Unwetter-Folgen "Auto, Keller, Haus - alles weg"

Das Vatertags-Unwetter traf die Anwohner im Hamburger Stadtteil Lohbrügge hart. Ein ganzer Wohnkomplex ist nun einsturzgefährdet. Wie konnte das passieren?

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Den letzten Bewohner des Dünenwegs 76 retten sie erst am Tag danach. "Hier ist noch eine Katze", ruft um 11.40 Uhr ein Statiker aus der ersten Etage des Mehrfamilienhauses, "die kann direkt raus." Kurz darauf trägt ein Herr mit hellem Hemd und ernstem Blick das Tier durch den Garten, reicht es einem Mitarbeiter über den Zaun, umstehende Nachbarn lächeln die Katze an.

Ja, das ist putzig. Der Rest der Geschichte leider nicht.

Die Katze lebte in jenem Neun-Parteien-Haus im Hamburger Osten, das im heftigen Unwetter am Donnerstag unbewohnbar wurde: Die Wassermassen, die binnen weniger Stunden im Stadtteil Lohbrügge niedergingen, unterspülten den Parkplatz und einen Teil des Fundaments, mehrere Wände rissen ein und bröselten wie trockener Kuchen dahin. Das gesamte Gebäude ist akut einsturzgefährdet, Feuerwehrleute holten sämtliche Menschen heraus.

15 Bewohner sind nun wohnungslos, eine davon ist Inna Koch. Sie lebe seit 18 Jahren am Dünenweg, sagt die 37-Jährige, gemeinsam mit ihrem Mann und den zwei Kindern. Nun seien sie ruiniert: "Unser Auto, unser Keller, unser Haus - alles weg."

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Unwetter in Hamburg: Das Drama am Dünenweg

Die Familie hatte sich erst vor zwei Wochen einen Neuwagen zugelegt, ein schickes Modell - das liegt seit gestern seitwärts in einem riesigen Graben hinterm Haus. "Der Boden ist fünf Meter weggeschwommen", sagt Koch, "das Fundament ist auch weg." Wo sie in nächster Zeit leben werde, sei völlig unklar, sie frage sich vor allem eines: "Warum ausgerechnet unser Haus?"

Inna Koch
Miguel Ferraz

Inna Koch

Tief "Ursula" entlud sich vor allem im Norden und Osten Hamburgs sowie im angrenzenden Schleswig-Holstein. Stellenweise sollen bis zu 60 Liter Regen pro Quadratmeter gefallen sein, das entspricht normalerweise einer ganzen Monatsmenge. Die Folge: völlig überlastete Abflusssysteme.

So stand auch im Dünenweg das Wasser und suchte sich seinen Weg. In solchen Fällen tragen die Fluten Sediment ab und schwemmen es davon. Im Untergrund und auf der Oberfläche entstehen dabei Verwerfungen und Hohlräume, es kommt zu teilweise gefährlichen Unterspülungen - etwa unter Parkplätzen, Hauswänden oder Fundamenten, wie jetzt in Lohbrügge.

Sonne in der City, Landunter im Osten

Wer an diesem Tag mit Anwohnern des Viertels spricht, hört häufig ähnliche Geschichten: Viele leben seit Jahrzehnten hier, niemand kann sich an ein vergleichbares Unwetter erinnern, erst recht an keines mit solchen Folgen. Wie kann das sein, fragen sich nun viele, dass in der Innenstadt der Auftakt des Hafengeburtstags fast regenfrei verlief - während ein paar Kilometer entfernt Wassermassen und riesige Hagelkörner niederprasselten?

Gewitterlagen lassen sich meist schon im Voraus erkennen, die Wetterdienste berechnen die Unwetterzugbahnen und warnen dann allgemein die Bevölkerung. Das Problem ist: Das genaue Ausmaß und die Orte, an denen solche Unwetter niedergehen, kündigen sich nur kurzfristig an und sind manchmal nur Minuten im Voraus zu erkennen. Hinzu kommt, dass es zwischen einzelnen Schauerwolken Zwischenräume gibt, dort fällt kein Regen. So erklärt sich, dass der Hafengeburtstag ungestört stattfinden konnte, während sich in Lohbrügge die Erde auftat.

Ob der Klimawandel an der Zunahme solcher Starkregenereignisse schuld ist, ist unter Klimaforschern umstritten. Grundsätzlich spricht einiges dafür. Denn warme Luft kann mehr Feuchtigkeit halten, deshalb könnte es auch häufiger regnen. Eine Zunahme solcher Ereignissen lässt sich hierzulande bisher nicht beobachten - aber Wettersimulationen zeigen, dass es langfristig weltweit mehr Starkregen geben wird.

Die Menschen im Dünenweg traf solch ein Unwetter nun mit voller Wucht. "Es ist ein Wunder, dass nicht das ganze Haus wegespült wurde", sagt die 84-jährige Irmgard Meyer. Laut Elena Sokolov, die im Erdgeschoss direkt über dem unterspülten Fundament wohnte, strömte das Wasser von der erhöht liegenden Straße in das Haus. "Das war wie eine zweite Elbe", sagt ihr Mann Wladimir.

Vor dem Unglückshaus steht ein glattrasierter Herr in Hemd und Jeans, seinen Namen will er nicht nennen. Er ist Mitarbeiter der Baugenossenschaft Bergedorf-Bille, der das 1972 errichtete Gebäude gehört. Das Haus sei schwer beschädigt worden, sagt er: "Im Moment darf niemand rein, Gefahr für Leib und Leben."

Julia Tromp, eine hochgewachsene Dame in blassrosa Jäckchen, steht am Bauzaun vor ihrem Elternhaus und wischt sich Tränen aus den Augen. "Ich habe meine Kindheit hier verbracht", entfährt es ihr schluchzend, "und jetzt können wir vielleicht nie wieder rein. Da drin ist alles: Klamotten, Erinnerungen, Fotos."

Julia und Gitta Tromp
Miguel Ferraz

Julia und Gitta Tromp

Neben Tromp steht ihre Mutter Gitta, sie wirkt abwesend. "Ich weiß nicht, wohin", sagt sie, "ich bin traurig". Die vergangene Nacht habe sie in einem Sessel bei Verwandten geschlafen, das gehe so auf Dauer natürlich nicht. "Ha, Mama!", ruft ihr da ihre Tochter grinsend zu, "ich krieg hier dein WLAN."

Es ist das Einzige, was an diesem Vormittag aus der Wohnung der Tromps nach draußen gelangt.

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