Kinderpornografie und Drogenhandel Zahl der Verbrechen im Vatikan steigt

Die Zahl der Verbrechen im Vatikan steigt, darunter Wirtschaftsdelikte, Pädophilie und Drogenhandel. Bei mindestens einem Fahndungsflop weisen die Ermittler die Schuld von sich. Verantwortlich sei: eine deutsche Tageszeitung.

Generalstaatsanwalt Milano (3. v. l.) und Kollegen: "Unbedachte Verbreitung von Nachrichten"
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Generalstaatsanwalt Milano (3. v. l.) und Kollegen: "Unbedachte Verbreitung von Nachrichten"

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Rom - Der Vatikan ist weniger als einen halben Quadratkilometer groß. Im kleinsten Staat der Welt leben gerade mal 842 Menschen. Dennoch ist die Zahl der hier verübten Verbrechen beachtlich - "und sie steigt statistisch gesehen leider auch an", bedauerte der Generalstaatsanwalt des Heiligen Stuhls, Gian Piero Milano, in einer Rede zur Eröffnung des neuen Gerichtsjahres.

Vor allem Wirtschaftskriminalität und Korruption hätten zugenommen - "ein leibhaftiges Übel", wie Milano laut "Radio Vatikan" betonte. Dennoch sieht er Erfolge bei der Prävention und Bekämpfung von Geldwäsche. So sei etwa ein ehemaliger Vatikan-Prälat - es geht um den Polen Bronislaw Morawiec - in erster Instanz zu vier Jahren Haft wegen schweren Betrugs verurteilt worden. Die vatikanische Finanzaufsicht AIF soll den Behörden zudem Verdachtsmomente in fünf weiteren Fällen weitergeleitet haben.

Insgesamt zählt der Vatikan allerdings nur sechs Festnahmen - unter den Inhaftierten sind kriminelle Kleinstkaliber wie ein Unternehmer aus Triest, der mehrfach die Kuppel von San Pietro erklommen hatte, um gegen eine verfehlte Wirtschaftspolitik zu demonstrieren, außerdem eine Femen-Aktivistin, die barbusig provoziert hatte. Laut Milano laufen derzeit sieben Ermittlungsverfahren, drei Anträge auf Anklageerhebung wurden gestellt.

100.000 Dateien kinderpornografischen Inhalts

Die Vatikan-Gendarmerie ermittelt in zwei Fällen, in denen es um den Besitz von Kinderpornografie geht. Bei einem der beiden Beschuldigten handelt es sich laut Vatikansprecher Federico Lombardi um den polnischen Erzbischof Jozef Wesolowski, bei dem mehr als 100.000 Dateien kinderpornografischen Inhalts gefunden worden waren.

Auf Fotos und Videos waren sexuelle Handlungen an und von Jungen im Alter zwischen 13 und 18 Jahren zu sehen. Die Ermittler gehen davon aus, dass Wesolowski weitere 45.000 Dateien gelöscht hat. Allein die Menge könnte ein Hinweis darauf sein, dass der Geistliche Teil eines Netzwerks von Pädophilen war.

Der Erzbischof arbeitete als päpstlicher Gesandter in der Dominikanischen Republik, wo die Behörden wegen Pädophilie gegen ihn ermittelten. Im Juni wurde er seines Amtes enthoben, im September in Rom unter Hausarrest gestellt - womit er der zivilen Strafverfolgung in Santo Domingo entging. Wesolowski hat gegen seine Laisierung Berufung eingelegt. Sollte er wegen Kinderpornobesitzes verurteilt werden, muss er laut "Repubblica" mit bis zu sieben Jahren Haft rechnen.

Welches Kirchenmitglied in dem zweiten Fall betroffen ist, ist noch unklar. Erst vor wenigen Tagen wurde in der südspanischen Stadt Granada Anklage gegen zehn Priester erhoben, die einen minderjährigen Messdiener missbraucht haben sollen. Auch die Kirche ermittelt seit November in dem Fall.

Kokain-Kondome für den Vatikan

Ermittelt wird auch in Sachen illegalen Drogentransfers "vom Ausland in den Vatikanstaat". Hier trug sich laut Vatikan Bedauerliches zu: Die Männer von der Gendarmerie hätten kurz davor gestanden, eine Anti-Drogen-Aktion durchzuführen - da kam ihnen doch eine deutsche Tageszeitung dazwischen. Die "Bild am Sonntag" hatte im März 2014 berichtet, dass der Zoll am Flughafen Leipzig-Halle ein Paket mit 340 Gramm Kokain abgefangen habe. Adressat des in Kondome verpackten Rauschgifts im Wert von etwa 40.000 Euro war - die Poststelle im Vatikan.

Aufgrund der "unbedachten Verbreitung der Nachricht" sei niemand an der Poststelle erschienen, um das Paket abzuholen, ärgerte sich nun nachträglich der Generalstaatsanwalt. Es bliebe jedoch die Erkenntnis, dass der Vatikan Bühne sei für "vereinzelte, allerdings im Keim erstickte Versuche skrupelloser Drogenhändler", Geschäfte zu treiben.

Ganz auf Linie mit den staatlichen italienischen Ermittlungsbehörden ist der Vatikan, wenn es um die Methoden der Wahrheitsfindung geht: Abhöraktionen seien "ein unabdingbares Instrument von Ermittlungen", sagte Milano.

Zur Bekämpfung von internationaler Kriminalität gingen im Vatikan zehn Anträge auf Amtshilfe aus dem Ausland ein, acht davon aus Italien. Der Vatikan wiederum hatte die italienische Justiz um Informationen zu "einem Geistlichen gebeten, der in Italien wegen verschiedener Delikte angeklagt ist", in diesem Fall Betrug, Geldwäsche und Korruption. Das Material, das man erhalten habe, sei aber "lückenhaft" gewesen, hieß es nun. Auch habe man Zweifel daran, ob die Beschaffung der Beweise "internationalen Standards" genügt habe.

Bei dem Tatverdächtigen handelt es sich um den ehemaligen Rechnungsprüfer der Güterverwaltung des Apostolischen Stuhls, Nunzio Scarano, auch "Monsignor 500" genannt, weil er angeblich immer 500-Euro-Noten zur Hand hatte, um sie gegen Verrechnungsschecks zu tauschen. Der Prälat soll über anonyme Konten bei der Vatikanbank IOR und anderen Instituten verfügt und Millionen Euro auf Schweizer Konten transferiert haben. Er soll außerdem versucht haben, 20 Millionen Euro Bargeld aus der Schweiz nach Rom ausfliegen zu lassen - die spektakuläre Transaktion scheiterte.

ala

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