Urteil im Terror-Prozess Motassadeq muss 15 Jahre ins Gefängnis

Das Hamburger Oberlandesgericht hat erstmals einen Helfer für die Anschläge am 11. September 2001 verurteilt. Laut dem Urteil war Mounir al-Motassadeq fester Teil der Hamburger Terror-Zelle und ist außerdem der Beihilfe zum Massenmord in 3066 Fällen schuldig. Deshalb verhängte das Gericht die Höchststrafe.


Seit Oktober 2002 steht Mounir al-Motassadeq wegen der Unterstützung der Hamburger Terror-Zelle vor Gericht
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Seit Oktober 2002 steht Mounir al-Motassadeq wegen der Unterstützung der Hamburger Terror-Zelle vor Gericht

Hamburg - Mit dieser Strafe hatten nur noch die Hardliner unter den Prozessbeobachtern gerechnet. Ziemlich überraschend verurteilte das Hamburger Gericht den Marokkaner Mounir al-Motassadeq am Mittwoch zur Höchststrafe von 15 Jahren Haft. Um 13.30 Uhr teilte der Vorsitzende Richter Albrecht Mentz im Saal 237 das weltweit mit Spannung erwartete Urteil im ersten Prozess gegen einen Mittäter der Anschläge des 11. Septembers mit. Demnach war der 28-jährige al-Motassadeq fester Bestandteil der Hamburger Terror-Zelle um den Todes-Piloten Mohammed Atta. Außerdem verurteilten die Hamburger Richter ihn wegen der Beihilfe zum Mord an den 3066 durch die Flugzeugattacken am 11. September 2001 getöteten Menschen in New York, Washington und Pennsylvania.

Der Vorsitzende Richter sagte in seiner Urteilsbegründung, in den Jahren vor den Terrorangriffen am 11. September 2001 habe sich in Hamburg ein Kern von sechs Personen herausgeschält, "die die USA und Israel als ständigen Stachel im Fleisch empfunden haben". Der Angeklagte habe der Gruppe um Mohammed Atta, Marwan al-Schehhi, Ziad Jarrah und mehreren anderen Männer von Anfang an angehört. Ihm seien die wesentlichen Umstände der Planungen für die Anschläge am 11. September 2001 bekannt gewesen. Diese habe er auch gebilligt. Zur Motivation der jungen Männer sagte Mentz, dass sie "die politische und wirtschaftliche Macht vor aller Welt treffen und als ohnmächtig darstellen" wollten.

Regungslos saß Matassadeq im Gericht

Mounir al-Motassadeq selber nahm das Urteil am Mittwoch ohne erkennbare Regung auf. Seine beiden Verteidiger kündigten kurz nach der Urteilsverkündung eine Revision gegen das Urteil an. Sie sehen ihren Mandanten noch immer als unschuldig an. Für die ebenfalls angereisten Vertreter der Bundesanwaltschaft hingegen war das Urteil eine Bestätigung ihrer Anklage, in der sie vor einer Woche bereits die nun verhängte Höchststrafe von 15 Jahren gefordert hatten.

Dieses Bild aus der Hamburger al-Quds-Moschee ist einer der vielen Indizien gegen Mounir al-Motassadeq: Es zeigt den Angeklagten (roter Kreis) links neben Ramsi Binalshibh, der als wichtiger Drahtzieher der Terror-Zelle gilt. Links unten vor ihm kniet der Todes-Pilot Mohammed Atta.

Dieses Bild aus der Hamburger al-Quds-Moschee ist einer der vielen Indizien gegen Mounir al-Motassadeq: Es zeigt den Angeklagten (roter Kreis) links neben Ramsi Binalshibh, der als wichtiger Drahtzieher der Terror-Zelle gilt. Links unten vor ihm kniet der Todes-Pilot Mohammed Atta.

Aus Sicht der staatlichen Ankläger, die monatelang mit dem Bundeskriminalamt (BKA) gegen die Hintermänner der Anschläge ermittelt hatten, war Motassadeq der Beihilfe zum Mord in 3066 Fällen und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung schuldig. Die wichtigsten Beweise der Ankläger sind Geldtransfers des Angeklagten für die späteren Todes-Piloten in die USA, die persönliche Nähe Motassadeqs zu der Gruppe um Mohammed Atta und sein Aufenthalt in einem Trainingslager der al-Qaida.

Auch die Nebenkläger mehrerer Opfer zeigten sich nach dem harten Urteil zufrieden. Das Urteil zeige, dass "der Kampf gegen den Terrorismus auch in einem Gerichtssaal geführt" werden könnte, sagte der Berliner Rechtsanwalt Andreas Schulz SPIEGEL ONLINE kurz nach der Urteilsverkündung. Schulz vertritt mehrere Angehörige von Opfern, die am 11. September getötet worden waren. "Das Urteil erfüllt die Familien meiner Mandanten mit tiefer Befriedigung und ist die richtige Antwort des deutschen Rechtsstaats auf den islamischen Terror", so Schulz weiter.

Training in Afghanistan

Der Prozess gegen den 28-jährigen Marokkaner lief seit Oktober 2001. Immer wieder hatte Motassadeq in den 29 Verhandlungstagen seine Unschuld beteuert. Er gab zwar zu, die Attentäter um den mutmaßlichen Anführer Mohammed Atta gut gekannt zu haben, wollte jedoch von den Anschlagsplänen der Männer nichts gewusst haben. Aus diesem Grund hatten seine beiden Verteidiger in ihrem Schlussplädoyer vergangene Woche einen Freispruch für Motassadeq gefordert.

Ebenfalls hatte Motassadeq im Prozess gestanden, dass er im Jahr 2000 in einem Trainingscamp der al-Qaida in Afghanistan war, wo er eine militärische Ausbildung erhielt. Seiner Darstellung nach ist dies jedoch wie eine Bundeswehr-Ausbildung für einen Muslim.

Der ehemalige Student der Technischen Universität (TU) Hamburg-Harburg, an der auch die weiteren Terror-Piloten studierten, ist seit mehreren Jahren mit der Russin Maria P. verheiratet. Das Ehepaar hat zwei Kinder.

Matthias Gebauer



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