Vatikan-Besuch Der Historiker Gottes

Seit anderthalb Jahren sind wir Papst. Aber Joseph Ratzinger ist nicht der einzige Deutsche, der es im Vatikan weit gebracht hat. Auch der päpstliche Chefhistoriker kommt aus Deutschland: Walter Brandmüller. SPIEGEL ONLINE stieg mit ihm in die Unterwelt des Kirchenstaats.

Von Henryk M. Broder, Vatikanstadt


Rom - Ganz frisch ist der Fall nicht, er gilt inzwischen als gelöst und zu den Akten gelegt. Dennoch taucht er immer wieder aus der historischen Versenkung auf, wie der Untergang der "Titanic" oder der Absturz des Zeppelins "Hindenburg": Das Leben von Galileo Galilei hat nicht nur Bert Brecht zu einem Stück inspiriert; wer immer sich mit der Ideengeschichte des Abendlandes und der Geschichte der Kirche beschäftigt, kommt an dem großen Gelehrten nicht vorbei.

1564 in Pisa geboren und 1642 in Arcetri bei Florenz gestorben, gilt er als Begründer der modernen, mathematisch orientierten Naturwissenschaft. 1633 wurde er von der römischen Inquisition zunächst zu Kerkerhaft und dann zu lebenslangem Hausarrest und Publikationsverbot verurteilt. Das Urteil fiel deswegen so milde aus, weil Galilei geschworen hatte, "stets geglaubt zu haben, gegenwärtig zu glauben und in Zukunft mit Gottes Hilfe glauben zu wollen alles das, was die katholische und apostolische Kirche für wahr hält, predigt und lehret", dass sich also die Sonne um die Erde dreht und nicht die Erde um die Sonne, wie es Galilei und vor ihm schon Kopernikus behauptet hatte. Freilich - gleich nach seiner Verurteilung soll der bußfertige Ketzer der Legende nach "Und sie bewegt sich doch!" gesagt haben, wenn auch sehr leise und verschämt.

1992, genau 359 Jahre nach dem Prozess, wurde der Mathematiker durch Papst Johannes Paul II. rehabilitiert.

"Das wäre nicht nötig gewesen", sagt Walter Brandmüller, "da ist der Papst zu weit gegangen." Schließlich sei das Ganze doch nur ein Missverständnis gewesen. Brandmüller ist nicht irgendwer. Der Historiker und Theologe war 27 Jahre Ordinarius für Kirchengeschichte an der Universität Augsburg und betreute gleichzeitig eine kleine Gemeinde als Pfarrer ("Meine weltlichen Kollegen hatten eine Familie, ich hatte eine Pfarrei"), er hält Vorträge am Institut für Universalgeschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften in Moskau, an der "Akademie der Luchse" in Rom und am Deutschen Historischen Institut in Paris.

Googeln für die Kirche

1981 wurde er zum Mitglied des Päpstlichen Komitees für Geschichtswissenschaften berufen, dessen Vorsitz er 1998 übernahm. Seitdem lebt der 1929 geborene Ansbacher Offizierssohn in Rom. Genauer: im Vatikan, einer von rund 560 Bürgern des kleinsten Staates der Welt mit einer Diaspora von über einer Milliarde Menschen. Er ist sozusagen der Chefhistoriker der Kurie.

"Gentlemen, ich mache Ihnen einen Vorschlag", ruft Brandmüller und klatscht dabei in die Hände. "Ich führe Sie jetzt durch die Unterwelt." Wir nehmen den Aufzug in den Keller, doch statt der Folterbänke und der Eisernen Jungfrauen, mit denen wir fest gerechnet haben, erwarten uns nur die geparkten Autos der Vatikan-Angestellten. "Mir nach!", ruft Brandmüller und lotst uns an salutierenden Schweizer Gardisten vorbei zu seinem Haus. Seine Wohnung befindet sich im vierten Stock des Palazzo della Canonica, direkt neben der Kuppel des Petersdomes. Vom flachen Dach des Gebäudes hat man einen weiten Blick über Rom und den Vatikan und an klaren Tagen freie Sicht auf die Albaner Berge. Auf dem Dach hängt Wäsche zum Trocknen. Brandmüller wundert sich, dass wir uns wundern. "Wo sonst soll sie denn hängen?" Dann zeigt er uns stolz seine neueste Erwerbung, einen iMac.

"Den brauche ich, wenn ich im Internet etwas suchen oder verifizieren will, sonst schreibe ich alles mit der Hand." Der schicke iMac ist sein erster Computer überhaupt, beim Kauf beraten hat ihn Guido Horst, Rom-Korrespondent der Würzburger "Tagespost" und Herausgeber der deutschen Ausgabe des Magazins "Inside the Vatican", ein guter Freund des Monsignore.

Jetzt muss Brandmüller nur noch lernen, wie man richtig googelt, wenn er nach Begriffen oder Daten sucht, die er in seiner Präsenzbibliothek nicht findet. Da steht das "Vatikan-Lexikon" neben dem "Atlas der Kirchengeschichte", der "Grosse Ploetz" neben dem "Zitatenhandbuch" von Puntsch. Aber das, worauf es wirklich ankommt, das muss der Professor nirgendwo nachschlagen. "Als Historiker und Theologe weiß ich, dass es einen Urknall gegeben hat, aus dem sich die Welt entwickelt hat." - "Das Christentum ist keine Idee, es ist eine Begegnung mit der Geschichte." - "Die Quellen sind keine Lautsprecher, sie müssen gefragt werden. Es kommt auf die richtigen Fragen an." Wenn es so ist: "Gibt es im Vatikan eine Abteilung, die sich mit der Zukunft beschäftigt, wie die Welt in 20, 30 Jahren aussehen wird?"

Brandmüller lächelt. "Eine Abteilung für Zukunftsplanung haben wir nicht. Sie wissen doch, was passiert ist, als König David die Volkszählung befahl." Es steht eins zu null für den Monsignore. Also reden wir nicht über die Zukunft sondern über die Gegenwart. "Ein Mann, der seiner Familie die Treue nicht halten kann, kann es auch gegenüber seinem Volk nicht." Und das gilt sowohl für Gerhard Schröder wie für Christian Wulff. Bedenkt man, wie lange Brandmüller schon in Rom lebt und womit er sich als Präsident des Komitees für Geschichtswissenschaften von Amts wegen beschäftigt, so ist er über die Vorgänge in der Welt jenseits der Grenzen des Vatikans erstaunlich gut informiert.

Arbeitsteilung von Theologie und Naturwissenschaft

Eigentlich sind wir zu Walter Brandmüller gekommen, um mit ihm über sein neuestes Buch zu reden, das er zusammen mit dem Berliner Journalisten und Dokumentarfilmer Ingo Langner veröffentlicht hat, ein langes Gespräch über den "Fall Galilei und andere Irrtümer". Langner fragt und Brandmüller antwortet, manchmal ist es auch umgekehrt. Am Ende des 170 Seiten langen Gesprächs über "Macht, Glaube und Wissenschaft" steht das Resümee, sowohl die Kirche wie Galilei hätten sich geirrt, die ganze Auseinandersetzung sei eigentlich ein Missverständnis gewesen. Die Kirche habe zu Unrecht einen Widerspruch zwischen dem Heliozentrismus (die Sonne steht im Mittelpunkt des Universums) und den Aussagen der Bibel festgestellt, und Galilei meinte beweisen zu können, dass die Erde sich um die Sonne dreht, obwohl es nur eine Hypothese war, welche die Kirche nicht akzeptieren konnte.

Es ist nicht einfach, die Bedeutung des Falles Galilei für die Jetztzeit einzusehen, da nicht mehr über die Frage diskutiert wird, ob sich die Sonne um die Erde dreht oder umgekehrt, sondern über Genforschung, Stammzellen und künstliche Befruchtung. Aber für Brandmüller und Langner geht es nicht darum, wer vor fast 400 Jahren Recht hatte, sondern "wie sich die Ergebnisse der Wissenschaft zum Glaubensinhalt verhalten"; zu Konflikten komme es nur, "wenn die Theologen oder die Wissenschaft die Grenzen ihrer Methoden überschreiten" und dem anderen ins Handwerk pfuschen.

"Die Naturwissenschaft erklärt, wie die Welt entstanden ist, die Theologie erklärt, warum sie entstanden ist." Wenn sich beide Seiten an diese Arbeitsteilung halten, kommen sie gut miteinander aus. "Die katholische Position", sagt Brandmüller, "war immer die Verteidigung der Vernunft gegen den fundamentalistischen Glauben." Immer? Auch während der Inquisition? "Erst recht während der Inqusition, sie war das Intellektuellste, das man sich vorstellen kann. Es ging darum festzustellen, ob einer irrt oder nicht - durch rationale Argumentation."

Da wir im Hause des Monsignore zu Gast sind, wäre es unhöflich, die Frage zu stellen, ob Folter die Fortsetzung der rationalen Argumentation mit anderen Mitteln war. Stattdessen reden wir über die Vernunft und sind uns einig, "dass eine Vernunft, die sich selbst verabsolutiert, keine ist", und dass Voltaire kein Ketzer - das kann nur einer innerhalb des Christentums sein - sondern ein "Apostat", also jemand, der sich vom Glauben lossagt, war. Für einen Außenstehenden mögen das Petitessen am Rande des Weltgeschehens sein, für einen Theologen sind es entscheidende Unterschiede.

Professor, Pfarrer, Dressurreiter

Aber eine Frage, die sowohl mit Vernunft wie mit Moral zu tun hat, mögen wir uns nicht verkneifen: Ob sich Monsignore schon mal mit Giordano Bruno (1548-1600) beschäftigt habe, der sich, anders als Galileo Galilei, der Kirche nicht unterwarf, nicht widerrief und deswegen als Ketzer verbrannt wurde? Immerhin steht mitten in Rom, auf dem Campo di Fiori, ein Denkmal für den Zeitgenossen von Galilei.

Nein, sagt Brandmüller, mit Giordano Bruno habe er sich nie beschäftigt. "Der war ein verruchtes und unmoralisches Genie, er hat sich überall, wo er auftauchte, unmöglich aufgeführt und die Leute gegen sich aufgebracht. Da hab ich für das Genie kein Verständnis." Die Frage, ob Brunos schlechtes Benehmen Grund genug war, ihn auf den Scheiterhaufen zu schicken, bleibt ungefragt im Raum stehen. Wir steigen in Brandmüllers schwarzen Audi 4 mit vatikanischem Nummernschild und fahren los, der Monsignore chauffiert. Es geht quer durch den Vatikan, vorbei an der Sixtinischen Kapelle, der Apotheke, der Post, der Druckerei des "Osservatore Romano" und salutierenden Schweizer Gardisten an der Ausfahrt nach Italien.

Brandmüller erzählt, er habe ein Buch mit Essays zur Kirchengeschichte geschrieben und sei mit dem Titel unglücklich, den der Verlag haben wolle: "Kirche im Zwielicht?" Wir sind uns einig, dass der Titel schlecht ist, vieldeutig und unentschieden. "Fällt Ihnen ein besserer ein?" fragt Brandmüller. Wie wäre es mit "Um Gottes Willen!" mit einem Ausrufezeichen? "Der ist gut, den nehme ich", freut sich unser Mann im Vatikan und erzählt, er sei früher, als er noch Professor und Pfarrer war, auch ein begeisterter Dressurreiter gewesen, mit einem eigenen Pferd. Echte Dressur sei "die Veredelung der natürlichen Bewegungen des Pferdes", wie im Leben komme es beim Reiten darauf an, das Beste aus dem Gegebenen zu machen.

Dann wechselt der Monsignore die Gangart und das Thema. Was sind das nur für Leute, die derzeit in Deutschland das Sagen hätten? "Merkel und Stoiber haben kein moralisch-metaphysisches System, an dem sie sich ausrichten könnten", nur Müntefering lasse wenigstens ein paar Prinzipien erkennen.

Das Nachtleben des Vatikans

Wie es sich für einen Theologen gehört, verfügt Brandmüller nicht nur über ein funktionierendes moralisches-metaphysisches System, er spricht auch ein halbes Dutzend Sprachen und hat Humor. Man kann mit ihm auch über die Frage diskutieren, wer der größere Global Player ist - die katholische Kirche oder die Fifa. "Vermutlich ist es die Fifa, die haben auch Beziehungen mit Nordkorea und Saudi-Arabien, wir nicht."

Nur wenn es um den Glauben geht, weicht er keinen Zentimeter zurück. Mit den Juden hat er keine Probleme, kommt die Rede auf die Protestanten, hebt er die Hände zum Himmel, als wollte er Ihn um Hilfe bitten. "Wir wissen nicht einmal, ob Luther die 95 Thesen wirklich an die Tür der Schlosskirche zu Wittenberg angeschlagen oder als Brief verbreitet hat."

In allen übrigen Fällen hält er es mit Gilbert Keith Chesterton und Pater Brown: "Seit die Menschen nicht mehr an Gott glauben, glauben sie nicht an nichts mehr, sie glauben allen möglichen Unsinn." Brandmüller arbeitet vormittags in seinem Büro, wo er vor allem wissenschaftliche Konferenzen zu historischen Themen organisiert. Zurzeit bereitet er ein Symposium über "Islam und Europa" vor, das im Herbst kommenden Jahres in Wien stattfinden soll; der Ort wurde mit Bedacht gewählt, 1683 wäre die Stadt beinahe durch die Türken erobert worden.

Mittags geht Brandmüller nach Hause, kauft sich unterwegs frische Blumen oder hebt Geld an einem Automaten im Vatikan ab, der seine Benutzer auf Lateinisch anweist: "Inserite scidulam quaeso." Nach dem Mittagessen arbeitet er daheim weiter, hier hat er auch die Gespräche mit Ingo Langner über Galileo Galilei geführt und die Essays zur Kirchengeschichte geschrieben. Darf man einen Mann Gottes, der einer wichtigen Kommission der Kurie vorsteht, fragen, was er am Abend macht?

"Natürlich!" In Rom ist immer etwas los, Brandmüller kann sich vor Einladungen kaum retten. "Heute Abend gibt es in der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl ein Klavierkonzert und einen Vortrag über die Reisen der drei Goethes - Großvater, Vater und Sohn - nach Italien." Wenn der Monsignore dann am späten Abend heimkommt, ist auch im Vatikan die Ruhe eingekehrt.

Nur im dritten Stock des Päpstlichen Palastes brennt noch Licht. Wenn es nicht eine Zeitschaltuhr ist, dann ist es Benedikt XVI., der noch um Mitternacht arbeitet.


Walter Brandmüller; Ingo Langner: " Der Fall Galilei und andere Irrtümer. Macht, Glaube und Wissenschaft". Sankt Ulrich Verlag, 2006; 176 Seiten; 16,90 Euro



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.