US-Urteil "Ein toller Tag, schwul zu sein"

Geschenk zum "Gay Pride Month": In einem ebenso überraschenden wie historischen Urteil hat das Oberste Bundesgericht der USA die alten Schwulen-Gesetze des Landes abgeschafft, mit denen Homosexuelle seit dem 19. Jahrhundert diskriminiert wurden. Bürgerrechtler sprechen von einer Zeitenwende im Kulturkrieg.

Von , New York


Siegeszug: Eine Menschenmenge versammelt sich in San Franciscos Schwulenviertel Castro nach der Urteilsverkündung
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Siegeszug: Eine Menschenmenge versammelt sich in San Franciscos Schwulenviertel Castro nach der Urteilsverkündung

New York - Am Sheridan Square im Herzen des New Yorker Greenwich Village wurde der Sommerabend gestern spontan zum schwulen Sommerabend. Hunderte Männer versammelten sich gegenüber der Kneipe "Stonewall Inn", wo mit den Polizeikrawallen von 1969 die moderne US-Schwulenbewegung begonnen hatte. Der Anlass des Auflaufs war diesmal jedoch keine Protestdemonstration, sondern eine Jubelfeier.

Sie winkten mit Regenbogen-Flaggen, klebten sich rosa Sticker mit der Aufschrift "Mein Schlafzimmer ist meine Sache" an die Brust, umarmten und küssten sich. Dann trat Richard Haymes ans Mikrofon, ein distinguierter Herr und der Direktor des Gay & Lesbian Anti-Violence Projects, und gab unter lautem Beifall das Motto aus: "Was für ein toller Tag, schwul zu sein!"

Denn kurz zuvor hatte der Oberste Gerichtshof in Washington, als Paukenschlag zum Ende seiner Sitzungsperiode, eine völlig überraschendes, da überraschend liberales Grundsatzurteil verkündet - ein Urteil, das Bürgerrechtler sofort als "historisch" und "bahnbrechend" priesen.

In flagranti ins Gefängnis

Unter dem Aktenzeichen 02-102 erklärten die neun höchsten Juristen der Nation (6 zu 3 und gegen den Widerstand ihres Chefrichters William Rehnquist) im Handstreich alle noch bestehenden US-Gesetze für verfassungswidrig, die gleichgeschlechtlichen Sex unter Strafe stellen. Homosexuelle, schrieb Richter Anthony Kennedy in der Urteilsbegründung, verdienten "Respekt ihres Privatlebens" - der Staat dürfe sie nicht "herabwürdigen", indem er ihr "sexuelles Verhalten kriminalisiert".

Bekenntnis: Die kleine Reagen Plewe, 5, mit ihren lesbischen Eltern auf den Stufen des Capitol in Salt Lake City
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Bekenntnis: Die kleine Reagen Plewe, 5, mit ihren lesbischen Eltern auf den Stufen des Capitol in Salt Lake City

Worte, die im freidenkerischen Europa wahrscheinlich nur noch ein Schulterzucken verursachen. In den prüden USA aber haben sie Donnerhall: Sie markieren eine Zeitenwende im Kulturkrieg zwischen Konservativen und Liberalen. Vor allem, da sie von einem sonst so schamlos rechten Richterclub formuliert wurden, der sich zuletzt dadurch profilierte, indem er Präsident George W. Bush gegen den Mehrheitswillen der Wähler inthronisierte.

Zur Verhandlung vor dem Supreme Court stand diesmal, mit dem Fall "Lawrence u.a. gegen Texas", das mittelalterlich anmutende Verbot der gleichgeschlechtlichen Liebe, das bisher noch in 13 von 50 Bundesstaaten existierte - meist im Süden und Mittleren Westen der USA - und dort vornehmlich als Vorwand diente, Homosexuelle zu verfolgen.

Dies war in einer Septembernacht 1998 auch zwei Männern im texanischen Houston zum Verhängnis geworden. Auf den Anruf eines Nachbarn hin stürmte die Polizei das Haus von John Lawrence und riss ihn und seinen Partner Tyron Garner "in flagranti" aus dem Bett. Die beiden landeten im Gefängnis und wurden zu je 200 Dollar Geldstrafe verdonnert - nach dem so genannten Sodomy-Gesetz von 1875.

"Kriminelle Aktivitäten" im Schlafzimmer

Das wollten Lawrence und Garner nicht hinnehmen. Zumal sie nun in über einem Dutzend US-Staaten als "Sexualstraftäter" gebrandmarkt waren - in einen Topf geworfen mit Vergewaltigern und Pädophilen. Sie legten Gegenklage ein, verloren, gingen in die nächste Instanz, verloren abermals. Zuletzt hielt das Oberste Berufungsgericht von Texas den Strafbestand des "abartigen sexuellen Verkehrs" aufrecht.

Dank einer ambitionierten Rechtsanwältin, Ruth Harlow von der Juristengruppe Lambda Legal Defense Fund, wagten die Männer trotzdem den Gang zum Supreme Court.

Das aus dem 19. Jahrhundert stammende Schwulen-Verbot, bis 1961 noch landesweit gültig, verstoße gegen die Verfassung und die Gleichheit vor dem Recht, argumentierte Harlow. Sexuelle Intimität in den eigenen vier Wänden sei Teil jener Freiheit, mit der sich die USA vor allem neuerdings immer wieder so schmückten - egal, ob es sich um einen Mann und eine Frau handele, um zwei Männer oder zwei Frauen.

In der Tat missbrauchten die Konservativen den Sodomie-Vorwurf bis zuletzt zur gesellschaftlichen Diskriminierung. So wurde Schwulen und Lesben der Eintritt in den Polizei- oder Staatsdienst verwehrt, weil sie im heimischen Schlafzimmer "kriminelle Aktivitäten" begingen. Mit derselben Begründung verloren unzählige Adoptiveltern ihre Kinder. Auffällig viele dieser bizarren Fälle ereigneten sich in George W. Bushs Heimatstaat Texas.

Keine Zweiklassen-Gesellschaft mehr

Auch für die Verfassungsrichter waren dies keine neuen Fragen. 1986 hatten sie sich schon mal mit dem Thema Sodomy befassen müssen. Damals hielten sie ein entsprechendes Gesetz des US-Bundesstaats Georgia jedoch aufrecht.

Die Zeiten haben sich geändert. Im gleichen Federzug, mit dem es nun dem Schwulenpaar aus Texas Recht gab, annullierte das Gericht nachträglich auch sein eigenes Georgia-Urteil von vor 17 Jahren - ein dramatischer Schritt der Selbstkorrektur.

Drei der heutigen Richter waren 1986 bereits mit dabei. Stephen Breyer war damals schon gegen die Schwulen-Gesetze, Sandra Day O'Connor und William Rehnquist dafür. Rehnquist blieb jetzt strikt bei seiner Meinung. O'Connor schloss sich, wenngleich unter Vorbehalt, der neuen Mehrheit an: Das Gesetz dürfe keine Zweiklassen-Gesellschaft schaffen.

Diese neue Gerichtsmehrheit reflektiert auch die neue breite Volksmeinung. In jüngsten Umfragen erklärten zwei Drittel der Amerikaner alle Gesetze, die Homosexualität unter Strafe stellen oder ihnen Gleichberechtigung am Arbeitsplatz verweigern, für veraltet und überholt.

Zungenkuss in der Prime Time

Das Präzedenzurteil des Supreme Courts hat perfektes Timing. Nicht nur, dass es direkt in den "Gay Pride Month" fällt, der in New York am Wochenende mit dem Marsch Hunderttausender über die Fifth Avenue und einer Open-Air-Fete am Hudson River seinen Abschluss findet. Schon seit Tagen ist ganz Manhattan mit Regenbogen-Flaggen dekoriert, und Bürgermeister Mike Bloomberg wird mitmarschieren.

Doch auch anderswo ist, wie der Supreme Court gespürt hat, die Stimmung längst gekippt.

Der TV-Sender Bravo startet demnächst die erste schwule Reality-Show der USA ("Boy Meets Boy"). Bei der auf CBS live in Millionen Haushalte übertragenen Verleihung der Tony Awards für Broadway-Shows kam es kürzlich mitten in der "Prime Time" zum Zungenkuss zwischen dem Autorenpaar Marc Shaiman und Scott Wittman. Die beiden gewannen für ihr Musical "Hairspray", dessen Hauptdarsteller Harvey Fierstein, in der Rolle einer fetten Hausfrau, ebenfalls einen Tony abräumte. Als bestes Sprechtheater-Stück wurde "Take Me Out" ausgezeichnet, ein Drama über einen schwulen Baseball-Spieler.

CBS bekam nur vier Protestanrufe nach dem Schwulenkuss

Amerikanische Schwulenpärchen strömen nach Kanada, um sich dort, nachdem ein Gericht in Ontario die gleichgeschlechtliche Ehe legalisiert hat, in Schnellzeremonien à la Las Vegas trauen zu lassen. Dagegen wirken die Tiraden des republikanischen Senators Rick Santorum, der Homosexualität kürzlich dem Sex mit Tieren gleichstellte, nur noch albern. Ebenso die Protestnote des Bundesrichters Antonin Scalia, der seinen Kollegen vorwarf, der "homosexuellen Agenda" Beistand zu leisten.

Scalias Kritik, die er gestern wütend im Gerichtssaal verlas, heißt im Amtsjargon des Supreme Courts "Minderheiten-Meinung". Ein Ausdruck, der selten treffender sei als jetzt, sagte Richard Haymes vom Anti-Violence Project auf der abendlichen Demo am Sheridan Square. Und entließ die Menge mit der Aufforderung in die Nacht: "Frohes sodomisieren."



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