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Anbau, Verkauf und Konsum legalisiert: Uruguays Haschisch-Revolution

Von , Mexiko-Stadt

Uruguay: Der Präsident und sein Drogenversuchslabor Fotos
AP

Es ist ein einzigartiger Schritt in der Drogenpolitik: Anbau, Vertrieb und Konsum von Marihuana sind in Uruguay künftig legal. Präsident José Mujica schuf den gesetzlichen Rahmen für die Aktion - und machte sein Land damit zum Großdealer.

"Einer muss ja den Anfang machen" - so kommentierte Uruguays Präsident José Mujica vor ein paar Monaten den einzigartigen Schritt, den sein kleines südamerikanisches Land in der Drogenpolitik gehen will. Anbau, Verkauf und Konsum von Marihuana sollen demnach legalisiert werden, der Staat selbst zum Monopol-Produzenten und Großdealer avancieren.

Dieses Experiment hat jetzt den notwendigen gesetzlichen Rahmen bekommen. Mujica unterzeichnete am Dienstag ein Regelwerk von 104 Paragrafen, das vom Verkaufspreis über die Abgabestellen bis zu den sogenannten Marihuana-Clubs jedes Detail der staatlich verordneten Haschischrevolution vorschreibt.

Die ersten Apotheken würden das Marihuana in "fünf bis sechs Monaten" verkaufen, sagte Mujica der BBC. Zunächst würden jetzt die Lizenzen für die Hersteller des Rauschmittels ausgeschrieben. Der Präsident ist sich der Kritik der Opposition, vieler Staatschefs und auch der Vereinten Nationen durchaus bewusst. "Wir sehen unsere Lösung als ein Experiment", betonte Mujica weiter im Gespräch mit der BBC. Der uruguayische Weg soll Alternativen beim Kampf gegen den Drogenhandel aufzeigen. Die Regelung soll dem organisierten Verbrechen den Markt entziehen und verhindern, dass die Uruguayer zu härteren Drogen greifen.

Das Marihuana wird es in Apotheken geben, man kann es zu Hause oder in den Anbau-Clubs züchten. Der Preis für das Gramm Gras wird zwischen 20 und 22 uruguayischen Pesos schwanken und damit umgerechnet knapp einen Dollar oder 0,73 Euro kosten.

Weltweit beachtetes Drogen-Versuchslabor

Überwachen soll den Drogenhandel das "Institut zur Regulierung und Kontrolle von Cannabis" (IRCCA), das zum Gesundheitsministerium gehört. Das IRCCA stellt die Lizenzen aus und kontrolliert Produktion und Verkauf. 120.000 Menschen in Uruguay konsumieren Regierungsangaben zufolge Marihuana, das 80 Prozent des örtlichen Drogenmarkts ausmacht.

Künftig wird der Eigenanbau von sechs Pflanzen pro Person gestattet sein, in den Marihuana-Clubs mit maximal 45 Mitgliedern sind es 99 Pflanzen. Der persönliche Verbrauch pro Monat ist auf maximal 40 Gramm begrenzt. Einer der schwierigsten Punkte bei der rechtlichen Regelung war die Frage, wie man verhindert, dass Konsumenten mehr als die Obergrenze pro Monat kaufen. Das soll mit Hilfe eines Fingerabdruck-Systems gesichert werden. Jeder Käufer muss sich vor dem ersten Erwerb bei einer staatlichen Stelle registrieren und seine Fingerabdrücke elektronisch hinterlegen, die dann bei jedem späteren Kauf kontrolliert werden.

In den kommenden zwei Wochen sollen Lizenzen an die Unternehmen vergeben werden, die sich um Anbau und Ernte kümmern. Insgesamt will Uruguay vorerst rund 22 Tonnen Marihuana jährlich anbauen. Die Pflanze wird auf einem Militärgelände gezüchtet, dessen Ort aus Sicherheitsgründen geheim gehalten wird. Präsidialamtssekretär Diego Cánepa glaubt nicht, dass der Konsum in seinem Land durch die ungewöhnliche Regelung ansteigt. "Der Verbrauch wird sichtbarer werden und aus der Illegalität in die Legalität gehoben". Wenn alles wie geplant läuft, können die Uruguayer spätestens zu Weihnachten ihre ersten staatlich angebauten Joints rauchen.

Der Drei-Millionen-Staat wird also künftig ein weltweit beachtetes Drogen-Versuchslabor. Besonders in anderen Ländern Lateinamerikas wird man das Pilotprojekt genau beobachten: In Mexiko oder Kolumbien etwa sterben jährlich Tausende Menschen durch die Gewalt der Drogenkartelle.

Mujica, der 78-jährige linke Staatschef Uruguays, hatte die Idee zu dem Projekt - und setzte sie gegen viele Widerstände durch, auch in seiner Partei "Frente Amplio". "Das Problem hinter dem Marihuana ist der Drogenhandel, den fürchte ich mehr als die Drogen", sagt er immer, wenn er sein Konzept verteidigt. Wenn der Staat den Handel aber übernehme, bekämpfe man die Kartelle, indem man ihnen den Markt raube. "Hundert Jahre Kampf gegen die Drogen haben das Problem nicht gelöst, also muss man pragmatischer sein."

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1. Ich kann nur sagen, viel Glück
betonklotz 07.05.2014
denn sie werden es brauchen. So wichtig und sinnvoll der Kampf gegen die Drogenkartelle auch ist, sie werden niemals kampflos den für sie so lukrativen Markt aufgeben. Wie steht es um die Korruption in Uruguay? Ich bin über die innenpolitischen Verhältnisse in Uruguay nicht näher informiert, aber wenn es um die allgemeine Korruption in diesem Land ähnlich stehen sollte wie in den meisten anderen südamerikanischen Staaten, wird das ganz schnell ein Schuss in den Ofen.
2.
AuchNurEinNick 07.05.2014
Zitat von betonklotzdenn sie werden es brauchen. So wichtig und sinnvoll der Kampf gegen die Drogenkartelle auch ist, sie werden niemals kampflos den für sie so lukrativen Markt aufgeben. Wie steht es um die Korruption in Uruguay? Ich bin über die innenpolitischen Verhältnisse in Uruguay nicht näher informiert, aber wenn es um die allgemeine Korruption in diesem Land ähnlich stehen sollte wie in den meisten anderen südamerikanischen Staaten, wird das ganz schnell ein Schuss in den Ofen.
Wenn es um Korruption geht, dann liegt Uruguay in etwa auf Augenhöhe mit Deutschland (Deutschland: 12/177, Uruguay: 19/177). Quelle: Transparency International (http://cpi.transparency.org/cpi2013/results/) Wie auch immer, der Schritt ist überfällig und gut. Kiff ist in der Welt und aus dieser auch nicht weg zu bekommen. Das ist einfach Fakt. Ich bin mittlerweile auf dem Weg zum alten Sack und selbst ich hab hier im Umkreis von max. 1km zwei sichere Quellen, wo ich sofort etwas zu kiffen bekomme. Der Unterschied zum staatlich vertriebenen Kiff ist nur: Der Staat (also wir alle) verdient anstatt des Dealers und ich als Konsument kann zumindest sicher sein, dass da nicht irgendeine Sch..ße ala Blei/Pestizide o.ä. drinnen ist. Vielleicht kommt es auch mal irgendwelchen zurückgebliebenen hier in Deutschland in den Sinn, dass die Prohibition nichts verhindert aber dafür alles schlimmer macht. Mein Vertrauen in die deutsche Politik ist allerdings eher gering.
3. optional
helmut.alt 07.05.2014
Ein sehr vernünftiger und realistischer Entschluss. Der Staat hat die Kontrolle, die Drogenmafia hat das Nachsehen und die Beschaffungskriminalität wird sinken.
4.
xxbigj 07.05.2014
Richtige Entscheidung. Kriminallität entsteht durch Verbote von Marihuna. Jetzt können Polizisten sich um wirkliche Verbrechen kümmern, der Staat verdient Geld, die Justiz wird entlastet und die Zahl der Konsumenten wird zurück gehen, weil der Reiz an der Droge abnimmt! Wann das bei uns endlich passiert...aber leider gibt es zu viele Menschen die nicht wissen, das Mahriuana schon in der deutschen Medizin erfolgreich eingestetzt wird. Mann kann statt Wasser intensiven Baumwollte, billig und wassersparend Mariuhana anbauen und daraus Klamotten herstellen usw. Aber bis die alten und die unwissenden nicht mehr unter uns sind und endlich eine moderne Drogenpolitik eingeführt wird, wird es leider noch dauern!
5.
Stäffelesrutscher 07.05.2014
Zitat von helmut.altEin sehr vernünftiger und realistischer Entschluss. Der Staat hat die Kontrolle, die Drogenmafia hat das Nachsehen und die Beschaffungskriminalität wird sinken.
Hoffen wir, dass die Kartelle und die DEA ruhig bleiben.
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