Elterncouch

Elterncouch im Urlaub Ich will wieder an die Nordsee

Spaziergang auf dem Deich
Jonas Ratz

Spaziergang auf dem Deich


Sie denken, es gibt 1000 Gründe, die Sommerferien mit Kindern an der Nordsee zu verbringen? Das ist leider gelogen. Aber fünf Gründe gibt es dann doch.

    Kinder sind manchmal wahnsinnig süß - und manchmal machen sie uns wahnsinnig. Für SPIEGEL ONLINE legen sich eine Mutter und zwei Väter regelmäßig auf die Elterncouch.

    Jonas Ratz schreibt auf der Elterncouch im Wechsel mit Theodor Ziemßen und Juno Vai.

Das Wetter: "Es gibt nichts Schlimmeres als eine Reihe schöner Tage", schrieb Goethe in seiner Gedichtsammlung von 1815. Wo auch immer ihm dieser Gedanke gekommen sein mag - sicherlich nicht an der Nordsee. Natürlich scheint hier die Sonne, es kann sogar regelrecht warm werden, aber der nächste Schauer lässt nie lange auf sich warten. Und damit entfällt im Familienurlaub dieser schreckliche Imperativ des guten Wetters: "Kinder, die Sonne scheint, los geht's!" Immer raus müssen. An den Strand, auf den Berg, in die Eisdiele. An der Nordsee müssen Sie gar nichts. Denn der Schönwetter-Imperativ weicht hier einer tief empfundenen meteorologischen Demut: "Na ja, wir haben ja Regenjacken dabei." Und wer liebt sie nicht, diese endlosen Sonntagnachmittage, an denen die ganze Familie "Mensch ärgere Dich nicht" spielt? Wieder. Und immer wieder.

Der Sand: Schon mal versucht, am Puderzuckerstrand von Hawaii eine ordentliche Sandburg zu bauen? Ich nicht. Aber ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich mit diesem schneeweißen Postkartensand ordentlich arbeiten lässt. An der Nordsee hingegen lässt sich mit Eimer und Schaufel architektonisch Bedeutsames erschaffen, das nebenbei noch der deutschen Energieeinsparverordnung für freistehende Einfamilienhäuser entspricht.

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  • Die Menschen: Der Dithmarscher an sich kann sprechen, das muss man sich manchmal in Erinnerung rufen, wenn man mit den Anwohnern der Nordseeküste Schleswig-Holsteins zu tun hat. Aber er tut es halt nicht so oft. Warum auch? Meistens ist es eh zu windig, als dass man verstünde, was er sagt. Und angesichts der unendlichen Weiten aus sattgrünen Weiden, Kohlfeldern und Windrädern werden Worte ohnehin überbewertet. Ganz anders die plappernden Scharen der Touristen aus Schwaben, Japan oder - ganz schlimm - aus Hamburg, die denken, schon ein morgendliches "Moin" reiche zur Verbrüderung. Doch ebenso tolerant wie stoisch erträgt der Dithmarscher alle, die herkommen. Denn er weiß: Der Sommer hier oben ist kurz, und bald sind sie alle wieder weg. Bis zum nächsten Jahr.
  • Das Watt: Wussten Sie, dass die Flut nur drei Sekunden währt? Dann zieht sich das Wasser schon wieder zurück. Nun, Ihr Leben mag ohne dieses Wissen nicht unbedingt ärmer gewesen sein, aber die Erfahrung einer Wattwanderung, bei der sich Ringelwürmer zwischen ihren nackten Zehen schlängeln und Sie der zarte Odeur vermodernder Strandkrabben umweht, sollte jeder einmal gemacht haben. Vor allem gestresste Manager, die gegen ihr Burn-out sonst vielleicht ins Kloster gehen oder Marathon laufen. Mehr Achtsamkeit als wenn man mit hochgekrempelten Anzughosenbeinen im Matsch steht und vollkommen sinnfrei den Horizont anstiert? Geht nicht.
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Best-Of Kinderworte: Eulenkleber und Champagner-Affen
  • Die Piraten: Jede Kreissparkasse, die etwas auf sich hält, wirbt hier mit einer mindestens lebensgroßen Klaus-Störtebeker-Figur. Was nicht einer gewissen Komik entbehrt, schließlich war der wohl bekannteste Hauptmann der Vitalienbrüder ein entschiedener Gegner des Großkapitals. Sei's drum, Piraten gehen immer, ob in der Kinderspeisekarte ("Störtebekers Fischstäbchen-Teller") oder im Nagelstudio. Und ist es nicht der Gipfel der Ehrerbietung, dass Störtebeker vor gut 600 Jahren ausgerechnet in der Nordsee sein Unwesen trieb, Handelsschiffe überfiel und zwischendurch ein wenig brandschatzte? Captain Henry Morgan, Blackbeard, alles Süßwasser-Piraten, die ihr Gewerbe in den verweichlichten Gefilden der Südsee ausübten. Nicht so Störtebeker, der hier sicher auch seinen Jahresurlaub samt seiner (wahrscheinlich unehelichen) Kinder verbracht hat. Mit achtsamer Wattwanderung in hochgekrempelten Hosen, mit "Mensch ärgere Dich nicht" am Sonntagnachmittag und mit Eimer und Schaufel am Strand. Man sagt, seine Sandburg steht noch heute.
Zum Autor
  • Illustration: Michael Meißner
    Jonas Ratz,
    Vater von Frederik (4) und Oliver (1 1/2)

    Liebstes Kinderbuch: "Wo die wilden Kerle wohnen" von Maurice Sendak (Oft habe ich das Gefühl: bei uns zu Hause...).

    Nervigstes Kinderspielzeug: mein Smartphone

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    Sammelt: Kinderworte. Hafersocken statt Haferflocken, Sambalamba statt Salamander. Kennen Sie auch solche kreativen Abwandlungen? Schreiben Sie an kinderworte@spiegel.de.

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5 Leserkommentare
3-plus-1 22.08.2017
Komfort-Mutti 22.08.2017
hexenbesen.65 23.08.2017
hexenbesen.65 23.08.2017
yvowald@freenet.de 23.08.2017

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