Urnen-Design Mit Hirsch zum letzten Halali

Der Tod ist trist: Wer in Deutschland einen Angehörigen zur letzten Ruhe betten lässt, merkt, dass ausgefallene Design-Ideen für Urne oder Sarg bei Bestattungsunternehmen verpönt sind. Eine Berliner Malerin bringt nun Farbe in das graue Geschäft.

Von Martina Scheffler


Berlin - Eigentlich wollte Heinz Becker nach seinem Tod unter die Wiese, ganz anonym, ohne Stein, ohne Namen. Der Koch und Fleischermeister aus Berlin starb im Dezember 2007, wenige Tage vor Weihnachten. Er war monatelang krank gewesen, und doch ging es dann sehr schnell zu Ende. Als es so weit war, wusste seine Tochter Nicole Schulz-Becker allerdings längst, dass sie ihrem Vater den Wunsch nach einer anonymen Bestattung nicht erfüllen würde, nicht erfüllen konnte. Deshalb wollte sie dem passionierten Hobbyjäger wenigstens eine Art Abschiedsgeschenk machen.

Jeden Morgen war sie an einem Beerdigungsinstitut vorbeigekommen und hatte dort etwas gesehen, was aus den Kupferurnen und Ahornsärgen hervorstach: Ein leuchtend himmelblauer Sarg, bemalt mit fröhlich springenden Delphinen. Nicole Schulz-Becker liebt Delphine, und zu ihrem Mann sagte sie: "Ich will auch mal so einen Sarg." Schnell war ihr klar, ihr Vater sollte ebenfalls eine solch bunt bemalte letzte Ruhestätte bekommen.

So lernte die 32-Jährige die Sarg- und Urnendesignerin Marlies-Kathrin Föllmer aus dem Berliner Künstlerviertel Friedenau kennen.

Die schlanke, braungebrannte Endfünfzigerin mit kurzen weißblonden Haaren kam durch Todesfälle in ihrem engsten Umfeld zur Sargmalerei.

Ende der 90er Jahre starben innerhalb weniger Monate ihr Cousin und zwei gute Freundinnen. Zu dem Verlust kam die Erkenntnis, dass die Trauerfeiern eintönig und lieblos waren, was nicht zuletzt an den Särgen lag: "Das war alles Eiche rustikal, überhaupt nicht individuell. Wenn da mehrere Särge nebeneinander stehen, weiß man doch gar nicht, wer in welchem Sarg liegt."

Motive, die zum Verstorbenen gehören wie Erde zu Erde

Im Urlaub wurde ihr schließlich klar, was einen schlichten Holzkasten in eine wahre Ruhesänfte verwandeln kann: Farbe und Motive, die zum Leben des Verstorbenen gehören wie Erde zu Erde.

1998 begann Marlies-Kathrin Föllmer mit Sarg- und Urnendesign. Zu Beginn hatte sie mit Vorurteilen zu kämpfen, denn nicht alle Bestattungsunternehmen wollten mit ihr zusammenarbeiten. Manche warfen ihr vor, sie sei pietätlos, "ich hatte direkt Angst, erschossen zu werden", erinnert sich Föllmer.

Als sie das erste Mal auf einer Ausstellung vertreten war, zeigten sich die konventionellen Bestatter pikiert: "Das war ein Aufschrei." Die Ablehnung ging so weit, dass eine Frau ihren verstorbenen Angehörigen drei Monate lang im Kühlhaus liegen lassen musste, weil sie unbedingt einen von Föllmer bemalten Sarg wollte, aber ihr kein Bestatter bei der Suche nach der Adresse der Designerin half.

"Das ist Papa. Das ist genau er"

Hier sei alles so reglementiert, meint Föllmer. Für sie sind ihre Särge und Urnen das, was man in anderen Ländern Grabbeigaben nennt.

Inzwischen gibt es weniger Berührungsängste, auch wenn sich kein Trend zu Designersärgen und -urnen abzeichnet. Wer sich aber dafür entscheidet, "ist immer glücklich", sagt Föllmer. Als belastend empfindet sie auch die schlimmen Fälle nicht, die Kindersärge, die verunglückten Jugendlichen.

Als ehemalige Intensivkrankenschwester ist der Tod kein Unbekannter für sie, und sie pflegt, wie sie sagt, einen offenen Umgang mit ihm, er macht ihr keine Angst, und ihre bunten Särge und Urnen nehmen auch anderen die Furcht. Ihre Mutter wechselte früher die Straßenseite, wenn ein Bestatter in den Blick zu kommen drohte, jetzt spricht sie fröhlich von Strandmotiven auf der eigenen Urne, wenn es mal so weit ist.

Als es für Fleischermeister Becker so weit war, stand für seine Tochter fest, für den Hobbyjäger muss es eine Jagdurne sein. Das passende Motiv fand sie auf einer alten Tasse, förstergrün mit Hirschkopf, der kam mittig auf die Urne, links und rechts eine Tanne und ein Laubbaum, als Tüpfelchen auf dem I ein paar Pilze am Boden. Bei der Beisetzung kam obendrauf noch Vaters alter Jagdhut. Vier Jagdhornbläser spielten auf Wunsch des Vaters das Halali. "Das ist Papa", sagt Nicole Schulz-Becker über die Urne, "das ist er. Das ist genau er."

Etwas Persönliches, ein Unikat - das ist es, was die meisten Menschen wollen, die zu Marlies-Kathrin Föllmer kommen. Dem Verstorbenen noch einmal etwas Gutes tun, auch wenn letztlich nur die vage Hoffnung bleibt, er möge es von oben sehen. Föllmers Kunden kommen als Trauernde, aber die Beklommenheit löst sich mit dem Entstehungsprozess der Urne, sagt Föllmer.

Die "Titanic" als Motiv für einen Teenager

Sie spricht mit den Hinterbliebenen über die Hobbys, die Ziele des Verstorbenen, über gemeinsame Urlaube, und das alles findet sich dann auf den Urnen wieder. Es gibt welche mit der Berliner Skyline, schwarz vor dem Abendhimmel, karibische Strände, die "Titanic" für einen Teenager, die "MS Europa" für eine krebskranke Traumschifffreundin, verwunschene Schrebergärten für einen über 90-Jährigen. Für eine Kundin fuhr Föllmer zum Gartenhaus der Mutter, um es so realistisch wie möglich zu malen.

Sie gibt alles für den letzten Dienst, arbeitet bis zu zwölf Stunden am Stück, ohne zu essen und zu trinken. Besonders bewegend war es, einer Selbstmörderin den letzten Wunsch zu erfüllen. Die Frau, die Föllmer kurz zuvor kennengelernt hatte, machte in ihrem Abschiedsbrief genaue Angaben, wie die Designerin ihren Sarg gestalten sollte. "Lieber Gott, lass alles so sein, wie sie es sich wünscht", dachte Föllmer bei der Arbeit.

Zu ihr kommen auch viele Menschen, die für sich selbst eine Urne aussuchen wollen, entweder weil sie schwerkrank sind oder nur, um vorbereitet zu sein und die Entscheidung vorwegzunehmen, die die Angehörigen vielleicht nicht treffen würden. Die Urne stellen sie dann ins Regal.

Auch Föllmer hat schon mal über mögliche Motive für die eigene Urne nachgedacht.

Pinguine fände sie schön.



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