Urteil im Metzler-Prozess "Er hat Jakobs Tod gewollt"

Wegen Mordes an dem elfjährigen Jakob von Metzler hat das Gericht die höchstmögliche Strafe gegen Magnus Gäfgen verhängt: lebenslang mit schwerer Schuld. Der 28-Jährige nahm das Urteil regungslos auf, seine Anwälte kündigten an, mit "hoher Wahrscheinlichkeit" beim Bundesgerichtshof Revision einzulegen.


Gäfgen
AP

Gäfgen

Frankfurt am Main - "Magnus Gäfgen hat den Tod Jakobs nicht nur billigend in Kauf genommen, sondern er hat Jakobs Tod gewollt", sagte der Vorsitzende Richter Hans Bachl in der Urteilsbegründung. Im Prozess habe Gäfgen nicht wie angekündigt ein umfassendes, schonungsloses Geständnis abgelegt, sondern erst Aussage um Aussage mehr preisgegeben, kritisierte der Richter. Für den Angeklagten seien seine Ausflüchte in den ersten Aussagen vielleicht ein Krückstock gewesen, "für alle anderen aber eine Zumutung".

Die Staatsanwaltschaft und die Nebenkläger, Jakobs Eltern, hatten in dem Aufsehen erregenden Verfahren eine lebenslange Freiheitsstrafe und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld gefordert. Damit kann der 28-Jährige nicht nach 15 Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen werden.

Auch die Verteidigung hat eine lebenslange Freiheitsstrafe befürwortet. Allerdings forderte sie das Gericht auf, auf die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld zu verzichten. Die Anwälte verwiesen in ihren Plädoyers auf das "umfassende und schonungslose" Geständnis Gäfgens, auf die Reue des 28-Jährigen und auf die Folterandrohungen, die die Polizei während der Vernehmung gegen Gäfgen erhoben hatte.

Richter Bachl verwahrte sich gegen Andeutungen der Verteidigung, wonach der Polizei ein Freibrief für das Foltern von Verdächtigen erteilt werde, wenn das Gericht die besondere Schwere der Schuld feststelle. "Mit den Folterandrohungen haben die beteiligten Beamten der Rechtsstaatlichkeit dieses Landes einen schweren Schaden zugefügt (...) Deren Verhalten aber hat mit der Schuld, die der Angeklagte auf sich geladen hat, nichts zu tun", sagte der Richter.

Gäfgens Verteidiger Hans Ulrich Endres hatte am Wochenende in einem Interview Verfassungsbeschwerde für den Fall angedroht, dass bei Gäfgen die besondere Schwere der Schuld festgestellt würde. Die Folterandrohung sei ein Verfahrensfehler, der zur Aufhebung der lebenslangen Haftstrafe führen könnte, hatte er gesagt. Endres kündigte nach der gut eineinhalbstündigen Urteilsverkündung umgehend an "mit hoher Wahrscheinlichkeit" Revision beim Bundesgerichtshof und im äußersten Fall Verfassungsbeschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht einzulegen.

Der angeklagte frühere Jura-Student Magnus Gäfgen hatte gestanden, den Jungen am 27. September vergangenen Jahres auf dem Heimweg von der Schule in seine Wohnung gelockt und mit Klebestreifen über Mund und Nase erstickt zu haben. Danach erpresste er eine Million Euro von den Eltern. Als Gäfgen als Tatverdächtiger festgenommen wurde, hatten Polizisten ihm auf Anordnung des Frankfurter Polizeivizepräsidenten, Wolfgang Daschner, Folter angedroht, damit er das Versteck seiner Geisel verrate.

Der Anwalt der Metzler-Familie, Eberhard Kempf, sagte, die Kammer habe den Prozess sorgfältig geführt. Zur Ankündigung der Verteidigung, den Fall notfalls bis vor das Bundesverfassungsgericht zu bringen, sagte Kempf, dies werde die Familie zusätzlich belasten.



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.