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US-Justiz: Porno-Pop-Ups - Lehrerin droht jahrzehntelange Haft

Bizarrer Justizfall in USA: Weil auf dem PC einer Lehrerin während des Unterrichts Werbung für Pornoseiten auftauchte, droht der Frau nun eine lange Haftstrafe - im schlimmsten Fall bis zu 40 Jahre.

Norwich - Jamie Amero scheint mit Computern nicht umgehen zu können: Als einen Technikfeind, der zu ahnungslos sei, einen eigensinnigen Computer vom Bildschirm abzustöpseln, beschreibt sich die 40-jährige Aushilfslehrerin. Sie wisse nicht einmal, wie man den Monitor ausschaltet.

Julie Amero mit Ehemann Wes Volle: Porno-GAU am PC
AP

Julie Amero mit Ehemann Wes Volle: Porno-GAU am PC

Sollte dies stimmen, verwundert es nicht, dass scheinbar aus dem Nichts auftauchende Pop-Ups Amero überfordern - erst recht, wenn in den Fenstern für Pornoseiten mit Internet-Adressen, die unaussprechlich sind, geworben wird, und wenn Siebtklässler um sie herum stehen. Wie vor zwei Jahren geschehen.

Die Aushilfslehrerin in einer Mittelschule von Norwich (US-Bundesstaat Conneticut) habe die Elf- und Zwölfjährigen absichtlich oder - vielleicht - fahrlässig mit Pornographie statt mit Englischunterricht behelligt, so der Vorwurf von Behörden. Jetzt hat der Norwich Superior Court die Lehrerin für schuldig befunden - weil sie den Kindern Pornographie gezeigt habe und diese somit seelischen Schaden erlitten haben könnten. Am 2. März soll über das Strafmaß entschieden werden - Amero drohen bis zu 40 Jahre Haft.

Nackte Frauen, nackte Männer

An jenem Tag im Oktober 2004 - Amero war neu an der Kelly Middle School in Norwich - fragte die Aushilfslehrerin einen Kunstlehrer, ob sie dessen Computer nutzen könnte, um ihrem Ehemann eine E-Mail zu schicken. Sie durfte. Doch zunächst ging sie zur Toilette. Als sie wiederkam, war der Kollege nicht mehr da. Dafür hatten sich Schüler um den Bildschirm des Computers versammelt, sie sahen sich im Internet Frisuren an. Als sie die Seite schließen wollte, hätten sich die die ersten Pop-Ups geöffnet, sagte die Lehrerin kürzlich vor Gericht.

Schüler berichteten, sie hätten Bilder von nackten Frauen und Männern sowie ein Paar beim Oralsex gesehen. Amero hat eigenen Angaben zufolge die Fenster geschlossen. Doch immer wieder seien neue aufgegangen. Von einer endlosen Bombardierung mit Sex-Werbung war die Rede.

Sie habe sich auch schützend vor den Bildschirm gestellt und die Kinder fortgescheucht, sagte Amero. Dann sei sie ins Lehrerzimmer gerannt, um Hilfe zu holen. Kollegen werfen der Aushilfslehrerin jedoch vor, dass sie dabei nicht die Tür zu dem Klassenzimmer abgeschlossen habe. Die Bandbreite der Beschuldigungen reicht von "zu lange auf den Computer starren" bis "absichtlich auf Porno-Webseiten surfen". Wenn die Porno-Bilder wirklich unbeabsichtigt zu sehen gewesen wären, hätte Amero den Bildschirm mit einer Jacke zudecken oder ihn vom Computer trennen können. Die Lehrerin erwiderte, sie sei angewiesen worden, nichts anzufassen, den Computer nicht auszumachen.

"Nicht die Lehrerin sollte verfolgt werden"

Mehrere Computerexperten, die den Fall verfolgt haben, meinen: Spyware und Adware könnten den Schulcomputer regelrecht überfallen haben. Spyware steht für Spionage-Software. Die wird oft heimlich auf einem Rechner installiert und schickt dann persönliche Daten des Computernutzers an Software-Hersteller und andere - gezielte Werbung kommt zurück. Mit Adware (von advertising software) erscheinen Pop-Ups - nicht selten mit Werbung für Pornoseiten im Internet. Mitunter wird auch solche Werbe-Software als Spyware bezeichnet.

Ein hinzugezogener Computerfachmann sagte aus, die Schüler hätten wirklich eine Hairstyle-Seite angesehen, - und mutmaßte: Von dort seien die Kinder zu einer Internetseite für Frisuren umgeleitet worden, auf der pornographische Links waren. "Das kann jedem passieren", so der Experte. "Das ist absolut einleuchtend", bestätigte Ari Schwartz vom Center for Democracy and Technology.

Alex Eckelberry, Chef eines Softwareunternehmens in Florida, wundert sich hingegen: Es sei ungewöhnlich, dass die Staatsanwaltschaft nicht einmal auf dem Computer nach Spyware gesucht habe - "ein unglaublich großer Fehler ähnlich dem, wenn man in einem Kriminalfall keine Fingerabdrücke nimmt". Trotz alledem wurde Amero angeklagt und verurteilt.

"Die Staatsanwaltschaft sollte lieber die Macher dieser Spyware-Programme jagen, nicht ahnungslose Lehrer, die nichts mit den Fotos zu haben", wetterte Brian Livingstone vom Newsletter "Windows Secrets". Auch Wes Volle sah Amero, seine Ehefrau, als das falsche Opfer: Das Schulsystem stürze sich auf sie, um die Aufmerksamkeit vom eigenen Fehler abzulenken. Es sei kein effektiver, schützender Filter auf dem Computer installiert gewesen. Im vorliegenden Fall hätte übrigens vermutlich ein Pop-Up-Blocker gereicht, wie er beispielsweise im kostenlosen Browser Firefox von vornherein integriert ist.

Lücke in der Firewall

Dass der alte Computer wahrhaftig nicht auf dem neusten Stand war, zeigt sich allein daran, dass die richtige Firewall fehlte. Das mussten Schulleiter Scott Fain und Robert Hartz vom Informationservicezentrum der Norwich-Schulen eingestehen. Das letzte Update hätte bereits einige Wochen vor dem Vorfall auf den Rechner gespielt werden sollen. Wegen einer Panne war das nicht möglich - und die Firewall somit nicht voll funktionstüchtig, so Hartz.

Strafverteidiger John Newsone hofft nun, dass Amero das Gefängnis erspart bleibt. Vielleicht würde sie aber für ein bis eineinhalb Jahre in Haft müssen.

Die Filter-Software in den Schulen von Norwich habe seit 1998 sechsmal versagt, schreibt die Lokalzeitung "Norwich Bulletin". Diesmal wurde der Vorfall zum Skandal. Oder - wie Nany Willard vom Center for Safe Responsible Internet Use es nennt - "eine Tragödie von Verfehlungen".

fba/AP

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