manche kleine Moscheen den Ruf eines entfernten Muezzins, die eine oder andere setzt auf "Allahu akbar" vom Band, womöglich vom Computer gesteuert, pünktlich auf die Sekunde genau. Doch generell lehnen die Muezzins solche Praktiken ab, offiziell mit der Begründung, dass dies nicht den Anforderungen des Islam entspreche.

Sie wären dann aber auch ihren Job los.

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