Rechtsterrorist Uwe Mundlos: "Er war stinkend faul, aber klug"

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Als Teenager verehrte er Udo Lindenberg, dann hörte Uwe Mundlos Böhse Onkelz. Er revoltierte gegen SED und FDJ und verherrlichte Hitler. Von seinem Begrüßungsgeld kaufte er sich ein Butterfly-Messer und tauchte in die rechte Szene ein. Rekonstruktion einer Radikalisierung.

Rechtsterrorist Uwe Mundlos: "Klar als Nationalsozialist erkennbar" Fotos
dapd / BKA

Beigesetzt ist Uwe Mundlos offenbar noch nicht. Es heißt, seine Eltern wünschten sich eine Stätte mit Stein, kein anonymes Grab. Doch keine Stadt in Thüringen, bei der die Familie anfragte, hat bislang eine Beisetzung genehmigt, keine will eine Pilgerstätte schaffen. Seit nun fast einem Jahr wird die Urne an einem geheimen Ort aufbewahrt.

Das Leben des gebürtigen Jenensers endete am 4. November 2011. Er tötete sich in Eisenach. In den 14 Jahren zuvor soll er als Mitglied der Zelle des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) mordend durch Deutschland gezogen sein, neun Kleinunternehmer sowie eine Polizistin erschossen und zwei Bombenattentate verübt haben.

Aus seinen Taten spricht eine Brutalität, die ihm Freunde anfangs nicht zutrauten. Ihnen zufolge begann Mundlos' Radikalisierung in der späten Jugend. Davor war Uwe Mundlos ein unauffälliges Kind mit dicken Naturlocken, die ihm bis zu den Schultern reichten. Er liebte und pflegte sein Fahrrad, mit dem er durch Jena radelte, spielte "Räuber und Gendarm", sah im Kino Indianerfilme. Er zündelte im Wald oder am Steinbruch, bewarf Passanten aus einem Versteck mit Erbsen, gab Nachhilfe in Mathematik. So schilderte es Rick Amann* bei seiner Vernehmung im Bundeskriminalamt (BKA).

Amann besuchte Mitte der Siebziger denselben Kindergarten wie Uwe Mundlos, später dieselbe Klasse in der Magnus-Poser-Oberschule. "In den Fächern, die man kapieren musste, war Uwe schlau und hat so nebenbei Einsen geschrieben." In den sogenannten Lernfächern sei er dagegen nie überragend gewesen. "Er war stinkend faul, aber klug." Ihr Zuhause lag keine hundert Meter voneinander entfernt. "Man könnte sagen, dass wir beide beste Freunde waren", so Amann.

Er erinnert sich an viele Abendessen, die er bei der Familie Mundlos am Tisch saß. Mundlos' Vater, ein Professor und Computerexperte, sei oft spät nach Hause gekommen, die Mutter habe an der Kasse eines Supermarkts gearbeitet.

Mundlos' älterer Bruder sitzt seit seiner Geburt im Rollstuhl. Die Behinderung muss Uwe Mundlos indirekt beeinflusst haben, wenn es stimmt, was Amann zu Protokoll gegeben hat. Die Familie lebte demnach im zweiten Stockwerk eines Plattenbaus, auf viel zu engem Raum, ohne Fahrstuhl. Eine Zumutung, wie der Vater laut Amann fand. "Es gab Ärger mit der Partei und der Stadt Jena, weil sie keine behindertengerechte Wohnung zugesprochen bekamen."

Der Professor, laut Amann kein Parteimitglied, habe eine "Anti-SED-Haltung" entwickelt. Auch auf Elternabenden sei der Vater der beiden Brüder aufgefallen. "Er wollte immer alles ausdiskutieren, das war für damalige Verhältnisse, wo man ja nur abgenickt hat, sehr ungewöhnlich."

Die Wende macht den Weg frei für die Radikalisierung

Der Druck des DDR-Systems tat offensichtlich sein Übriges: Die Jugendorganisationen "Jungpioniere" und "Thälmann-Pioniere" sowie die "FDJ" lockten Jungen wie Uwe Mundlos und Rick Amann. Vater Mundlos habe dagegengehalten. "Er hat immer offener gegen das System geschimpft." Der Sohn habe die Argumentation des Vaters spätestens ab der siebten Klasse adaptiert - ebenso die "westliche" und "pazifistische Geisteshaltung".

Uwe Mundlos habe sich voller Inbrunst gegen das Anwerben der Armee gesträubt, sich mit einem Kassettenrekorder vor der Schule positioniert und "Der Sonderzug nach Pankow" von Udo Lindenberg, den er verehrt habe, abgespielt.

Bei den sogenannten "FDJ"-Jugendstunden habe sich Mundlos geweigert, das blaue Hemd mit dem gelben Emblem am linken Arm, einer gelben Sonne samt "FDJ"-Aufschrift, anzuziehen. Seine Revolte gipfelte darin, dass er einen Jugendoffizier nach dessen Betreten des Raumes mit den Worten begrüßt haben soll, dass es "nach Stasi stinken" würde. Er war damals 13 Jahre alt.

Seine politische Haltung festigte sich. Er habe seinen Standpunkt "ausdauernd und leidenschaftlich" vertreten, angereichert mit Informationen aus sogenannten Westmedien. Er habe sich mit dem Dritten Reich befasst und sich negativ über Sowjetsoldaten geäußert, "obwohl die ja unsere 'Freunde' waren", wie Amann in der Vernehmung konstatierte.

Mundlos habe die Verbrechen Hitlers verherrlicht, die "Russen-Zone", in der sie lebten, zunehmend verabscheut. "Adolf" hätte einen "Ein-Fronten-Krieg" führen sollen, habe Mundlos propagiert. Bei einem Klassenbesuch im KZ Buchenwald habe er sich außerdem über die Opfer lustig gemacht.

Die Lehrer hätten kapituliert. "Das war schon der beginnende Zerfall des Systems", bezeichnete es Rick Amann.

"Die Nachwendezeit war quasi gesetzfreier Raum", sagte auch Thomas Rupp* dem BKA. "Da haben wir uns gewissermaßen ausgebreitet." Rupp hat Mundlos in der Schule als "Pazifist mit langen Haaren" kennengelernt und seine Metamorphose zum Neonazi miterlebt. Bis zu seinem Untertauchen im Frühjahr 1998 hatte er Kontakt mit ihm.

"Mundlos war immer ein zuverlässiger Freund"

Uwe Mundlos war seinen Schulfreunden zufolge ein Nerd, sein Wissen über Hardware und Software sei fundiert gewesen. Über seinen Vater soll er Zugang zu Computern gehabt haben. Eine Seltenheit in der DDR. Amann erinnert sich, wie sein Kumpel eigene Computerspiele entwarf, in der zehnten Klasse etwa soll er antijüdische Spiele entwickelt haben, die mit Marschmusik und Stimmen aus dem Dritten Reich unterlegt waren. Es sei in den Spielen darum gegangen, dass man sich gegenseitig oder "möglichst viele Juden" erschieße.

Zwei Jahre zuvor, etwa 1987, sei die Familie Mundlos nach Jena-Winzerla umgezogen, in ein Neubaugebiet, eine gigantische Plattenbausiedlung. Uwe Mundlos habe Kontakt zu Beate Zschäpe und Jugendlichen aus der Nachbarschaft geknüpft.

Obwohl die beiden Schulfreunde nun 30 Minuten Straßenbahnfahrt trennt, blieb es laut Amann bei den regen Treffen. "Der Uwe Mundlos war immer ein zuverlässiger und treuer Freund, auf den konnte ich mich hundertprozentig verlassen", so Amann. Geld habe Mundlos nichts bedeutet. "Wenn er Geld hatte, hat er das so in die Runde geworfen, das war ihm nicht wichtig."

1989 trampte Amann eigenen Angaben zufolge mit Mundlos nach Kronach in der BRD, wo sich Mundlos von seinem Begrüßungsgeld ein Butterfly-Messer gekauft habe - nicht, weil er sich habe bewaffnen wollen, sondern angeblich, weil es damals "in" gewesen sei.

Die Wende habe die nationale Gesinnung innerhalb der Jugendclique gefördert, gab Amann zu Protokoll. "Endlich waren wir nicht mehr die kleine DDR, sondern Fußballweltmeister." Auf einmal habe Uwe Mundlos nicht mehr Lindenberg, sondern die Böhsen Onkelz gehört.

Das Outfit passte sich der Gesinnung an: Mundlos habe Glatze und Bomberjacke getragen und die schwarzen Hosen mit den aufgesetzten Seitentaschen in die Springerstiefel gestopft. Später habe er einen Gürtel mit Hakenkreuz-Schnalle und eine braune Fliegerjacke mit Runenkreuz getragen, die er sich extra bestellt hatte - in Erinnerung an den von ihm verehrten Rudolf Heß, den er als Friedensbotschafter sah, der das Dritte Reich retten wollte.

"Uwe Mundlos war klar als Nationalsozialist erkennbar", sagt Thomas Rupp. Dennoch sei er ein "gebildeter, junger Mann" gewesen. "Ich habe seine Anwesenheit als Bereicherung gesehen." Mundlos' Vater habe darum gekämpft, dass Uwe den Ausstieg aus dem rechten Milieu schafft.

Die Gesinnung erforderte auch Taten: Mundlos habe sich militant inszeniert, sei Schlägereien - anders als früher - nicht mehr aus dem Weg gegangen und habe "Jagd auf Linke" gemacht, erinnern sich seine Freunde von früher. Sie seien sein "Feindbild" gewesen.

In seinem Zimmer in der elterlichen Wohnung hätten die Reichskriegsflagge und Hakenkreuzfahnen gehangen, Besuchern habe er Reden von Hitler und Goebbels vorgespielt, das Rudolf-Heß-Bildchen gezeigt.

Mundlos' rassistische Einstellung war jedoch offensichtlich gespalten. Den bulgarischen Vater eines Freundes habe er als "guten Ausländer" bezeichnet. Ebenso habe er sich zu dem Kind seiner Cousine hingezogen gefühlt, dessen Vater ebenfalls aus Bulgarien stammte. Uwe Böhnhardt habe Mundlos einmal vor anderen gefragt, was er mit dem Kind wolle, es sei "ein Mischkind".

Nach Abschluss der zehnten Klasse nahmen Amann und Mundlos unterschiedliche Lehrstellen an, der Kontakt beschränkte sich auf Treffen an den Wochenenden, bis sie sich ganz aus den Augen verloren.

Zuletzt begegneten sich Rick Amann und Uwe Mundlos 1995 oder 1996 zufällig in Jena, wie sich Amann erinnerte. Mundlos sei in Eile gewesen, er habe auf eine Veranstaltung gewollt. Vorerst müsse er noch Verfassungsschützer abhängen, die ihm stetig vor der Wohnung auflauern würden, habe er seinem Kumpel erzählt. Es sei April gewesen, sagte Rick Amann. Entweder sei es um Hitlers Geburtstag gegangen - oder um den von Rudolf Heß.

* Die Namen sind der Redaktion bekannt und völlig frei erfunden

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