Uups! - et orbi Wie die Vorhölle abgeschafft wurde

Es ist immer wieder irritierend, wie auch große Debatten bisweilen keinerlei Aufmerksamkeit erregen. Ein Beispiel ist die Limbo-Debatte, bei der es erstaunlich wenig um Sex, Voodoo und Karibik geht - stattdessen reichlich um die Hölle.


Rom - Über Jahrhunderte zogen sie sich hin, die Erörterungen, peinvollen Selbstbefragungen und mit Leidenschaft geführten Dispute. Doch nun soll die Limbo-Debatte im blinden Winkel der Öffentlichkeit verschwinden.

Hitzige Debatte: Gibt es eine Zwischenlandung auf dem Weg zur Hölle?
DDP

Hitzige Debatte: Gibt es eine Zwischenlandung auf dem Weg zur Hölle?

Für uns Gläubige des säkularen Dogmas ist Limbo eine karibische Tanz-Show, bei der quasi-nackte, zuckende Gestalten sich auf Kniehöhe unter brennenden Latten hindurchzwängen, eine Mischung aus Voodoo, Sex und Steeldrum-Beat. Eine Disziplin, bei der Marlene Simons von den "Limbo Fantasy Girls" seit 1987 den Weltrekord hält mit 16,5 Zentimetern Lattenhöhe. Davon gibt es sogar Fotos.

Insofern hat die kürzliche Nachricht aus dem Vatikan, es gebe Limbo gar nicht, für Erstaunen gesorgt. Schließlich hatte der Erzbischof von Sydney noch im September 2001 auf einer Synode unter dem Motto Episcopus Minister Evangelii Iesu Christi propter Spem Mundi darüber geklagt, wie Limbo zunehmend in Vergessenheit gerät.

Aber der Vatikan ist nicht die Karibik. Hier ist Limbo nicht Limbo, sondern ein theologisches Hilfskonstrukt für die Frage: Was passiert eigentlich mit Kindern, die ungetauft sterben, was geschieht heilsgeschichtlich mit Totgeburten und nicht zu rettenden Frühchen? Und was mit jenen, die das unverschuldete Unglück hatten, vor Christi Geburt geboren zu sein? Nach Aktenlage müssten sie in die Hölle kommen, weil ohne das heilige Sakrament der Taufe. Andererseits hatten sie auch noch keine Gelegenheit zu Schuld und Sünde, und da läge "Hölle" schon ziemlich über dem zulässigen Strafmaß.

Seit dem Mittelalter haben Scholastiker das Problem erörtert, haben in teils aberwitzigen Verrenkungen versucht, unter der niedrigen Latte des Dogmas durchzuschlüpfen, ohne es zum Fallen zu bringen. Sozusagen.

Bislang war Limbo die Antwort aufs Dilemma. Limbo ist die Vorhölle, ein Schwebezustand zwischen Verdammnis und Erlösung, ein Wartesaal, aus dem nur zur Auferstehung der Toten aufgerufen wird, wenn überhaupt. "Nun sollst du wissen, eh du weiterschreitest", schreibt Dante, nachdem er die Klagerufe, die Schmerzen, den dichten Nebel dieses Orts beschrieben hat, "dass sie nicht sündigten, doch die Verdienste / Genügten nicht, da noch die Taufe fehlte, / Die erst das Tor zu deinem Glauben öffnet" ("Inferno", 4. Gesang).

Joseph Ratzinger hatte sich 1984 in einem Interview ketzerisch über die katholische Limbo-Lehre geäußert: "Limbo ist nie eine definierte Glaubenswahrheit gewesen. Ich würde es abschaffen, weil es nur eine theologische Annahme gewesen ist." Seither hatten die 30 Mitglieder der Internationalen Theologenkommission, dem Thinktank der Glaubenskongregation, allesamt vernunftbegabte Herren, darüber nachgedacht, in welchem Kreis der Hölle die Totgeborenen sich wohl aufhalten mögen. Mag sein, dass es drängendere Fragen gibt, Pendlerpauschalen oder Klimawandel. Aber wer an die Hölle glaubt, der will auch wissen, wo's langgeht.



insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
nowayjose, 30.04.2007
1. die Guten ins Toepfchen...
Es ist doch klar, dass der katholische Klerus die Kinder lieber im Paradies weiss. Zumindest bis zu einem gewissen Alter. Stimmbruch, oder so.
Selvan, 30.04.2007
2. Das ist mal ein netter Beschluss!
Hoffentlich hat der Teufel Internet und bekommt diesen Beschluss auch mit. Nicht dass da noch Missverständnisse auftreten. Zur Sicherheit sollte Ratzi ihm aber auch noch ne SMS schicken oder so. Man kann ja nie wissen. Das könnte etliche Klagen und Prozesskosten verhindern helfen.
albertussecundus 30.04.2007
3. Ewige Hölle oder Reinkarnation?
Scaut mal was ich auf dem Web gefunden habe: Karma und Reinkarnation wurden aus politischen Gründen, um dem römischen Kaiser zu gefallen und um das Christentum zur etablierten Staatsreligion zu erheben, von der katholischen Kirche bei der Synode zu Konstantinopel 543 n. Chr. und beim Konzil von Konstantinopel 553 n. Chr. gestrichen und bald darauf mit dem machtpolitischen Dogma der ewigen Hölle ersetzt, welches dann zu einem Propagandawerkzeug dieser intellektuell korrupten "christlichen" Institution wurde. Im 11. Canon des Konzils findet sich der folgende Bannfluch: "Wer nicht verflucht... Origenes samt seinen gottlosen Schriften und alle anderen Häretiker, welche verflucht sind von der heiligen katholischen und apostolischen Kirche..., der sei verflucht." Diese Konzilsakte unterzeichnet der damalige Papst Vigilius noch im selben Jahr. In seiner Schrift "De principiis" vertritt der Priester Origenes von Alexandria 185-254 n. Chr., einer der grössten Gelehrten und Bibelkenner des Frühchristentum, ganz direkt die Prinzipien vom Karma und Reinkarnation. Nach Origenes Lehren besteht letztlich der Sinn und Zweck allen Lebens innerhalb der materiellen Welt darin, dass sich die Seelen durch viele Inkarnationen läutern und veredeln, bis alle durch Befolgen der Gebote Jesu und durch ihre Liebe und Hingabe zu Gott, schliesslich wieder in die ewige Gemeinschaft Gottes gelangen." Reinkarnation, Ronald Zürrer Eine scheinbar kleine Tat mit epochalen Folgen: Wie anders wohl wäre weltweit die Geschichte der letzten 1500 Jahre verlaufen, wenn dieses Verbrechen an der einstigen Säule des christlichen Glaubens und diese intellektuelle Korruption an der Ethik der Menschheit nicht begangen worden wäre? Dieses machtpolitische Dogma der ewigen Hölle ist eigentlich nichts anderes als ein Propagandawerkzeug einer wissenschaftlich korrupten "christlichen" Institution: "Wenn die Münze im Kasten kling - Die Seele aus dem Fegefeuer springt". Entweder du zahlst deinen Mitgliederbeitrag oder du kommst in die ewige Hölle. Zitat von ethikpartei.de
Keram 30.04.2007
4. Annahmen
Joseph Ratzinger hatte sich 1984 in einem Interview ketzerisch über die katholische Limbo-Lehre geäußert: "Limbo ist nie eine definierte Glaubenswahrheit gewesen. Ich würde es abschaffen, weil es nur eine theologische Annahme gewesen ist." Der ganze Glauben ist eine theologische Annahme. :-)
Linus Haagedam, 30.04.2007
5. Doppeltes Kompliment...
...und zwar erstens an den Autor Alexander Smoltczyk für diesen ganz wunderbar geschriebenen Artikel. Und zweitens an Kommission für dieses schöne Ergebnis. Das zeigt, dass die katholische Kirche in der Lage ist, im Rahmen ihrer vorhandenen Organisation Glaubensgrundsätze so auszulegen, dass sie menschlich und verständlich werden und mit einem Glauben übereinstimmen, der keine Verbiegungen braucht. Da kann man nur sagen: Weiter so. Dazu braucht die Kirche auch nicht dem Zeitgeist hinterher zu rennen, aber sie kann den ganzen alten Kram mal vom jahrtausende alten Dogmen-Dachboden runter holen und ihn vorbehaltlos einem kritischen Blick unterziehen. Mal sehen, was dann noch so alles auf den Sperrmüll kommt..
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.