Unwetter in Berlin Abenteuerurlaub endet in der Katastrophe

Teilweise mehr als 80 Zentimeter Durchmesser hatten die Bäume, die in der Sturmnacht von Berlin umknickten. Unter ihnen begraben wurden auch zwei Kinder, die in einem Jugendcamp auf der Wannseeinsel Schwanenwerder zelteten. Warum die Insel nicht rechtzeitig evakuiert wurde, ist unklar. Fehler streiten die Behörden ab.


Zerstörter Zeltplatz auf Schwanenwerder: Alle Bäume untersucht
DDP

Zerstörter Zeltplatz auf Schwanenwerder: Alle Bäume untersucht

Berlin/Hamburg - Innerhalb weniger Augenblicke schlug am Mittwochabend das Wetter um: Noch am späten Nachmittag genossen die Jugendlichen die sommerliche Wärme. Sie hatten bereits vor knapp einer Woche ihre Zelte auf Schwanenwerder aufgestellt. Doch plötzlich, so erzählen Augenzeugen gegenüber Journalisten, zogen über dem Großen Wannsee schwarze Wolken auf.

Binnen weniger Minuten ging ein Unwetter nieder, wie es in der Region seit Jahrzehnten nicht mehr geschehen ist. Gewitterböen - teilweise wurde Orkanstärke von bis zu 150 Stundenkilometer gemessen - fegten über die Insel. Dutzende der hoch gewachsenen Bäume wurden umgeknickt wie Streichhölzer und stürzten auf den Campingplatz. Zwei Jungen im Alter von 12 und 15 Jahren aus Berlin und Frankfurt hatten sich in ihrem Zelt aufgehalten - sie wurden erschlagen. Die meisten der rund 120 Kinder und Jugendliche sowie 30 Betreuer des Lagers waren zuvor in Sicherheit gebracht worden. Dennoch wurden allein auf Schwanenwerder 13 Jugendliche und Erwachsene verletzt.

Satellitenaufnahme von Mittwochabend: Gewitterfront über Deutschland
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Satellitenaufnahme von Mittwochabend: Gewitterfront über Deutschland

Auch 25 New Yorker Halbwaisen sind nur knapp der Unwetter-Tragödie entgangen. Die Kinder und Jugendlichen, die bei dem Terroranschlag am 11. September in New York einen Elternteil verloren hatten, hätten kurz vor Beginn des Sturms die Insel verlassen, sagte der Vorsitzende des Kindererholungswerks Berlin, Norbert Kubis. Sie waren bei den Mitgliedern von deutschen Jugendfeuerwehren zu Besuch gewesen. "Die New Yorker Gäste werden jetzt psychologisch betreut, schließlich ist es ein erneuter Schlag für sie." Auch Bundesinnenminister Otto Schily hatte am Nachmittag das Zeltlager besucht.

Vor Ort verschaffte sich Berlins Innensenator Ehrhart Körting am Morgen einen ersten Überblick. Angesichts der Zerstörung sprach er von einer "Katastrophe". Fehler in der Vorbereitung auf die Unwetter sieht er jedoch nicht. Vor Beginn des Zeltlagers, das am Freitag zu Ende gehen sollte, habe die zuständige Bezirksbehörde alle Bäume des Platzes auf ihre Standfestigkeit untersucht, sagte Körting.

Es sei eine Wetterkonstellation entstanden, "die wir in Jahrzehnten nicht hatten". Die vorliegende Unwetterwarnung habe die Heftigkeit des Angriffs nicht erwarten lassen. Feuerwehrsprecher Jens-Peter Wilke: "Es war wie eine Wand, die plötzlich da war."



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