Valencia Familienpapst im Feindesland

Homo-Ehe, Blitzscheidung, Entwertung des Religionsunterrichts: Seitdem der Linke Zapatero an der Macht ist, geht es mit Spanien nach Auffassung des Vatikans bergab. Jetzt machte sich der Papst auf ins sündige Land. Doch vom erwarteten geistigen Kreuzzug blieb nur eine Stichelei.

Aus Valencia berichtet Dominik Baur


Valencia - Die Stadt steht zwar noch unter Schock, dennoch gibt es Grund zu feiern. Weniger als eine Woche nach dem tragischen U-Bahn-Unglück in Valencia lässt die spanische Küstenstadt hohen Besuch noch höher leben: Der Pontifex gibt sich die Ehre. Die Stadt ist in die Vatikanfarben Gelb und Weiß getaucht, allerorten schallt es "Viva el Papa!" und "Benedicto". Mit über einer Million Pilgern aus aller Welt feiert Benedikt XVI. seit gestern den Abschluss des fünften Weltfamilientreffens.

Papst und Zapatero bei der Begrüßung am Flughafen: 15 Minuten Elend in Afrika und Frieden in der Welt
REUTERS

Papst und Zapatero bei der Begrüßung am Flughafen: 15 Minuten Elend in Afrika und Frieden in der Welt

Und das ausgerechnet in Spanien! Benedikt hat sich in die Höhle des Antichristen gewagt, könnte man meinen. Denn mit kaum einem Regierungschef im Westen pflegt der Vatikan derzeit ein ähnlich konfliktträchtiges Verhältnis wie mit José Luis Rodriguez Zapatero. Die Gesellschaftspolitik des vor gut zwei Jahren an die Macht gekommenen Ministerpräsidenten steht geradezu als Paradebeispiel für den Werteverfall, den der Pontifex in Europa beklagt und weswegen er eine Neu-Evangelisierung des Abendlandes zu fordern nicht müde wird.

Als Johannes Paul II. die Entscheidung für Valencia als Austragungsort für eine Woche von Diskussionsrunden, Vorträgen und Gottesdiensten traf - das letzte Weltfamilientreffen fand 2003 in Manila und wegen der schweren Krankheit des Papstes ohne ihn statt -, konnte er noch nicht ahnen, welche herausragende Bedeutung Spanien gerade beim Thema Familie nach der Wahl Zapateros zukommen würde. Doch noch kurz vor seinem Tod muss er es geahnt haben. In seinen letzten Wochen soll er spanische Kardinäle voller Sorge gefragt haben: "Und was tut Zapatero?"

So einiges hat der seither getan. Seit einem Jahr steht in Spanien etwa die Ehe zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern unter besonderem Schutz des Staates. Die Homo-Ehe wurde der Hetero-Ehe in einer Verfassungsänderung komplett gleichgestellt - inklusive Adoptionsrecht. Im September wollen zum ersten Mal zwei Soldaten in Uniform vor den Standesbeamten treten. Ein Skandal in den Augen der Kirche - ebenso wie die Einführung einer Blitzscheidung in nur drei Monaten und die Abschaffung des Religionsunterrichts als Pflichtfach.

Kardinal will Stammzellenforscher exkommunizieren

Auch bei den Themen Stammzellenforschung, Sterbehilfe und Abtreibung hat die Regierung bereits die Bereitschaft zu erkennen gegeben, die Gesetze zu liberalisieren. Die größtenteils katholischen Spanier zeigen sich von mahnenden Worten aus Rom wenig beeindruckt. Die Scheidungsrate steigt. Und gab es in den achtziger Jahren offiziell praktisch keine Abtreibungen, kommt den Demoskopen zufolge heute auf fünf Geburten eine Abtreibung im Land.

Der Ärger schien bei so viel Konfliktstoff unausweichlich - zumal Benedikt während des ersten Jahres seines Pontifikats immer wieder deutlich gemacht hat, wie wichtig ihm das Thema Familie ist. War Johannes Paul II. der Papst der Jugend, ist sein Nachfolger der Familienpapst. Die Leviten werde Benedikt dem jungen Ministerpräsidenten lesen, hieß es im Vorfeld; die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" sah in der Papstvisite in Valencia gar den Höhepunkt eines "geistigen Kreuzzugs".

In der Tat schreckte die Kirche in den vergangenen Wochen vor Deutlichkeit nicht zurück. So drohte Kardinal Alfonso Lopez Trujillo, der Präsident des Päpstlichen Familienrates, zu Beginn des Treffens in einem Interview damit, Wissenschaftler, die an embryonalen Stammzellen forschten, exkommunizieren zu lassen. "Einen Embryo zu zerstören kommt einer Abtreibung gleich", argumentiert er und beklagt, dass in der westlichen Welt heute manches den Status von Rechten habe, was früher als Verbrechen erkannt worden sei. Flankierend giftete sein Sekretär Karl Josef Romer gegen die Homo-Ehe: "Es ist unbegreiflich mit welcher Leichtigkeit gewisse Parlamente andere Verbindungen jetzt der Ehe gleichsetzen wollen", zitiert ihn "Radio Vatikan". Mit dieser Gleichsetzung richte sich die Menschheit zugrunde.

Dass sich seine Regierung vom hohen Besuch aus dem Vatikan nicht allzu sehr beeindrucken lassen würde, hat Zapatero bereits im Vorfeld klar gemacht. Am Tag vor Beginn des Weltfamilientreffens fand just in Valencia eine Homosexuellenkonferenz einschließlich Gay-Pride-Demonstration gegen die kirchliche Veranstaltung statt. Regierung und Universität von Valencia unterstützten die Aktion mit 17.000 Euro.

Wo die Kirche nein sagen muss

In Valencia gaben sich Papst und Regierungschef jedoch überraschend konfliktscheu - zumindest nach außen hin. Das Treffen in der Residenz des Erzbischofs von Valencia sei ausgesprochen herzlich gewesen, zitiert die Nachrichtenagentur EFE spanische Regierungsvertreter. Bei dem kaum mehr als 15 Minuten langen Gespräch sei es um verschiedenste Themen gegangen: vom Elend in Afrika bis zum Frieden in der Welt. Kritik an der spanischen Regierung? Keine Spur davon, behaupten die Regierungsvertreter.

Benedikt ganz der höfliche Gast? Auch sonst unterlässt es der Pontifex während seines Besuchs in der drittgrößten spanischen Stadt, auch nur indirekt gegen die Gesellschaftspolitik der spanischen Regierung zu wettern.

Die Bedeutung von Familie und Ehe wird zwar während des 26-stündigen Aufenthalts nahezu ununterbrochen beschworen. So warnt er bei seiner Messe zum Abschluss des Treffens am Sonntagvormittag vor 1,5 Millionen Gläubigen, der Geist der Moderne begreife den Menschen immer häufiger als "ein autonomes Subjekt, als hätte sich dieses selbst erschaffen und würde allein auf sich selbst beruhen". Bei seiner Abreise am Flughafen beschwört er die Spanier: "Der Bund der Ehe zwischen Mann und Frau ist für die ganze Menschheit ein hohes Gut."

Aber abfällige Bemerkungen wie etwa vor einem Jahr beim Kongress der Diözese Rom bleiben gänzlich aus. Da hatte Benedikt noch Lebensformen wie "die 'Ehe ohne Trauschein', die 'Ehe auf Probe' bis hin zur Pseudo-Ehe von Personen des gleichen Geschlechts" als "Ausdruck einer anarchischen Freiheit" gegeißelt.

Dieses Mal bleibt es bei ein paar vagen Formulierungen noch vor der Landung im gesellschaftspolitischen Feindesland: Im Flugzeug erwidert Benedikt auf die Frage eines Journalisten nach der Homo-Ehe: "Es gibt Punkte, bei denen die Kirche nein sagen muss." Der Natur nach seien Mann und Frau eben der Zukunft der Menschheit verpflichtet. Und auch dass Zapatero der Messe zum Abschluss des Weltfamilientreffens fernbleibt, soll nicht überbewertet werden. Der Pontifex überlässt es seinem Sprecher Joaquin Navarro-Valls, den Affront während des Flugs mit einer spitzen Bemerkung zu kommentieren: Der stellte dann nur lakonisch fest, dass weit strammere Linke als der spanische Premier an Messen in ihren Ländern teilgenommen hätten - etwa der kubanische Staatschef Fidel Castro oder der frühere nicaraguanische Präsident Daniel Ortega.



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.