US-Terrorabwehr Und plötzlich war Antje mit ihrem Baby in Abschiebehaft

Durch einen Behördenfehler geriet eine in New York lebende Deutsche in die Mühlen der US-Einwanderungs- und Terrorjustiz. Die Folge: eine Odyssee, bei der die junge Mutter wie eine Kriminelle behandelt wurde. Die Nacht in einer Abschiebezelle - mit ihrem Baby - war da nur der Anfang.

Von , New York


Antje Croton, Ehemann Chris und Baby Clara: Sinn und Unsinn des Terrorschutzes
Marc Pitzke

Antje Croton, Ehemann Chris und Baby Clara: Sinn und Unsinn des Terrorschutzes

New York - Antje Croton hat seit vier Wochen nicht mehr richtig geschlafen. Jede Nacht hat sie Alpträume, die sich kaum noch von dem surrealen Alptraum unterscheiden, zu dem ihr Dasein seit Weihnachten geworden ist. "Ich fühle mich wie im falschen Film", sagt die Deutsche, die seit fünf Jahren in Brooklyn wohnt. Ein Horrorfilm, um es genau zu sagen, - mit dem Unterschied, dass er Realität ist.

Crotons Geschichte ist eine Parabel über die US-Terrorabwehr, Bürokratie und beamtete Gefühlskälte, über die Machtlosigkeit gegenüber einem Staatsapparat. Vor allem aber ist es die Geschichte einer jungen Deutschen in Amerika, deren Leben über Nacht völlig aus der Bahn geworfen wurde.

Dabei begann alles so fröhlich: Croton, 36, wollte ihre neu geborene Tochter Clara den stolzen Großeltern vorstellen. Dazu reiste sie im Dezember von New York nach Berlin, Baby im Schlepptau. Ihren Rückflug buchte sie so, dass sie an ihrem Geburtstag, dem 22. Dezember, wieder daheim bei ihrem amerikanischen Mann Chris in Brooklyn sein würde, den sie 1999 geheiratet hatte.

Böse Überraschung am Flughafen

Stattdessen landete sie in Abschiebehaft.

Schon der zehnstündige Rückflug war eine Tortur. "Mit einem drei Monate alten Baby, ohne Begleitung, in einer engen Maschine - reiner Selbstmord", erinnert sich Croton im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Doch die wirklich böse Überraschung kam erst: Am New Yorker Kennedy-Flughafen hielt ein Beamter des US-Ministeriums für Innere Sicherheit die restlos übermüdete Frau fest. Der Grund: Ihre Einreiseerlaubnis sei abgelaufen.

Croton war zunächst nur milde verblüfft. Da müsse er sich irren, lachte sie: Sie habe ihre Papiere vor der Reise extra noch überprüft.

Dazu hatte sich die Ex-Berlinerin - die mit einem Arbeitsvisum in den USA lebt - im Oktober sogar noch persönlich zur New Yorker Außenstelle der Einwanderungsbehörde INS bemüht. Denn wegen ihres seit zwei Jahren anhängigen Antrags auf eine Green Card darf sie, wie alle Einwanderer im Wartestand, das Land nur per Sondergenehmigung verlassen, und dann auch nur in besonderem Härtefall.

"Keine Sorge", hatte ihr eine INS-Dame jedoch versichert: Ihre Reiseerlaubnis, im Juli 2003 abgelaufen, gelte noch bis April 2004 weiter. Das gehe aus einem Verlängerungsstempel gleichen Datums hervor, den das Papier trug. "Sie können unbesorgt reisen."

Kafkaeske Odyssee

Ein verhängnisvoller Fehler. Crotons Reisegenehmigung sei seit Juli ungültig, beharrten die Einwanderungsbeamten am Flughafen. Der Stempel bedeute keine Verlängerung, "so was gibt's nicht". Sie sei bei einem illegalen Einreiseversuch erwischt worden und müsse mit dem nächsten Flieger "nach Hause" zurückkehren.

"New York ist mein Zuhause", sagte Croton, halb ungläubig, halb entsetzt. Dies sei ein Missverständnis, ihr Mann warte in der Ankunftshalle und könne alles aufklären, außerdem müsse sie ihre Tochter stillen. Nichts da, erwiderten die Grenzschützer, sie solle "mal schön den Mund halten".

Croton ist kein Einzelfall. Bei Bürgerrechts- und Immigrantengruppen mehren sich die Beschwerden über ähnliche Probleme - eine Folge der verschärften US-Grenzkontrollen seit dem 11. September 2001, denen auch immer mehr Unschuldige zum Opfer fallen. "Visa - unsere vorderste Front", betitelte Maura Harty, eine Abteilungsleiterin im State Department, neulich einen Vortrag: Grenzkontrollen seien die beste "Vorwärtsverteidigung" gegen "Terroristen und Kriminelle".

Wie eine Terroristin wurde die blonde Frau mit den lebhaften, blauen Augen also samt Baby in einem Nebenraum weiter "verhört" - bis zwei Uhr früh, in der Nacht zu ihrem Geburtstag. Zu dem Zeitpunkt war sie längst ein Nervenwrack: Sie weinte, versuchte Clara zu stillen, flehte umsonst, Chris anrufen zu dürfen, der immer noch wartete. Immer wieder habe sie zu hören bekommen: "Wir setzen dich auf die nächste Maschine zurück nach Deutschland."

Langsam dämmerte es Croton, dass sich ihr Missgeschick zur kafkaesken Odyssee entwickelte, die gerade erst begonnen hatte.

Lebenslanges Einreiseverbot

Schließlich transportierten sie die Beamten mitten in der Nacht vom internationalen Ankunftsterminal 1 zum ausrangierten Terminal 4 - übers Rollfeld, "wie in einem Krimi". Dort landete Croton mit Baby in einer überfüllten, Neon-hellen Abschiebehaftzelle. Unter ihren rund ein Dutzend Mitinsassen: mutmaßliche Waffenschmuggler und eine Frau, die mit Drogen erwischt worden war. "Viele waren in Handschellen und in Fußketten."

Crotons Wut wich blanker Verzweiflung: "Ich war so durcheinander, ich konnte nicht mal mehr meinen Namen buchstabieren." Sie bat, sich hinlegen zu dürfen. Doch ein Offizier habe sie angefahren: "Hör auf zu heulen." Nur eine Flughafen-Mitarbeiterin erbarmte sich und brachte ihr drei Windeln für Clara.

Am frühen Morgen musste sie einer neuen Gruppe von Grenzschutz-Beamten alles wieder von vorne erzählen. Abermals stießen ihre Erklärungen auf taube Ohren: "Das ging denen links rein und rechts raus." Für die einstige DDR-Bürgerin weckte das üble Erinnerungen: "Schlimmer als im Osten."

Die Grenzhüter boten ihr einen Kompromiss an: Wenn sie an Ort und Stelle ein Rückflugticket nach Berlin kaufe, datiert innerhalb der nächsten 30 Tage, dürfe sie zumindest nach Brooklyn und ihre Sachen packen. Sie müsse sich jedoch klar sein, dass sie gegen ein US-Gesetz verstoßen habe und von nun an lebenslanges Einreiseverbot habe. Visum, Green Card, "alles futsch", sagt sie.

"Fall abgeschlossen"

Erschöpft willigte Croton ein. 24 Stunden nach ihrer Ankunft fiel sie Chris weinend in die Arme. Und damit begann der zweite Akt ihrer Irrfahrt. Croton hatte 30 Tage Zeit, den Behördenirrtum aufzuklären - oder ihr Leben in den USA war zu Ende.

Nach den Silvester-Feiertagen machte sich Croton erneut zur New Yorker INS-Filiale auf. Sie traf auf dieselbe Beamtin, die damals grünes Licht zum Berlin-Trip gegeben hatte. "Wann läuft meine Reiseerlaubnis ab?", fragte Croton erneut, ihr eine Kopie des Dokuments vorhaltend. Die Antwort: "Im April 2004." Croton konnte es kaum glauben: "Ich habe fast einen Herzinfarkt gekriegt."

Nach einigem Hin und Her wurde sie unverrichteter Dinge wieder nach Hause geschickt. "Für die war der Fall abgeschlossen", sagt Croton.

Für Croton war das eine Katastrophe. Sie war vor fünf Jahren nach New York gekommen, um als Mitarbeiterin der Hamburger TV-Produktionsfirma Lighthouse Productions Recherchen und Interviews zu arrangieren. Dann hatte sie Chris kennen gelernt, geheiratet, Clara bekommen. Nach der Geburt startete sie ihr eigenes Business: Über eine Website verkauft sie selbst gemachte Handtaschen aus thailändischer Seide.

Croton liebt die USA, auf ihre eigene, kritische Weise. Auf ihrer Website publiziert sie sentimental-poetische Tagebuchnotizen über ihre Erlebnisse in der neuen Heimat ("Reflektionen"). Sie schreibt über die sommerlichen "Hängematten und Flohmärkte" von Connecticut und die Damen hinter dem Schalter ihres Postamtes in Park Slope, deren Regelstrenge sie irgendwie auch an "den moralischen Missbrauch" der DDR erinnert.

Humanitäre Nachsicht

Eine Reminiszenz, die sie nun, in Form der Staatsbehörde INS, voll ins Herz trifft. "Ich fühle mich so unfair behandelt", sagt sie. "Warum soll ich die Fehler anderer auslöffeln?"

Doch jetzt kommt Bewegung in den Fall. Crotons Freunde in Brooklyn haben eine Rettungsaktion organisiert. Sie haben einen Brief an den INS verfasst, die "New York Times" alarmiert, einen Gesprächstermin mit dem demokratischen Kongressabgeordneten Chuck Schumer organisiert. Als Nina Bernstein, eine Reporterin der "New York Times" am Flughafen Fragen zu stellen begann, schreckten die Verantwortlichen endlich auf.

Am Dienstagabend bekam Croton einen Anruf: Ein Vertreter des US-Ministeriums für Innere Sicherheit erklärte ihr, sie dürfe über eine Ausnahmeregelung im Land bleiben - "aus humanitären Erwägungen". Am 18. Februar dann soll auf einer Berufungsanhörung entschieden werden, ob ihr Antrag auf eine Green Card weiterlaufen darf oder ob sie das ganze Verfahren neu beginnen muss. Das würde sie abermals in die juristische Twilight Zone der Möchtegern-Amerikaner stürzen. "Noch mal zwei Jahre warten?", fragt sie sich erschöpft. "Noch mal zwei Jahre lang nicht reisen und meine Eltern sehen können?"

Croton hofft nun erst mal auf "die erste friedvolle Nacht". Vielleicht lässt sie ihre Ambitionen auf US-Staatsbürgerschaft ja auch ganz fallen, "eine gute Frage, die habe ich mir noch gar nicht gestellt". Unterdessen hat sie zumindest eine neue Beschäftigung befunden. Sie fertig schwarze T-Shirts mit handgemalter Aufschrift an: "Free Antje & Clara".



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