Unwetter mit mehreren Toten Verwüstungen nach Sturm über Nordrhein-Westfalen

Mehrere Tote, umgestürzte Bäume, zerstörte Autos: Eine Unwetterfront ist über den Westen Deutschlands hinweggezogen. Das ganze Ausmaß der Schäden wird wohl erst im Lauf des Tages erkennbar sein.

Von Simone Utler, Düsseldorf


Mit dem Autoschlüssel in der Hand steht Sabrina Dörfer auf der Straße und blickt auf einen umgestürzten Baum: Unter dem üppigen Grün muss ihr Auto stehen. Zu sehen ist nichts von dem metallic-roten Ford Fiesta - nur seine blinkenden Scheinwerfer, wenn Dörfer auf die Fernbedienung am Autoschlüssel drückt. Wie Dutzende andere Fahrzeuge auf Düsseldorfs Straßen ist der Wagen während des schweren Gewitters von einem Baum getroffen worden.

Mit Sturmböen, Starkregen und Blitzeinschlägen suchte am Montagabend das schlimmste Unwetter seit Jahren den Westen Deutschlands heim, mindestens sechs Menschen starben.

  • In Düsseldorf kamen laut Polizei drei Menschen ums Leben, als eine Pappel auf ein Gartenhaus stürzte. In dem Häuschen hatten sie Zuflucht vor dem Unwetter gesucht. Die Einsatzkräfte konnten noch zwei Schwerverletzte und einen leicht Verletzten aus den Trümmern retten.

  • In Köln wurde ein 20 Meter hoher Baum vermutlich von einem Blitz getroffen und fiel auf einen Radfahrer. Der Mann erlag am Unfallort seinen Verletzungen.

  • In Essen wurde ein Mann bei Aufräumarbeiten getötet. Er hatte nach Informationen der Polizei kurz vor Mitternacht versucht, eine Straße zu räumen. Zur genauen Todesursache konnten die Ermittler allerdings bislang nichts sagen.

  • In Krefeld starb laut Polizei ein Radfahrer. Er wurde von einem umstürzenden Baum erschlagen.

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Unwetter im Westen: Tote und schwere Sturmschäden in NRW
Der Gewitterkomplex hatte laut Deutschem Wetterdienst (DWD) um kurz vor 20 Uhr auf das Rheinland übergegriffen und war dann in Richtung Ruhrgebiet gezogen. "Schwere Sturmböen fegten über die Region, vereinzelt sogar Orkanböen mit Geschwindigkeiten von bis zu 144 Kilometer pro Stunde", sagt Marcus Beyer vom DWD SPIEGEL ONLINE in der Nacht. In Essen seien zum Beispiel 120 km/h und am Düsseldorfer Flughafen sogar 144 km/h gemessen worden. "Bei belaubten Bäumen reichen schon 90 km/h aus, damit sie umkippen", sagt Beyer.

Die Landeshauptstadt Düsseldorf erwischte es nach Angaben der Polizei besonders schlimm. Der Verkehr sei in der ganzen Stadt zum Erliegen gekommen, allein die Polizei sei rund 600-mal ausgerückt, sagte am frühen Dienstagmorgen ein Sprecher. Der Düsseldorfer Flughafen musste seinen Betrieb während des Unwetters rund eine Stunde lang einstellen; 20 Flüge wurden umgeleitet oder ganz gestrichen. Inzwischen hat sich die Lage dort aber wieder normalisiert.

"Wie eine Kriegszone"

Davon kann auf den Straßen noch keine Rede sein. Sonst stark frequentierte Düsseldorfer Hauptverkehrsadern sind seit der Nacht in Teilen unbefahrbar, weil ganze Baumkronen oder einzelne beindicke Äste auf dem Asphalt liegen. Selbst Einsatzfahrzeuge müssen immer wieder umdrehen, weil sie nicht weiterkommen. "Vorhin haben wir einen Feuerwehrwagen umgeleitet, dessen Besatzung eine Frau aus ihrem Wagen befreien wollte", sagt Milutin Parezanovic, der noch in der Nacht auf die Straße gegangen ist, um nach seinem Auto zu sehen. Der 43-Jährige traut sich jedoch nicht näher an den Wagen heran, weil unmittelbar daneben eine heruntergerissene Starkstromleitung hängt. Noch schlimmer sei allerdings die Lage in der nächsten Querstraße: "Die sieht aus wie eine Kriegszone."

Parezanovic und andere Düsseldorfer schildern den Montagabend so: Kurz nach 20 Uhr sei es stockfinster geworden, dann habe es unfassbar geschüttet und gestürmt. "Wir haben zuerst mit dem Wasser auf dem Balkon gekämpft", sagt Parezanovic. Knöcheltief habe es gestanden.

Überschwemmte Balkone, Keller, Straßen, Stromausfälle, umgestürzte Bäume im ganzen Stadtgebiet - die Hilfskräfte sind im Dauereinsatz, bis in den frühen Morgen ertönen in Düsseldorf Sirenen und Hubschrauber. "Wir müssen uns jetzt erst mal einen Überblick über die Lage verschaffen und dann die Fälle nach der Priorität abarbeiten", sagte ein Polizeisprecher in der Nacht. "Gegebenenfalls geht es noch darum, Menschen zu retten, die beispielsweise in Autos eingeschlossen sind."

Hilfe mit der Taschenlampe

Bis zum frühen Dienstagmorgen fordert der WDR seine Hörer auf, zu Hause zu bleiben, doch in Düsseldorf sind in der Nacht etliche Menschen zu Fuß unterwegs - um nach ihren Autos zu sehen, Fotos zu machen, anderen zu helfen. Auch Frederick J. ist auf die Straße gegangen. Einem Mann, der seinen zerstörten Wagen begutachten will, leuchtet er mit seiner Taschenlampe. Zuvor habe er einen Busfahrer aus einer Straße dirigiert, in der es nicht mehr weiterging. J. ist immer noch ganz beeindruckt von der Stärke des Unwetters: "Der Sturm hat sogar meine doppelverglasten Kunststofffenster wackeln lassen."

Mit dem Tageslicht kommen dann immer mehr Anwohner auf die Straßen. Teils wollen sie sich ein Bild von der Lage machen, teils sind sie auf dem Weg zur Arbeit. Ein junger Mann rennt mit seinem Rollkoffer einem Taxi entgegen, das gerade vor einem umgestürzten Baum gewendet hat und nun entgegen der Einbahnstraße zurück fährt. Ein anderer Mann hat sich mit seinem Trolley entspannt zu Fuß gen Bahnhof aufgemacht. "Das erscheint mir gerade der sinnvollste Weg der Fortbewegung", sagt er und macht noch ein Handyfoto von einem entwurzelten Baum.

Auf einem mit Ästen und Blättern völlig bedeckten Straßenzug kommt eine ältere Frau mit ihrem weißen Spitz aus dem Haus und sagt: "Das war die Apokalyse gestern. Wie gut, dass ich zuhause war und nicht mit dem Hund unterwegs." Immer noch ertönen zahlreiche Sirenen. Am Morgen ist aber auch das Geräusch von Kettensägen zu hören: Die Einsatzkräfte haben begonnen, die großen Baumstämme zu zersägen und von den Straßen zu räumen.

Festzelt eingestürzt

Unwetterschäden werden unterdessen auch aus anderen Teilen Nordrhein-Westfalens gemeldet. So stürzte in Neuss laut "RP-Online" bei einem Schützenfest das Festzelt ein. Ernsthaft verletzt wurde niemand, da die Feiernden bereits zuvor evakuiert worden waren. Ein von einem Augenzeugen gedrehtes Video soll die letzten Momente vor dem Einsturz zeigen- es vermittelt eine Ahnung davon, wie heftig der Sturm über dem Rheinland tobte.

Selbst auf den Autobahnen bremsten umgestürzte Bäume den Verkehr aus. Die A43 Richtung Wuppertal sei bei Dortmund deswegen zeitweise gesperrt gewesen, sagte ein Polizeisprecher. Auch auf der A42 im Kreuz Herne und im Kreuz Recklinghausen (A2 und A43) kam es zu Behinderungen.

Schneller kamen die Reisenden auch mit der Bahn nicht voran. Im Rheinland wurde der Schienenverkehr am Abend unterbrochen; Züge blieben vorsorglich in den Bahnhöfen stehen. In der Nacht wurden zwar die Strecken Köln-Bonn, Köln-Aachen, Dortmund-Hamm-Bielefeld und die ICE-Strecke Köln-Frankfurt wieder freigegeben. Alle anderen Verbindungen seien aber noch unterbrochen, teilt die Bahn am frühen Dienstagmorgen mit. Wegen der Schäden sei auch ein Notverkehr mit Bussen nicht möglich.

Verkehrschaos droht

Auch deshalb droht in vielen Städten NRWs nun ein Verkehrschaos. So gibt es laut WDR bereits am frühen Dienstagmorgen viele Staus. "Wer kann, der sollte heute unbedingt von einer Fahrt nach Düsseldorf absehen", zitiert der Sender die Behörden. Die Polizei rechne mit erheblichen Einschränkungen im Berufsverkehr.

Der Gewitterkomplex bewegte sich laut DWD in der Nacht zum Dienstag in Richtung Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Dort fiel das Unwetter zwar etwas weniger heftig aus - in Fürstenau in Südniedersachen gingen laut DWD aber immer noch 37 Liter Niederschlag pro Quadratmeter runter, und das innerhalb einer Stunde. In Beesten im Emsland entstand ein Schaden von rund 200.000 Euro bei einem Dachstuhlbrand. Auch in Nienburg entfachten Blitze zwei Brände. Verletzte gabe es dabei nach ersten Erkenntnissen aber nicht. Aktuell gibt es eine Unwetterwarnung wegen drohender Gewitter für große Teile Brandenburgs.

"Dieses System wird im Laufe des Tages über Osten und Nordosten abziehen, aber über Frankreich hat sich bereits eine neue große Gewitterlinie ausgebreitet, die am Morgen auf den Westen Deutschlands übergreifen wird", sagt DWD-Meteorologe Beyer. Daher werde der Morgen im Westen mit teils kräftigen Gewittern beginnen. Im Lauf des Tages sei mit weiteren unwetterartigen Entwicklungen zu rechnen - vor allem in der Mitte und im Norden Deutschlands.

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Mit Material von dpa, Reuters und AFP



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c_c 10.06.2014
1. was!?
Neue Rekorde? Das hat's doch schon immer gegeben, hat überhauptnix mit unserer in aller Welt aggressiv zu verteidigenden westlichen Lebensweise zu tun! Suppenkasper...
Freewolfgang 10.06.2014
2. Der Klimawandel lässt grüßen...
Das wird nicht das letzte Unwetter dieser Art gewesen sein, das über Deutschland zieht. Auch in Bayern haben sich in den vergangenen zwei Jahren die Unwetter mit einer Niederschlagsmenge von 40 Litern/qm und mehr gehäuft.
wolfi55 10.06.2014
3. Da wird das eine oder andere Tornadochen dabei gewesen sein
Denn das ist hierzulande gar nciht so selten. Wir sind das eionfach nicht so gewöhnt, wie z.B. die Amis. Dabei wird das häufiger werden, der Klimawandel wird das beflügeln. Besser, wir gewöhnen uns daran und sichern uns, so gut es eben geht. Dazu gehört auch, dass die Dachziegelfabriken etwas Kapazität für solche Fälle vorhalten. Denn der Scjhaden vom letzten Unwetter in der Region Reutlingen ist, mangels Material, bis heute nicht komplett instandgesetzt. Hier gilt nur noch: Aufräumen und gut ist.
UlliK 10.06.2014
4. Was gibt es da ...
... zu diskutieren? Mein Beileid den Angehörigen der Toten, Ehrfurcht vor den Naturgewalten, ... und das war es!
naklar? 10.06.2014
5. Die Dummen werden nach wie vor behaupten ...
... es gibt keinen Klimawandel und gedankenlos weiterleben wie bisher. Wer es imme noch nicht kapiert hat: Die Zeit der Entschleunigung ist da. Schade nur für die, welche ohne Status nicht glauben leben zu können in unserer Gesellschaft.
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