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Meerblick mit Hindernissen: Je mehr Kinder, desto weniger Exotik im Urlaub
Illustration: Michael Meißner

Meerblick mit Hindernissen: Je mehr Kinder, desto weniger Exotik im Urlaub


    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.
Urlaub mit Kindern ist wie ein Rieseneis mit extra Sahne: Klingt erst mal super - und dann ist es einem doch zu viel. So werden zwei entspannte Wochen auf den Kanaren zum Abenteuerurlaub mit Pups-Witzen und Pommes-Marathon.

Paare ohne Kinder: "Und dann haben wir so eine Hütte auf Stelzen gemietet, mitten im Dschungel, nachts konnte man da die Papageien schreien hören und am Morgen saß auf einmal so ein freches kleines Äffchen auf dem Dachbalken und wollte sich Lisas Haarklammer schnappen."

Eltern: "Und dann haben wir so ein Halbpensionsappartement mit Klimaanlage gemietet, mitten in der Ferienanlage, nachts haben wir unsere 75-jährige Nachbarin husten hören und am Morgen saß auf einmal Oliver auf meinem Bauch und wollte Haferflocken essen."

Die Exotik der Urlaube nimmt proportional mit der Anzahl der Kinder ab. Einzige Ausnahme: Paare, die gleichzeitig Elternzeit nehmen und mit Lotta und dem kleinen Emil auf Weltreise gehen. "Hat super geklappt, bis auf Lottas Malaria-Infektion in Neu-Delhi."

Ich bewundere Eltern, die beherzt Lonely Planets wälzen, um sich dann mit anderen "Lonely Planet"-Lesern in den Hidden Places die Beine in den Bauch zu stehen. Jana und ich gehen seit Frederiks Geburt allerdings den Weg des geringsten Widerstandes. Das heißt: Auch wir waren mal verrückt - eine Woche Norderney, Camping-Urlaub. Frederik war gerade fünf Monate alt, auf dem Camping-Platz kostete die Windel-Entsorgung extra - und Frederik hasst Zelte. Mit Experimenten halten wir uns seitdem zurück. Vor allem, seit Frederiks kleiner Bruder Oliver auf der Welt ist.

Und so sitzen wir nun auf einer der kanarischen Inseln, die man per Direktflug erreicht, in einem Bungalow mit zwei separaten Schlafzimmern, Küchenzeile und direktem Meerblick (wenn man 3,50 Meter groß ist und ganz vorne auf der Terrasse steht).

"Kids Club" mit Matteo und Gary Moore

Morgens gibt es Frühstücksbüffet, was für Frederik und Oliver schlicht bedeutet, dass sie so viele Mini-Croissants essen, wie sie können, und für mich, dass ich schon morgens Baked Beans on Toast, Würstchen und gegrillte Champignons essen könnte - wenn ich meinen beiden Blätterteig-Aficionados nicht dauernd Butter auf die Hörnchen schmieren müsste.

Um elf Uhr morgens bietet die Hotelanlage eine Stunde "Kids Club" an. Pünktlich um zwanzig nach erscheint Matteo, ein braungebrannter 20-Jähriger im Ronaldo-Trikot, auf dem Spielplatz, räumt rumpelnd eine beeindruckend große Lautsprecherbox aus einer Baracke und spielt Bluesmusik von Gary Moore. Die Kinder, die von der schieren Lautstärke noch nicht vertrieben wurden, scheucht er in die Baracke. Frederik ist dabei, wenn auch skeptisch. Als ich zwanzig Minuten später nach ihm schaue, macht Matteo gerade Furz-Witze. Frederik ist in etwa so euphorisiert wie damals beim Zelten auf Norderney.

Ich schnappe mir meinen Sohn und sage etwas auf Deutsch zu ihm. Darauf hat Matteo offenbar nur gewartet. Während die anderen Kinder mit Wasserfarben ihre schönsten Urlaubserinnerungen festhalten (auf dem Boden und den Wänden der Baracke selbstverständlich, nicht auf dem Papier), fragt er mich, ob er einen BMW besser auf den Kanaren oder in Deutschland kaufen sollte. Und überhaupt, kriegt man für 5000 Euro einen Z3?

Ich kenne mich mit Autos in etwa so gut aus wie Matteo mit Kindern, also versichere ich ihm, dass es spätestens seit der Abwrackprämie massenhaft gute Gebrauchtwagen in Deutschland gebe und die Auswahl somit sicher größer sei als auf den Kanaren. Matteo strahlt, Frederik zieht an meiner Hand und ich beginne zu verstehen, warum es diese Ferienanlage nicht in den "Lonely Planet" geschafft hat.

Am Abend essen wir, es gibt wieder Büffet. Frederik isst Pommes Frites mit Ketchup, sein kleiner Bruder Oliver tut es ihm gleich. Heute Nacht werden die beiden nach einem heißen Strandtag mit Bade-, Sandburg- und Eis-Triathlon in ihrem eigenen Schlafzimmer ins Erschöpfungskoma fallen. Jana und ich werden überteuerten Hotel-Rotwein auf der Terrasse trinken, unserer 75-jährigen Nachbarin beim Husten zuhören und ans Meer denken, das wir sehen könnten, wenn wir 3,50 Meter groß wären.

Hätten wir doch bloß eine Hütte auf Stelzen gemietet.

Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (vier Jahre) und Oliver (anderthalb Jahre)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

    Erziehungsstil: Erziehung ist das, was passiert, während man daran scheitert, ein Vorbild zu sein.

    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

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50 Leserkommentare
u30 20.08.2015
beegee 20.08.2015
citi2010 20.08.2015
laubblaeser 20.08.2015
Senf-Dazugeberin 20.08.2015
reifenexperte 20.08.2015
lupidus 20.08.2015
anne63 20.08.2015
fatherted98 20.08.2015
der_neue_Student 20.08.2015
J.NoName 20.08.2015
!!!Fovea!!! 20.08.2015
der_tor 20.08.2015
taste-of-ink 20.08.2015
groucho1971 20.08.2015
werbungspamschund 20.08.2015
memphisman 20.08.2015
jwi77 20.08.2015
werbungspamschund 20.08.2015
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trompetenmann 20.08.2015
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hschmitter 20.08.2015
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eifelhippe 20.08.2015
hemithea 20.08.2015
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jonas_ratz 20.08.2015
groucho1971 20.08.2015
groucho1971 20.08.2015
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werbungspamschund 20.08.2015
eifelhippe 20.08.2015
groucho1971 20.08.2015
hemithea 20.08.2015
groucho1971 20.08.2015
marlenedddddd 21.08.2015
troy_mcclure 21.08.2015
groucho1971 21.08.2015
jacqueline.flory 28.08.2015
gorlois7 09.09.2015

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