Vatikan Der Papst ist tot

Das schwer kranke Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche starb nach tagelangem Todeskampf am Abend in Rom im Alter von 84 Jahren. Zehntausende haben sich auf dem Petersplatz zum Gebet versammelt, weltweit trauern Millionen Menschen.


Papst Johannes Paul II. (1998): Mehr als ein Vierteljahrhundert das Kirchenoberhaupt der Katholischen Kirche
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Papst Johannes Paul II. (1998): Mehr als ein Vierteljahrhundert das Kirchenoberhaupt der Katholischen Kirche

Die Nachricht verbreitete sich in Minuten um die ganze Welt. Sie erreichte Milliarden Menschen, die den Todeskampf des Papstes in den vergangenen Tagen verfolgt hatten, die gebetet oder nur respektvoll Anteil genommen hatten. Sie versetzte die Menschen weltweit in Trauer, ließ sie minutenlang innehalten, ergriffen von der Wucht der Nachricht, bevor ihnen die Tränen, Gebete oder einfach nur Momente der Stille die Verarbeitung des Schmerzes erleichterten.

Da waren die Ärzte und unmittelbaren Helfer des Papstes, die den langen Kampf der letzten Tage verloren geben mussten. Da waren die Kardinäle wie Joseph Ratzinger und die polnischen Pflegeschwestern, die die letzten Stunden am Sterbebett gewacht hatten.

Da waren die mehr als 50.000 Menschen, die auf dem Petersplatz dem Papst am nächsten waren und die Nachricht von den Kardinälen erfuhren. Da waren all jene Millionen, die am Fernseher, Radio oder Internet erfuhren, was sich im fernen Rom ereignet hatte. "Der Heilige Vater ist um 21.37 Uhr an diesem Abend in seinem Privatzimmer gestorben", hieß es in der nüchternen Mitteilung, die der Vatikan nur wenig später verbreitete.

Kaum ein Staatsmann, der dem verstorbenen Kirchen-Oberhaupt nicht in den letzten Stunden Worte der Würdigung zukommen ließ. Für den Uno-Chef Kofi Annan war Papst Johannes Paul II. der "Mann des Friedens", für den US-Präsidenten George W. Bush, den der Mann in Rom vergeblich von seinem Irak-Feldzug abzubringen versucht hatte, war er der "Champion der menschlichen Freiheit". Und Bundeskanzler Gerhard Schröder lobte den Papst als "unermüdlichen und entschlossenen Kämpfer für den Frieden, für Menschenrechte, Solidarität und soziale Gerechtigkeit."

Überall auf der Welt versammelten sich Menschen in Kirchen und auf Plätzen, entzündeten Kerzen, hielten sich an den Händen, versuchten das für sie Unbegreifliche zu begreifen. Mehr als ein Vierteljahrhundert stand der in Polen geborene Johannes Paul einer Milliarde Menschen römisch-katholischen Glaubens vor. Er schrieb Kirchengeschichte, er schrieb Weltgeschichte, und deshalb berührte das Todesereignis mehr Menschen in ihrem Innersten als jemals zuvor. Die Welt versank in Trauer.

Vorausgegangen war ein jahrelanger Kampf mit der Krankheit, der sich zuletzt in den Privatgemächern des Vatikans dramatisch zugespitzt hatte. Der Papst litt an Parkinson und an den Folgen des Attentats im Jahr 1981. Er konnte nicht mehr gehen und saß zuletzt im Rollstuhl. Seine Aussprache wurde immer unklarer, häufig konnten die Gläubigen ihn kaum noch verstehen. Er konnte selbst kurze Predigten nicht mehr selbst halten.

Nach einem Luftröhrenschnitt Ende Februar verschlechterte sich seine Gesundheit weiter. Seit Donnerstagabend befand sich der Papst in kritischem Zustand. In der Nacht zum Freitag hatte er einen Herz-Kreislauf-Kollaps und eine akute Blutvergiftung erlitten.

In seiner letzten Nacht hatte Johannes Paul II. einen Zettel geschrieben, mit den Worten: "Ich bin froh, seid ihr es auch." Die Sätze waren an polnische Schwestern und Priester gerichtet, die ihm nahe standen.

Am Samstagmorgen gegen 07.30 Uhr feierte der Papst seine letzte Messe, auch wenn er nicht mehr aktiv daran teilnehmen konnte. Kardinal Achille Silvestrini teilte mit, Johannes Paul habe ihn offenbar noch erkannt. "Ich habe ihn entspannt und gelassen vorgefunden", sagte Silvestrini. "Er atmete ohne Mühe." Als er das Zimmer zusammen mit einem weiteren Kardinal betreten habe, habe der Papst reagiert, indem er seine Augen bewegt habe.

Noch kurz vor dem Ende hatte der Vatikan am Abend eine kurze Erklärung verbreitet, sie bestand aus drei dürren Sätzen: "Der klinische Zustand des heiligen Vaters bleibt weiter sehr ernst. Am späten Morgen entwickelte er hohes Fieber. Wenn er von Mitgliedern seines Haushalts angesprochen wird, antwortet er korrekt."

Nach den Kirchen-Regeln wird der Leichnam in den nächsten Tagen im Petersdom aufgebahrt, wo er vermutlich auch seine letzte Ruhestätte findet. Die Beisetzung erfolgt vier bis sechs Tage nach dem Tod, die Trauerfeiern dauern neun Tage. Jetzt laufen auch die Vorbereitungen für die Wahl eines Nachfolgers an. Die über 110 Kardinäle aus aller Welt kommen nach Rom. Das Konklave, die Wahl des nächstens Papstes, beginnt frühestens 15 Tage, spätestens 20 Tage nach dem Tod des Papstes.

Zu den Trauerfeiern in Rom erwarten die italienischen Behörden in den nächsten Tagen zwei Millionen Besucher. Der Leichnam des Papstes werde nicht vor Montag im Petersdom aufgebahrt, die Beerdigungsfeierlichkeiten seien für Mittwoch geplant, hieß es. Italien verhängte drei Tage Staatstrauer.



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