Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Uups! - et orbi: Habakuk und der Elektrosmog

Von , Rom

Plötzlich begann der Kühlschrank zu sprechen, dann das Heizungsrohr. Alles war in dem italienischen Städtchen Santa Maria di Galeria genau so, wie vom Propheten Habakuk geweissagt. Dann wurden ein Kardinal und ein Priester verurteilt - und auf wundersame Weise wieder freigesprochen.

Rom - Zuerst schien es nur eine akustische Täuschung zu sein. Doch die Stimmen kamen wieder. Sie waren im Kühlschrank, im Heizungsrohr und manchmal auch im Telefon, mal deutlicher, mal weniger deutlich, aber immer ging es um erbauliche Inhalte. Es sprach aus Siemens, Miele und Bosch wie einst aus Wolken und Dornbüschen.

Papst Benedikt XVI. bei Radio Vatikan: Die Strahlkraft der Kirche
DPA

Papst Benedikt XVI. bei Radio Vatikan: Die Strahlkraft der Kirche

Die Menschen in Santa Maria di Galeria wunderten sich und lauschten knieend, wie zwischen Milch und Käsedosen plötzlich die Stimme von Radio Vaticana zu vernehmen war. Andere wollten beobachtet haben, wie des Nachts die Abteile des Vorortzuges nach Viterbo sich erleuchteten, wenn er an dem Dorf vorüberfuhr.

Tief beeindruckt, aber nicht blöd eilten sie statt zum nächsten Pfarrer zur Polizei und erstatteten Anzeige gegen den Betreiber der nahegelegenen Sendeanlage: den Vatikan.

Seit 1957 steht die Hauptsendeanlage von Radio Vaticana (Werbeslogan: "Laudetur Jesus Christus") auf freiem Feld zwischen den Gemeinden Santa Maria di Galeria und Cesano, an der Via Cassia im Norden Roms. Inzwischen sind es 34 Antennen, bis zu hundert Meter hoch, über die in 47 Sprachen rund um die Uhr gesendet wird, bis in den letzten Winkel der Christenheit hinein. Dazu braucht es einen starken Glauben. Und nicht weniger starke Sendeanlagen.

Nun kommen die Strahlen, wenn auch nicht aus dem Jenseits, so doch aus dem Ausland. Die Sendemasten liegen auf exterritorialem Gelände, auf einer Exklave des Kirchenstaats. Egal, sagten die Leute von Santa Maria: Strahlen sind transzendent, das haben sie so an sich, und außerdem steht das auch beim Propheten Habakuk (Hab 3,4) geschrieben: "Sein Glanz war wie Licht; Strahlen gingen aus von seinen Händen. Darin war verborgen seine Macht." Die Rede ist von Gott. Und war der dann folgende Satz nicht noch deutlicher, als habe Habakuk auch schon den Elektrosmog vorhergesehen: "Pest ging vor ihm her, und Seuche folgte, wo er hintrat"?

Ein lokaler Arzt berichtete schon Ende der Neunziger von anderen Merkwürdigkeiten in Santa Maria. Auch die Zahl der Leukämiefälle von Kindern liege um ein Drittel höher als anderswo. Eine internationale Expertenkommission, berufen von der Regierung, sollte dem später widersprechen. Aber die Angst blieb. Was ist schon Logos gegen Glauben?

Die Radioleute sagten, sie würden sich an die europäischen Normen halten. Die lagen aber deutlich über den zulässigen italienischen Höchstwerten. Als schlussendlich auch der Umweltminister drohte, sich ein- und den Strom abzuschalten, gab der Vatikan nach und passte 2001 die Abstrahlung der Antennen den in Italien vorgeschriebenen Werten an.

An die Gefahren durch Elektrosmog wollten die Verantwortlichen nicht glauben. Hinter den Klagen, so die Direktion von Radio Vaticana, steckten ganz andere Interessen. Der Immobilienwert des Geländes vor den Toren Roms sei in den letzten Jahren stark angestiegen: "Man will uns aus Santa Maria di Galeria weghaben."

Am 9. Mai 2005 verurteilte ein römisches Gericht Kardinal Roberto Tucci, den Vorsitzenden des Aufsichtsrats, und den früheren Sender-Direktor Don Pasquale Borgomeo zu je zehn Tagen Haft wegen "Beeinträchtigung der Lebensqualität” durch erhöhte Strahlenbelastung. Der einwandfreie Empfang von Radio Vatikan per Kühlschrank wiege den Nachteil gestörten Fernsehempfangs nicht auf. Der Vatikan sollte außerdem ein Gutachten bezahlen, wie sehr die Anwohner in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt sind und wie viel Geld sie dafür verlangen könnten. Die Radioleute legten Widerspruch gegen das Urteil ein. Es sei, so das deutsche Radio Vatikan, die Rede gewesen von Forderungen in Höhe von mehr als 250 Millionen Euro. Das hätte die Stimme des Vatikans verstummen lassen.

Letzte Woche hat eine höhere Instanz dieses Urteil auf landestypische Weise aufgehoben: In Italien gebe es den Straftatbestand "Elektrosmog” gar nicht, also könne er auch Lebensqualitäten nicht beeinträchtigen. Und als strafbare "Entsorgung von Gefahrengütern" könnten die Strahlen auch nicht angesehen werden. Te absolvo, Radio Vaticana.

Ein zweiter Prozess zu den Leukämiefällen ist noch anhängig. Bei dem lautet die Anklage schlicht: Mord.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Wunder gibt es immer wieder
Streitaxt 11.06.2007
Na endlich ist physikalisch bewiesen, dass Kühlschränke als Radios taugen. Das wird die GEZ freuen. Und wie wird eigentlich Spiegel TV ausgestrahlt? Smogfrei hoffe ich doch. Vorschöag für den nächsten Artikel: Ist der Papst eine CO2-Schleuder?
2. Haudrauf
baiatul, 11.06.2007
Zitat von sysopPlötzlich begann ein der Kühlschrank zu sprechen, dann das Heizungsrohr. Alles war in dem italienischen Städtchen Santa Maria di Galeria genauso wie vom Propheten Habakus geweissagt. Dann wurden ein Kardinal und ein Priester verurteilt - und auf wundersame Weise wieder freigesprochen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,487762,00.html
Der Artikel ist ein wenig seltsam. Ich wüßte schon ganz gerne, ob wegen erhöhter Abstrahlleistung eines Radiosenders ein Kühlschrank oder ein Heizungsrohr gleichzeitig zum Empfänger, zum Verstärker und zum Lautsprecher werden kann. Ich glaube allerdings eher nicht. Zum anderen wundert mich, dass diese Phänomene nicht schon früher aufgetreten und aufgefallen sind. Diese Anlage steht schließlich seit 1957. Ich denke, dieser Artikel ist wieder mal so ein ironischer Draufhauer auf die Kirche. Dass eine Anklage wegen Mord aus juristischer Sicht purer Unsinn ist, dürfte sowieso klar sein. Letztendlich ist die Geschichte die: Man hat gesucht und gefunden: Die Abstrahlleistung dieser Anlage war zu hoch. Nach den sehr strengen italienischen Vorschriften. Und jetzt kann man ein bisschen hetzen. Gegen die Kirche.
3. vagabundierende HF
wassoll, 11.06.2007
Vagabundierende HF könnte die geschilderten Effekte schon hervorrufen. Dazu sind allerdings sehr hohe Feldstärken nötig, außerdem zeugt es von einer mangelhaften nicht CE-konformen Einstrahlungsfestigkeit der betroffenen Geräte. Total undenkbar sind die Effekte allerdings nicht. Zur Versachlichung der Diskussion wäre es erst einmal nötig, die auftretenden Feldstärken zu messen und mit den geltenden Grenzwerten abzugleichen. Eine gesundheitsbeeinträchtigende Wirkung auch sehr hoher Sendeleistungen bei amplitudenmodulierten Signalen im Mittelwellen- und Kurzwellenbereich ist nicht nachgewiesen und wir stützen uns auf über hundert Jahre Erfahrung mit dieser Technik. Ganze Technikergenerationen haben Sendeanlagen und Sendemasten während des Betriebes gewartet. U.a. werden Sendemasten während des Betriebes angestrichen, irgendwelche Erkrankungen sind nicht bekannt.
4. Radio Vatikan
hackyy 11.06.2007
Was soll das Geschrei bezüglich der Sendeanlagen des Vatikans. Man fahre mal mal die A44 Richtung Aachen. Bei Jülich stehen die Sendeanlagen die DEUTSCHEN WELLE. Die sind auch nicht viel kleiner. Und die vielen anderen Sendeanlagen, die überall in der Welt stehen. Aber die eignen sich halt nicht so schön, um über den Betreiber mit Spott und Häme herzuziehen. Zum Thema "Stimmen aus dem Kühlschrank": Technisch ist so etwas möglich. Dieser Effekt tritt bei höheren Feldstärken auf. Hierzu bei Wikipedia mal unter Detektorempfänger nachlesen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: