Valentinstag in Russland Der Scheidungs-Boykott

In Russland scheitern doppelt so viele Ehen wie in Deutschland. Die Industriestadt Lipezk geht jetzt neue Wege in der Paartherapie: Die Standesämter weigern sich am Valentinstag, Paare zu scheiden.

Screenshot vom Standesamt Lipetsk: Valentinstag, Tag ohne Scheidungen

Screenshot vom Standesamt Lipetsk: Valentinstag, Tag ohne Scheidungen

Von Anastasia Offenberg, Moskau


Eigentlich ist die Welt in Lipezk ziemlich in Ordnung: Stahl hat Wohlstand in die Stadt gebracht, der Maschinenbau und die Metallindustrie machten die Stadt reich.

Die Wirtschaft floriert in Lipezk, die Menschen haben sichere Jobs und ein gutes Einkommen. Die Stahlstadt boomt, doch es gibt eine Zahl, die klingt so gar nicht nach heiler Welt: Im vergangenen Jahr ließen sich 2426 Lipezker Paare scheiden, Hundert mehr als 2010.

Landesweit ist die Lage ähnlich düster: Die Quote lag 2010 bei 4,5 Scheidungen pro Tausend Einwohner, doppelt so hoch, wie in Deutschland. Experten warnen davor, dass "die russische Familie als Institution gefährdet ist".

Lipzek hat in den vergangenen Jahren Kindergärten, Schulen und Krankenhäuser gebaut, die Stadt ist attraktiv für Familien - nur was nutzt der Fleiß, wenn den Bürgern oft nicht der Sinn nach Familie steht?

Russische Antwort auf den Valentinstag

Standesbeamte wollen nun wenigstens einmal im Jahr der Scheidungsflut Einhalt gebieten, am Tag der Liebenden. Seit Anfang Februar hängen sie Plakate in den Standesämtern der Stadt auf. "Valentinstag - Tag ohne Scheidungen" steht darauf.

Am 14. Februar gilt: Ehescheidungen sind unerwünscht. Nur wer schon vor Wochen einen Termin ausgemacht hat, darf vor den Scheidungsrichter treten. Alle anderen, so wollen es die Lipezker Beamten, sollen nach Hause gehen, nachdenken, und am besten niemals wieder kommen. "Paare mit Krisen sollen den Tag aller Verliebten als Chance zur Versöhnung nutzen", hofft die Leiterin des städtischen Standesamtes Tatjana Trybatschewa.

Die Russen sind vernarrt in den Valentinstag. Unter der Jugend hat er einen ähnlichen Stellenwert wie Silvester und der 8. März, der Frauentag.

Mit anderen Kulturimporten wie Coca-Cola, Jeans und McDonalds schwappte das Fest Anfang der neunziger Jahre aus dem Westen nach Russland, wurde aber schnell heimisch. Am Valentinstag geben sich die Russen besonders verliebt: Rund 80 Prozent verschenken kleine Präsente, schreiben "Valentinki", kleine, meist im Herzformat gestaltete Kärtchen, und gehen mit ihren Liebsten aus. Geschäfte und Restaurants gewähren Paaren Rabatte. Russische Männer spielen an dem Tag gern den Gentleman und laden die Dame ihres Herzens zum romantischen Dinner.

Frauen bereiten sich auf den Tag generalstabsmäßig vor: Es heißt, am 14. Februar stünden die Sterne besonders gut für Heiratsanträge. Entsprechend hoch sind die Erwartungen an die Männer. Russlands kollektive Verliebtheit währt jedoch oft nicht lange. Nachhaltig stärkt der Valentinstag nur die Umsätze der Konsumgüterindustrie.

Dementsprechend unversöhnlich steht Russlands Kirche dem Valentinstag gegenüber. Der 14. Februar sei ein Fest des Kommerzes, das sich die Werbebranche ausgedacht habe, zürnt Erzbischof Joann Belgorodskij. Die orthodoxe Kirche müht sich, dem Kulturimport mit einem eigenen Feiertag das Wasser abzugraben.

Der Irrsinn mit den runden Daten

Seit 2008 begeht sie stets am 8. Juli den Tag der Heiligen Pjotr und Fewronija. Der Legende nach lebte das Liebespaar im Mittelalter. Fürst Pjotr litt unter Aussatz, den niemand heilen konnte. Außer der Bäuerin Fewronija, mit ihrer Liebe. Als Gegenleistung forderte sie die Ehe. Als Pjotr sich sträubte brach die Krankheit wieder aus. Vollständige Genesung trat erst nach der Hochzeit ein. So lebten die beiden zusammen und als sie sterben mussten, taten sie es der Legende nach an ein und demselben Tag.

Russlands Präsidenten-Gattin Swetlana Medwedewa hat die Schirmherrschaft über den "Allrussischen Tag der Liebe, Familie und Treue" übernommen. Denkmäler von Fewronija und ihrem leicht zaudernden Bräutigam Pjotr zieren inzwischen russische Großstädte wie Sotschi und Jaroslawl. Die Regierung erwägt, den Tag zu einem gesetzlichen Feiertag zu erklären.

Die russische Scheidungsstatistik aber können auch die beiden Heiligen Pjotr und Fewronija nicht aufbessern. Die meisten Ehen gehen in Russland aufgrund von Alkoholismus, Wohnungsnot und materiellen Sorgen in die Brüche.

In Russland sind Trauungen an runden Daten wie dem 10. Oktober 2010 oder dem 11. November 2011 in Mode gekommen. Der Bund für's Leben, heißt es, sei dann besonders fest. Glaubt man den Statistikern, trifft jedoch das Gegenteil zu. Von den Paaren, die sich in Lipezk am 7. Juli 2007 das Ja-Wort gegeben haben, ist jedes Fünfte schon wieder geschieden.

In Lipezk aber haben sie die Hoffnung auf die Selbstheilungskräfte der Liebe noch nicht aufgegeben. Angesichts des Scheidungsboykotts der städtischen Standesbeamten "werden einige am Valentinstag lieber zusammen essen gehen", sagt Amtschefin Tatjana Trybatschewa, "und vielleicht klappt es dann doch noch".



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