NSU-Helfer als V-Mann: Was wusste Spitzel "Corelli"?

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Die Verbindung zwischen dem Bundesverfassungsschutz und dem NSU ist offenbar enger als vermutet: Thomas R., bekannter Neonazi aus Sachsen-Anhalt, soll V-Mann gewesen sein. Sein Deckname: "Corelli". Angeblich war er auch Kontaktmann für das rechtsextreme Terrortrio.

Thomas R. bei einem Neonazi-Aufmarsch in Magdeburg: Er fotografiert Gegendemonstranten Zur Großansicht

Thomas R. bei einem Neonazi-Aufmarsch in Magdeburg: Er fotografiert Gegendemonstranten

Hamburg - Der Spitzname spricht für sich: "HJ Tommy", so wird Thomas R. von seinen rechten Kameraden gerufen - die Hitlerjugend (HJ) war die Jugend- und Nachwuchsorganisation der NSDAP. Seit Enttarnung des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) steht der 42-Jährige aus Halle im Visier der Ermittler: Er gilt als mutmaßlicher Unterstützer der Terrorzelle.

Auf die Spur waren ihm die Ermittler gekommen, weil sein Name samt Adresse und mehreren Telefonnummern auf einer Liste stand, die Ermittler 1998 nach dem Untertauchen der drei Jenaer Rechtsextremisten in deren Garage sichergestellt hatten. Handschriftlich hatte Mundlos die Nummer 700512 notiert für ein Postfach, das R. bis vor kurzem nutzte.

Doch angeblich hat Thomas R. ein Doppelleben geführt: Nach Angaben der Linken in Sachsen-Anhalt gibt es Hinweise darauf, dass er Informant des Bundesverfassungsschutzes war. Von 1997 bis 2007 soll er für die Behörde gespitzelt haben. Sein Deckname: "Corelli".

Führten die Enthüllungen zum Rücktritt?

Der Rücktritt von Sachsen-Anhalts Verfassungsschutzpräsident Volker Limburg stehe im Zusammenhang mit diesen neu aufgetretenen Erkenntnissen, mutmaßt Wulf Gallert, Fraktionsvorsitzender der Linken, am Dienstag. Es könne davon ausgegangen werden, dass der Verfassungsschutz Sachsen-Anhalts über diese Kontakte informiert gewesen sei und es dazu entsprechende Akten gebe. Limburg selbst hatte seinen Rücktritt mit dem Auftauchen einer Akte begründet, die der Geheimdienst der Bundeswehr (MAD) in den neunziger Jahren über Uwe Mundlos angelegt hatte und die den Verfassungsschützern in Sachsen-Anhalt vorlag.

Dass es nun Hinweise dafür gibt, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz einen V-Mann führte, der Kontakt zur Terrorzelle hatte, ist ein weiterer Skandal innerhalb weniger Tage: Erst kürzlich wurde bekannt, dass das Landeskriminalamt (LKA) Berlin einen V-Mann aus dem Umfeld der NSU-Terrorzelle führte.

Welche Informationen hat Thomas R. alias "Corelli" an den Verfassungsschutz weitergegeben? Wie nah stand er dem untergetauchten Trio? Was wusste er von den Morden und Banküberfällen? Diese Fragen dürften jetzt gestellt werden.

"Die Reinheit der wundervollsten Rasse"

Die Hochzeiten als Neonazi hat Thomas R. jedenfalls hinter sich: Um die Jahrtausendwende war er einer der führenden Köpfe in der rechten Szene Sachsen-Anhalts. Er war Herausgeber der Zeitung "Nationaler Beobachter" und betrieb zahlreiche Internetseiten mit rechtsextremer Hetze.

In einem internen Bericht des Bundeskriminalamts (BKA) über "Rechtsextremistische Kameradschaften" wird er als Einziger namentlich aufgeführt und als "Namensgeber und Initiator" des Nationalen Widerstands Halle bezeichnet. Auch in der regionalen Sektion des militanten Neonazi-Netzwerkes Blood & Honour mischte R. mit und pflegte Kontakte zu anderen Größen aus den Nachbarbundesländern, zu NPD-Funktionären - und zu Uwe Mundlos.

Thomas R. soll mit fünf anderen Neonazis Anfang der neunziger Jahre den European White Knights of the Ku Klux Klan (EWK KKK), einen deutschen Ableger des rassistischen Geheimbunds in den USA, gegründet haben. Jene Vereinigung, der auch zwei Polizeibeamte aus Baden-Württemberg angehörten, die 2005 bei der Bereitschaftspolizei Böblingen im Dienst waren - zeitgleich mit Michèle Kiesewetter, die 2007 mutmaßlich von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Heilbronn erschossen wurde. Laut Untersuchungsbericht des baden-württembergischen Innenministeriums war einer der Polizisten zudem schwerpunktmäßig an Einsätzen mit "rechtem Hintergrund" beteiligt.

Bis etwa 2003 soll es den EWK KKK gegeben haben. Im Sommer 1996 kam es in Johanngeorgenstadt im Erzgebirge zu einer Kreuzverbrennung, ähnlich wie es der amerikanische Vorreiter bei seinen Ritualen tut.

In der rechten Szene Johanngeorgenstadts - und angeblich auch bei jener Kreuzverbrennung - tummelten sich damals mutmaßliche NSU-Helfer wie Mandy S., André E. und Matthias D. Sie waren es auch, die im Jahr 2000 die Weiße Bruderschaft Erzgebirge (WBE) gründeten, "die Reinheit der wundervollsten Rasse", wie es in der Vereinspostille "The Aryan Law and Order" ein anonymer Autor formuliert.

Mit der Verlobten lebt er heute in Leipzig

Thomas R. engagierte sich indes bei dem rechten Fanzine "Der Weiße Wolf", in dessen Ausgabe Nummer 18 im Jahr 2002 ein interessantes Vorwort erschienen ist. Fettgedruckt, ohne nähere Erläuterung, heißt es da: "Vielen Dank an den NSU". Es ist die erste bekannte Erwähnung des NSU in der Öffentlichkeit, neun Jahre bevor die einzigartige Mordserie aufgedeckt wird.

Herausgegeben wurde das Heft zeitweise von David Petereit, Landtagsgeordneter der NPD in Mecklenburg-Vorpommern. Ermittler stellten bei ihm einen "Unterstützerbrief" des NSU sicher, Textbausteine aus diesem Schreiben tauchen später auch im Bekennervideo der Rechtsterroristen auf.

Dem Kuvert soll auch eine vierstellige Bargeldspende beigelegen haben, die aus einem Überfall des Trios stammen könnte. Ermittler vermuten, dass der NSU ausgewählte Gesinnungsgenossen unterstützt hat. 2500 Euro soll er an "Der Weiße Wolf" gezahlt haben. Auch Thomas R. soll den Fanzines mit Anzeigen für seine Internetauftritte finanziell geholfen haben.

Seit Mitte der neunziger Jahre soll Thomas R. als "Corelli" beim Bundesverfassungsschutz angeheuert haben. Seine erste Meldung soll die Kameradschaftsszene in Sachsen-Anhalt betroffen haben, aus Halle gab er Details zu geplanten Aktionen und Demonstrationen an die Behörde weiter. Zudem soll er zum EWK KKK, zu Blood & Honour und zu Aufmärschen in Thüringen und Sachsen-Anhalt berichtet haben.

Heute lebt Thomas R. mit seiner Verlobten in Leipzig und betreibt im Internet das Portal "Nationaler Demonstrations-Beobachter" mit Nachrichten zu Neonazi-Themen und dem "Netzradio Germania". Bei Neonaziaufmärschen wie im Januar in Magdeburg fotografiert er Gegendemonstranten, stellt die Bilder anschließend ins Netz.

Im rechtsextremen "Thiazi"-Forum soll Thomas R. nach Recherchen von Antifa-Aktivisten "gamma" noch vor wenigen Wochen geschrieben haben: "Wenn wir an der Macht sind (…) wird auch unsere Stunde kommen, wo wir nicht mehr die sein werden, die geknüppelt werden!!!!"

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1. Schlagzeile auf Schlagzeile
walter_e._kurtz 18.09.2012
Ein wahnsinns Dickicht, das da Brocken für Brocken ans Tageslicht gezerrt wird. Wo das noch hinführt? Zumindest sind die Zusammenhänge mit dem Mord an Kiesewetter ein Stück weiter beleuchtbar, wenn auch noch nichts bewiesen ist. Letztendlich dürfte mittlerweile feststehen, daß nicht BKA, LKA, VS oder sonstwer die rechte Szene unterwandert hat - es war genau andersherum, wissentlich bzw. in Kauf genommener Weise...
2.
peter_der_meter 18.09.2012
Zitat von sysopDie Verbindung zwischen dem Bundesverfassungsschutz und dem NSU ist offenbar enger als vermutet
und das überrascht jetzt genau wen? Um die Verfassung zu schützen, wäre es ein guter Anfang, den Verfassungsschutz abzuschaffen.
3.
kimba2010 18.09.2012
Zitat von sysopDie Verbindung zwischen dem Bundesverfassungsschutz und dem NSU ist offenbar enger als vermutet: Thomas R., bekannter Neonazi aus Sachsen-Anhalt, soll V-Mann gewesen sein. Sein Deckname: "Corelli". Angeblich war er auch Kontaktmann für das rechtsextreme Terrortrio. V-Mann und NSU-Helfer: Thomas R. ist Spitzel "Corelli" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,856522,00.html)
Wenn man alle V-Männer rausrechnet, bleibt von dem Neonazi Phantom nicht mehr viel übrig.
4. Umgekehrt!
spongie2000 18.09.2012
Zitat von kimba2010Wenn man alle V-Männer rausrechnet, bleibt von dem Neonazi Phantom nicht mehr viel übrig.
Ja, und deshalb gibt es keine Neonazis, und die Morde waren alles Einbildung. So argumentiert man in rechten Foren. Bei genauer Überlegung kommt man aber zu dem anderen Schluss: Wenn man alle Neonazis aus dem Verfassungsschutz rausrechnet, bleibt vom Verfassungsschutz-Phantom nicht mehr viel übrig. So herum wird auch ein Schuh daraus. Übrigens, wenn ich Chef der Linken wäre, wäre ich schon längst auf den Barrikaden, warum dieser von Nazis unterwanderte Verein mit staatlicher Genehmigung und meinen Steuergeldern meine Partei ausspionieren darf!
5. ...
Passivist 18.09.2012
Zitat von kimba2010Wenn man alle V-Männer rausrechnet, bleibt von dem Neonazi Phantom nicht mehr viel übrig.
V-Leute SIND Neonazis. Die Frage ist nur, wen sie belügen. Ihre Kameraden? Oder den Verfassungsschutz...
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