Uran im Garten Herr der Pellets

15 Jahre lang besaß Hermann F. Uran-Pellets. Immer wieder versuchte er, die Welt aufzurütteln: Seht her, so leicht kommt man an radioaktives Material. Niemand glaubte ihm. SPIEGEL ONLINE verriet er nun, wie ihn sein strahlendes Geheimnis in die Verzweiflung trieb.

Von , Lauenförde


Lauenförde - 110 Gramm - ein bisschen mehr als eine Tafel Schokolade oder eine Tüte Bonbons. Doch für Hermann F. wiegt das, was er 15 Jahre lang verbuddelt hatte, weit schwerer. Die 110 Gramm Uran, in 14 Pellets geteilt, haben Spuren hinterlassen im Leben des 45-Jährigen.

Unsicher begegnet F. in seiner Flickenjeans und Turnschuhen dem Rummel, den er ausgelöst hat. Plötzlich steht der ahnungslose Mann im Zentrum des Interesses. Fernsehteams klingeln nachts an seiner Tür, es gibt Pressekonferenzen seinetwegen.

Dabei ist Hermann F.s Persönlichkeit nicht so angelegt, dass sie viel Aufregung standhält. Neun Mal war er in psychiatrischer Behandlung - "seit ich die Uran-Ration in Händen habe, deren Existenz mir aber keiner glauben wollte", behauptet er. Scheu sitzt er am Esstisch im voll gestellten Wohnzimmer seiner Eltern, die ein Stockwerk unter ihm leben.

Den beigefarbenen Teppichboden sieht man kaum vor lauter kleinen Läufern und Putzlappen. Zwischen Schrankwand und Fernseher stehen Ohrensessel, Couch und Holzschaukelstuhl dicht gedrängt. Hermann F.s Mutter entschuldigt die Unordnung: Bis vor wenigen Minuten durchsuchten 15 Polizeibeamte mit Geigerzählern das komplette Haus, jedes Stockwerk. Verlegen räumt die Rentnerin benutztes Geschirr zur Seite, bietet freundlich Kaffee an.

Hermann F.s Hände spielen mit den Seiten der Lokalzeitung. Er zittert leicht, der noch blühende Weihnachtsstern auf der Tischdecke wippt im Takt. "Ich wollte diese Sache nicht ausschlachten, nur auf Defizite in der Nuklearindustrie aufmerksam machen", sagt er.

Im November 1991 sei ihm das brisante Päckchen ausgehändigt worden. Von wem? Hermann F. schweigt eisern und verrät nur: "Die Pellets stammen aus der ehemaligen Siemens-Brennelemente-Fabrik in Hanau. Dort waren nur Dilettanten am Werk, auf die ich aufmerksam machen wollte. Dort wurde bei der Arbeit Alkohol getrunken und auf Sicherheitsvorkehrungen gepfiffen." Er sei bei Greenpeace, Politikern, auch beim SPIEGEL vorstellig geworden. Doch niemand habe ihm, der in der Paderborner Drogenszene verkehrte, geglaubt. "Die hielten mich alle für verrückt, obwohl das Uran in den Originalschraubzylindern von Siemens steckte."

"Ich empfand ein ständiges Ohnmachtsgefühl"

Was tun mit 110 Gramm, 14 Pellets, vielleicht strahlend. Der arbeitslose Hermann F. grübelt. Im Mai 1992 beschließt er, das Nuklearmaterial an einem Steilhang zwischen Meinbrexen und Lauenförde zu verbuddeln. "Ich wusste nicht, wie schlimm das Zeug ist - ob es vielleicht Plutonium ist. Und gleichzeitig hatte ich immer Angst, dass ich Personen wie Joschka Fischer, der damals Bundestagsabgeordneter war, anschreibe - und diese Pellets sind gar nicht echt. Ich empfand ein ständiges Ohnmachtsgefühl."

Halluzinationen und Verfolgungswahn plagen Hermann F.
Er zieht in eine Wohnung im Haus seiner Eltern im beschaulichen Lauenförde mit gerade einmal 2700 Einwohnern. Mit Gelegenheitsjobs hält er sich über Wasser: Einer davon, so sagt er: Reinigungskraft im Kernkraftwerk Grafenrheinfeld, später arbeitete er auch im Kernkraftwerk Würgassen, inzwischen stillgelegt. Der Eon-Konzern, einst Betreiber des 1994 stillgelegten Atommeilers Würgassen, stellte bereits klar, dass das Uran nicht von dort stammt.

Die in seinem Garten sichergestellten Uran-Pellets bestehen laut Umweltministerium zu vier Prozent aus dem leicht spaltbaren Isotop U 235 und sollen nicht aus einem der beiden Kernkraftwerke kommen. Denn laut Strahlenschutzexperten gibt es Pellets in der gefundenen Form nur in Brennelemente-Fabriken. Eine Aussage, die F.s Angaben stützt.

Zwölf Jahre schlummert das Uran im Wald

1994 schaltet Hermann F. die Polizei Holzminden ein und fährt mit Beamten und Strahlenschutzexperten zu seinem Uran-Versteck. Doch er verirrt sich, findet das Versteck nicht mehr, der Trupp kann trotz Strahlenmessgeräte nichts entdecken - und zieht ab. Hermann F. zweifelt immer mehr an sich selbst. Ärzte diagnostizieren bei ihm "schwere Gehirnausfälle", sagt er. Die Staatsanwaltschaft Hildesheim hatte anfangs ein Verfahren gegen ihn eingeleitet wegen unerlaubten Umgangs mit radioaktiven Stoffen, dann wird es eingestellt.

Das angereicherte Uran bleibt zwölf Jahre neben einem Baumstamm vergraben. Keiner weiß davon - außer Hermann F.

Erst im vergangenen Jahr gräbt Hermann F. den geheimen Fund wieder aus - und im Garten seiner Eltern wieder ein. Die Polizei will er kein zweites Mal in sein Geheimnis einweihen. Im April 2006 beauftragt er seinen Anwalt Reiner Weber aus Göttingen, ihm bei einem letzten Versuch zu unterstützen. Der Fachanwalt für Medizinrecht hat Hermann F. aus der Unterbringung in der geschlossenen Psychiatrie geboxt. Weber verfasst ein Schreiben an die Bundeskanzlerin. Der Stein kommt ins Rollen.

Der Brief geht seinen Weg durch die Regierungsstellen: Kanzleramt, Bundesumweltministerium, dann niedersächsisches Umweltministerium. Ein Detail des Schreibens machte die Experten dort stutzig: die detailgetreue Skizze des Behälters, in dem die Pellets lagerten. Am 22. Februar rückt das Gewerbeaufsichtsamt Hildesheim an, mit Strahlenschützern, Spezialausrüstung und drei Messwagen. Sie finden 110 Gramm angereichertes Uran. Eine Woche später erfährt es die Öffentlichkeit.

Nur auf eine Frage gibt Hermann F. keine Antwort

"Ich wollte diese Geschichte zu Ende bringen, mich endlich aus der Wahnvorstellung befreien", sagt Hermann F., sichtlich erschöpft von dem anhaltenden Geklingel des Telefons und der eben abgeschlossenen dreistündigen Hausdurchsuchung mit 15 Polizeibeamten und Geigerzählern. "Weiteres radioaktives Material haben sie nicht gefunden, werden sie auch nicht. Hier ist nichts mehr."

Die Staatsanwaltschaft hat gegen Hermann F. ein Verfahren wegen unerlaubten Besitzes von radioaktivem Material eingeleitet. Spätestens im Falle eines Prozesses wird auch der Richter fragen: Wer gab ihm in den Neunzigern die 14 Uran-Pellets?

"Auf diese Frage gibt es keine Antwort", sagt er. "Ich stehe im Wort. Ich habe versprochen, ich mache keine näheren Angaben zu der Person, die mir das Zeug ausgehändigt hat. Denjenigen hat es Mut gekostet, auf den desolaten Zustand in Hanau aufmerksam zu machen." Er selbst sei nie in der zum Siemens-Konzern gehörenden Wiederaufbereitungsanlage in Hanau gewesen. "Es ging darum aufzuzeigen, wie leicht es ist, aus solch einer angeblich sicheren, kontrollierten Firma gefährliches Material rauszutragen - ohne dass es Konsequenzen hat."

Nach Auskunft seines Anwalts erhielt der 45-Jährige die Uran-Pellets von einem Bekannten aus der Drogenszene. Hermann F. kommentiert die Aussage Webers nicht.

Seine Mutter stellt die "Tagesschau" laut, stöhnt: "Da bringen sie's auch!" Müde schüttelt Hermann F. den Kopf. "Es klingt alles nach einer tollen Story, aber es ist völlig untergegangen, was ich eigentlich bezwecken wollte."

Die Story, die eigentlich seine sein sollte, damals vor 15 Jahren, schreiben längst andere.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.