Uups! - et orbi: Schleiertanz der Unbefleckten

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Was für ein Etablissement: In Roms Via Monterone liegt das "L'Eau Vive", geführt von den "Missionsschwestern von der Unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes". Doch hier gibt es mehr als feine Speisen - gegen Mitternacht haben die Nonnen ihren großen Auftritt.

Rom - Der Palazzo Lantes liegt in einer diskreten Seitenstraße unweit des Pantheons. Keiner ahnt, dass im Seitenflügel die Prinzessin Aldobrandini lebt, und nur wenige würden vermuten, dass die Dame in dieser Geschichte keinerlei Rolle spielt. Im Vorderhaus dagegen verbirgt sich das "L'Eau Vive", eine Lokalität, deren Gästeliste im Laufe der Jahre alle in Rom ansässigen Kardinäle verzeichnet haben dürfte.

Petersplatz in Rom: Schlüpfrige Stellen in der Geschichte des Papsttums
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Petersplatz in Rom: Schlüpfrige Stellen in der Geschichte des Papsttums

Das "L'Eau Vive" wird von den Karmelitinnen der "Missionsschwestern von der Unbefleckten Empfängnis der Mutter Gottes" ("Travailleuses Missionaires de la Conception Immaculee") geführt. Aber das schmeckt man nicht. Es gibt Küche aus allen fünf Kontinenten, Tournedos aus Martinique, Magret de Canard au Whisky, französische Weine. Irritierend ist, dass neben der Speisekarte der Text des "Ave Maria" liegt.

Es gibt "L'Eau Vive" in Saigon, Paris, Rio de Janeiro, New York und Manila. Es ist eine marianische Restaurantkette, betrieben von mehrheitlich asiatischen und afrikanischen Jungnonnen.

Bevor die "Lotte façon Tiberina" gebracht wird, blättert man noch im "Oxford Dictionary of Popes" auf der Suche nach schlüpfrigen Stellen. Da findet sich, ausgerechnet im Stammbaum der Namensvettern Nr. VIII. und IX. des gegenwärtigen Papstes, die erstaunliche Geschichte der schönen Aristokratin Marozia, um die sich zahlreiche wahre und erfundene Geschichten ranken. Sie war ziemlich sicher die Geliebte eines Papstes und Mutter eines zweiten, dazu soll sie Mörderin eines Dritten und Ahnin von drei weiteren gewesen sein.

Alles begann mit der "Kadaversynode" im Jahr 897, als Papst Stephan VI. den Leichnam seines Vorgängers ausbuddeln und in pontifikale Gewänder kleiden ließ, um ihn vor Gericht zu stellen. Zur Last wurden ihm alle erdenklichen Verbrechen gelegt. Der Angeklagte hatte nichts zu seiner Verteidigung vorzubringen, wurde also schuldig gesprochen und im Tiber versenkt, nachdem man ihm zuvor mehrere Finger der rechten Hand abgeschlagen hatte.

An dieser Synode soll auch Theodora teilgenommen haben, die legendäre Pontifikal-Mätresse und Senatorin. Aus irgendwelchen Gründen hatte sie auch ihre sechsjährige Tochter Marozia mitgebracht. In diese verliebte sich sogleich Kardinal Sergius. Er ließ das Kindlein zu sich kommen und noch einmal und immer wieder. Und als er selbst zum Papst Sergius III. ernannt wurde, gebar ihm die mittlerweile 15-jährige Marozia einen Sohn, den späteren Papst Johannes XI.

Die Epoche der "pornocracy"

Sergius starb wenig später, und Theodora gelang es, ihren Liebhaber Johannes zum Papst Johannes X. zu machen - was wiederum das Töchterchen Marozia auf den Geschmack brachte. Sie zettelte erst einen Krieg an und musste dann noch zwei Päpste aus dem Weg räumen, bevor sie endlich ihr Söhnchen 931 auf den Thron Petri bringen konnte.

Eine der ersten Amtshandlungen des neugewählten Papstes Johannes XI. war, die Heirat seiner eigenen Mutter zu annullieren, damit Marozia einen anderen nehmen konnte. Er selbst starb dann früh, und auch seinem Nachfolger, Johannes XII. erging es nicht besser. Ihm soll ein eifersüchtiger Römer mit einem Hammer den Schädel eingeschlagen haben, als er seine Frau im Bett des inzwischen abgesetzten Papstes erwischte. Einer anderen Version zufolge erlitt er aber, im Bett mit der Ehefrau eines anderen liegend, einen tödlichen Schlaganfall.

Marozia wiederum sollte später von ihrem Sohn aus erster Ehe in den Kerker der Engelsburg geworfen werden. Danach schweigen die schriftlichen Überlieferungen weitgehend zu ihrer Person. Vereinzelte Legenden besagen aber, der Heilige Stuhl habe sich sehr viel später wieder mit der inzwischen über 90 Jahre alten, eingesperrten Greisin befasst. Der Papst soll die Exkommunikation aufgehoben, der erbarmenswerten Marozia alle Teufel ausgetrieben und anschließend hingerichtet haben.

Marozia soll Urgroßmutter von Benedikt VIII. und Johannes XIX. sowie Ururgroßmutter von Benedikt IX. gewesen sein. Mit spitzen Fingern bezeichnet das "Oxford Dictionary of Popes" diese Epoche des Papsttums und der Marozia als "pornocracy".

Gott sei Dank ist das vorbei und subsistiert auch nicht. Im "L'Eau Vive" liegt der Eisbecher "Dame Blanche" schon dahingeschmolzen, als plötzlich, schon gegen Mitternacht, eine ganz verzückte Nonne am Tisch steht, mit Bernini-Lächeln auf den Lippen, und dann noch eine und immer mehr, und alle, die soeben noch unschuldig aufgetragen hatten, wiegen sich jetzt singend und schleierwedelnd zwischen den Tischen, in einer Mischung aus Angkor-Tempeltanz, Selbsterfahrung und Tai-chi: "Aa-a-ve Mari-i-a...!"

Die Vorsängerin hält ein Mikrofon in den Händen, neben sich eine ebenfalls leuchtende Marienstatue aus Plastik. "Aaa-vee Mari-i-aa...!" Den Gästen ist zu verstehen gegeben worden, dass Boeuf Bourguignon und Lotten-Filet nur der Auftakt gewesen sind zum Eigentlichen, dem Lob der Unbefleckten, und dass es jetzt ziemlich unmöglich sei, nicht bis zur letzten Strophe mitzusingen. Das "L'Eau Vive" liegt in der Via Monterone 85. Auch Protestanten werden bedient.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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1.
San Juan 19.07.2007
Wo sind denn nun die nackten Nonnen, die auf den Tischen tanzen und nackte Bischöfe und Päpste bedienen? Das Nächste wird wohl sein, daß er den Papst beim Rosenschneiden zeigt mit der Headline: "Papst pflegt seinen Stengel."
2. Viel Uups und wenig orbi!
aufschulte 19.07.2007
Wohl (zu) viel Uups! und (zu) wenig orbi!
3. geheimtip
hans hoch 20.07.2007
interessanter beitrag.werden bei meinem nächsten rom-besuch bestimmt dort einen besuch machen.die schwestern vom " l´eau vive" sollten sich beim spiegel-online bedanken für diese publicity.ein geheimtip. wann gibt es eine filiale in deutschland?
4. Wo ist da bitte Uups?!
Patricia Brandt 20.07.2007
Zitat von aufschulteWohl (zu) viel Uups! und (zu) wenig orbi!
Ich würde eher andersrum sagen: Zu wenig Uups und zu viel orbi... oder so *gg* Was ist denn an dieser Geschichte "Uups" ??!!! Gut, die Peinlichkeit sich nicht zu entblöden mit einer Plastik-Maria zwischen den Tischen zu schunkeln vielleicht...
5. Und jetzt stellen wir uns das mal
D.N. Reb 20.07.2007
in Pakistan vor.
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