Rom - Wer im Vatikan als intellektueller Avantgardist erscheinen will, der lässt gern "La Civiltà Cattolica" in seiner Klause herumliegen. Die Theoriezeitschrift des Jesuitenordens bringt zweiwöchentlich Kritiken des letzten Tarantino-Films ebenso wie Erörterungen, ob Kaiser Tiberius tatsächlich Sympathien für die Urchristen hatte oder eher doch nicht. In der jüngsten Nummer (Anno 158, Quaderno 3771-3772) findet sich der Beitrag eines jungen Jesuitenpaters, Antonio Spadora, über Fluch und Segen der virtuellen Parallelwelt "Second Life", jenes neuen Jenseitigen.
Des Geistlichen Interesse wurde offenbar durch das Wort "Avatar" geweckt. Ein Begriff aus dem Sanskrit, der eine auf die Erde niedergestiegene Gottheit meint. Die Spieler des "Second Life" nennen ihre Figuren Avatare. Sie existieren in einer durch intelligentes Design geschaffenen Welt, in der das ewige Leben lockt.
Das muss jeden Jesuiten neugierig machen. Zumal im Cyberspace nur sechs praktische Verbote (die "Big Six") fürs Zusammenleben ausreichen sollen: das Verbot von Intoleranz, Belästigung, Aggression, Verletzung der Persönlichkeitsrechte, indezentes Verhalten und Störung der öffentlichen Ordnung.
Doch sind das Gebote Gottes? Gibt es Gott im Cyberspace? Ganz thomasisch bestreitet Antonio Spadora, dass "Second Life" eine eigene, von der Wirklichkeit unabhängige Realität habe. Es gebe ein Tertium. Die von Spadera "Cyborgs" genannten Einheiten aus Spielern und ihren Avataren schaffen durch ihre Interaktionen ein Drittes, "im Kontext der Simulation".
Die Kirchenväter hätten es vielleicht anders formuliert, die Unterscheidung von Substanz und Akzidenz jedoch bleibt bestehen. Auch beim Ausprobieren neuer Identitäten steht der reale Mensch, in all seiner Bedingtheit, an den Schaltknöpfen: "Man spricht und handelt durch jemanden, der man zu sein spürt, und nicht durch jenen, als der man erscheint. Jedenfalls bedeutet 'Simulation' nicht automatisch 'Falschheit'", schlussfolgert der Pater. Und was nicht falsch ist, ruft irgendwann nach Wahrheit - also Kirche.
Spadora stellt im Zweiten Leben ein wachsendes "Bedürfnis nach Gebetsräumen oder tatsächlichen Klöstern und Konventen" fest, um auch im Virtuellen "eine Erfahrung Gottes" zu ermöglichen. Wenn Er überall ist, weshalb dann nicht auch im Second Life?
Dort gibt es bereits Zentempel, eine Moschee, Synagogen, die Kathedrale Notre-Dame de Paris (inklusive Betstühlen) und St. Pauls für die Anglikaner. Daneben wimmelt es von "Autodoxen", von selbstgebastelter Sinnstiftung und Pantheismus in jeder Preisklasse. Insofern, so die "Civiltà Cattolica", sei der Erfolg des Cyberspace auch Ausdruck "eines verbreiteten Bedürfnisses nach einem 'Anderswo'. Im Grunde kann das Internet, auf seine Weise, auch als Missionsland betrachtet werden."
Okay, aber konkret: "Was bedeutet es, im 'Second Life' zu beten? Ist es möglich?", wird gefragt und prompt ein dänischer Muslim zitiert, der das Dilemma löst, indem er vor seinem Computerbildschirm den Gebetsteppich ausrollt und mit der Maus in der Hand gen Mekka betet. Spadora hält das für möglich: Nichts hindere die gläubigen Cyborgs, "eine Form gemeinsamen Gebets" zu leben, "und das geschieht auch bereits."
Aber was taugt eine Beichte in der Cyberkathedrale Notre-Dame? Muss sich hinter dem Avatar mit Priesterkragen ein wirklicher Priester verbergen und: Was ist dann der Unterschied zu jedem x-beliebigen Chatroom? Darüber muss noch nachgedacht werden. Ganz zu schweigen von der katholischen Morallehre im virtuellen Raum. Avatare kommen zwar geschlechtslos ins Spiel, aber anders als die Engel können sie sich Genitalien kaufen. Womit, so der Jesuitenpater, "das Feld für jede Form simulierten erotischen Ausdrucks quasi offen" sei, "von der Prostitution bis zur Pädophilie".
Darf die Kirche nun "partnering" dulden, also jene virtuellen Partnerschaften zwischen Spielern? "Wir müssen immer bedenken", schreibt Spadora, "dass 'hinter' einem Avatar immer eine Person des 'ersten Lebens' ist, also in Fleisch und Blut, die vielleicht mit einer anderen realen Person verheiratet ist." Spadora fordert seine Glaubensbrüder auf, sich der Aufgabe zu stellen, "die Moral in einer simulierten Welt zu studieren."
Am Ende seines Aufsatzes warnt Spadora vor dem Verlust von Erfahrung und zeichnet das Bild einer von eigentlich geschlechtslosen, suchenden Wesen bevölkerten Welt, die aufgrund der Simulation von Wahrheiten längst schon entfremdet ist von der Wirklichkeit, doch damit keine Missverständnisse entstehen: Er meint "Second Life".
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