US-Rocker beim Rolling Thunder Ride Patriotisch und gefährlich

Tausende Biker ehren mit einer Parade in Washington Veteranen und Gefallene. Bis zu eine Million Zuschauer kommen. Doch das patriotische Event ist umstritten - zumal es diesmal kurz nach einem Blutbad unter Rockern in Texas stattfand.

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Mehrere tausend schwere Motorräder rollten am Pfingstsonntag mit ohrenbetäubendem Lärm vom Pentagon über den Potomac ins Zentrum von Washington D.C.. Hunderttausende Schaulustige verfolgten das patriotische Spektakel: Rockergangs und Hobbyfahrer mit US-Flaggen waren gleichermaßen dem 28. Aufruf zur Biker-Demonstration "für die Freiheit" gefolgt - eines der größten Motorrad-Events der Welt.

Die Verbindung von Patriotismus, Militär- und Motorradkultur ist eines der Elemente, das das öffentliche Bild der organisierten US-Bikerszene prägt. Es ist ihre zwar martialische, aber freundliche Seite: Die großen Klubs wie Bandidos oder Hells Angels waren in den späten Sechzigern, frühen Siebzigern von Vietnam-Veteranen mitbegründet worden.

Für die US-Kuttenträger gehört seitdem der demonstrativ zur Schau gestellte Patriotismus genauso zur Selbstdefinition wie die laut vorgetragene Kritik am Umgang mit Veteranen. Auch die Organisatoren des Rolling Thunder Ride verstehen diesen als Demonstration für die Belange von Veteranen, Kriegsgefangenen und für das Andenken der Gefallenen.

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Rolling Thunder Ride: Im Namen der Freiheit
Das kommt gut an bei vielen Amerikanern und macht die Kritik am Rolling Thunder schwer: Wo Fahnen wehen und Freiheit und Einheit der Nation beschworen werden, ist Widerspruch schwierig. Stimmen, die den Rolling Thunder als vorgeschobene Schein-Demo bezeichnen, hinter der sich nicht mehr als Rocker-Party und Machtdemonstration verbergen, finden sich in den Leserkommentarspalten zur Berichterstattung zuhauf - kaum aber in den Berichten selbst.

Und das, obwohl die US-Öffentlichkeit ganz aktuell zunehmende Probleme hat, einzuordnen, wofür ihre Rocker denn nun stehen: Sind das einfach nur Zweiradbegeisterte mit Macho-Attitüde, oder bereifte Mafiosi und brutale Milizen, die ihr Geld mit Drogen, Waffen und Prostitution machen?

Gerade einmal fünf Tage, bevor sich vom 22. Mai an die ersten Gruppen in Washington versammelten, lieferten sich konkurrierende Kutten-Gangs im texanischen Waco ein beispiellos brutales Shoot-Out in einem Restaurant. Neun Menschen starben, 18 wurden teils schwer verletzt. Am Ende des Massakers nahm die Polizei 170 Rocker fest. Diese hässliche Fratze der Rockerkultur macht immer wieder Schlagzeilen und nimmt der Mär vom Rockerethos viel Glaubwürdigkeit.

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Rockerfehde in Waco: Schießerei auf dem Parkplatz
Da sind Events hoch willkommen, die andere Aspekte der Rockerkultur zeigen. Fünf Tage nach Waco segnete Gary Hall, Domherr der episkopal-anglikanischen Kathedrale Church of Saint Peter and Saint Paul in Washington die ersten Motorräder und Fahrer. So etwas produziert Bilder, die das Harte-Kerl-Image der Rocker konterkarieren - zumal hier friedlich Mitglieder von Gangs aufliefen, die sich Tage zuvor in Waco noch bekriegt hatten.

Ist die Szene der Leder und Kutte tragenden Zottelbärte und Hochtätowierten also doch eine eingeschworene Gemeinschaft von "Brüdern und Schwestern" und von flammenden Patrioten, wie es im Aufruf zum Rolling Thunder Ride heißt?

Der liest sich wie ein Appell, für Kriegsgefangene und im Kampf verschollene Soldaten zu demonstrieren, für die die US-Regierung viel zu wenig tue. Stattdessen kürze sie Mittel. Das stilisiert den Rolling Thunder Ride zu einer Demonstration, bei der Patrioten das nationale Interesse gegen die eigene Regierung verteidigen.

Man muss so etwas nicht zu ernst nehmen. Die US-Regierung tut es auch nicht - sie hat seit zwei Jahren kein Gespräch mehr mit den Organisatoren des Rocker-Aufmarsches geführt. Dass auch Menschen wie Deborah Higgins Tucker mitfahren, die damit ihren im Irakkrieg gefallenen Sohn ehrt, verleiht der Sache trotzdem einige Authentizität: Im Tross dürften Begeisterte wie Trauernde gefahren sein - und natürlich auch Kriminelle, die so etwas nutzen, ihr selbstramponiertes Image aufzuhübschen. Es entwertet die echte Trauer so wenig, wie es die Scheinheiligen aufwertet.



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