Vatikan: Das Orakel prophezeit den nächsten Papst

Von Sandra Fomferek

In Rom versuchen derzeit 115 Kardinäle einen neuen Papst zu wählen. Die Welt rätselt, wer es wird. Dabei steht er längst fest - glaubt man dem Orakel.

Rom - Die Prophezeiungen des heiligen Malachias offenbaren: Der neue Papst könnte ein Italiener werden. Freilich nennt Malachias nicht den Namen des Pontifex - er spricht in seinen Aufzeichnungen etwas nebulös vom Kirchenoberhaupt, der im Zeichen "De Gloria Olivae - Ruhm des Olivenbaums" stehen wird. Im Bischofswappen des Mailänder Erzbischof Dionigi Tettamanzi findet sich ein Ölbaum - passt das zur Voraussage des irischen Zisterzienser-Mönchs und Erzbischofs von Armagh (1094-1148), der bereits seit dem 12. Jahrhundert zutreffend die kommenden Päpste benannt haben soll?

In kurzen Stichworten beschreibt Malachias in 111 Prophezeiungen die zukünftigen Kirchenoberhäupter. Das Orakel mit den verschlüsselten Botschaften beginnt bei Papst Coelestin II (1143-1144).

Malachias "Prophetia de summis pontificibus" sollen von dem Benediktiner-Pater Wion aufgeschrieben worden sein. 1595 erschien erstmals eine gedruckte Fassung, herausgegeben von Giorgio Angelieri zu Venedig. Zweifler gehen aber davon aus, dass die Prophezeiungen nicht aus der Feder Malachias stammen, sondern auf den heiligen Filippo Neri zurückzuführen sind.

Als "Pastor angelicus - engelsgleicher Hirte" wurde beispielsweise Pius XII betitelt - Bewohner Roms gaben Pius XII den Kosenamen "Angelo bianco", als er nach der Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg in den Trümmern erschien. "Pastor et nauta - Hirte und Seefahrer" lautete die Prophezeiung für Johannes XXIII. Orakelgläubige fanden auch dafür die perfekte Erklärung: Seine Eltern verdienten als Kleinbauern ihren Lebensunterhalt und Johannes XXIII. war vor seiner Berufung Patriarch von Venedig. "Flos Florum - Blume der Blumen" lautete die Prophezeiung für den Kirchenfürsten Paul VI. Und: Sein Wappen zieren drei Lilien. Der halbierte Mond "De Medietate Lunae" stand für Papst Johannes Paul I an. Halbmond? Papst? Keine Frage: Das Pontifikat dauerte nur 33 Tage, knapp eineinhalb Monde.

Johannes Paul II war "De Labore Solis" zugesprochen. "Sonnenfinsternis" lautet eine mögliche Übersetzung der Prophezeiung. Das würde ja Sinn machen, denn Karol Wojtyla wurde am Tag einer Sonnenfinsternis geboren. Eine andere Interpretation geht von der Übersetzung "Vom Drangsal der Sonne" aus - das konnte als Zeichen für die vielen Reisen des Papstes gedeutet werden.

Danach folgt in der Prophezeiung das Papstmotto "De Gloria Olivae", doch die Entschlüsselung des Rätsels trifft je nach Auslegung auf mehrere Kandidaten zu: Der Ölbaum könnte als Zeichen des Friedens gesehen werden. Als Kirchenoberhaupt käme demnach auch der französische Kardinal Jean-Marie Lustiger in Frage, der vom Judentum zum Katholizismus konvertierte und sich stets für die Versöhnung von Juden und Christen engagierte. Eine andere Deutung geht davon aus, dass der kommende Papst aus dem Mittelmeerraum stammen wird. Der Erzbischof von Florenz, Ennio Antonelli, hätte nach der Weissagung Chancen - immerhin stammt er aus Umbrien, der Region der Olivenbäume.

Der letzte Papst wird nach dem Malachias-Orakel "Petrus Romanus - Petrus, der Römer" sein. Um ihn ranken sich düstere Visionen, denn während seines Pontifikats soll die Siebenhügelstadt (Rom) zerstört werden. In naher Zukunft ist der Weltuntergang aber nicht absehbar: Erst ab dem Jahr 2800 rechnete Malachias mit dem endgültigen Verfall der Kirche.

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