Vatikanexperte zur Brasilienreise "Ratzinger hat längst sein eigenes Charisma"

Der Papst ist in Brasilien. Mit dabei: Vatikankenner Marco Politi. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt der Italiener, wonach sich die Herzen der Brasilianer sehnen, wieso das Konklave einen Heiligen Onkel wählte und warum Juan Pablo III. auf sich warten lässt.


SPIEGEL ONLINE: "Der Papst auf Wiedereroberungszug in Brasilien" - so haben Sie ihren Auftaktartikel in der "Repubblica" zum Papstbesuch überschrieben. Ist Brasilien denn für die katholische Kirche noch zu retten?

Benedikt XVI.: "Allzu sehr auf Europa fixiert"
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Benedikt XVI.: "Allzu sehr auf Europa fixiert"

Politi: Das wissen wir nicht. Jedenfalls ist es das erste Mal, dass der Papst in ein Land kommt, in dem systematisch die Gläubigen von der katholischen Kirche abfallen. Darauf angesprochen hat der Papst ja auf der Hinreise gesagt, dass es einen Gottesdurst bei den Menschen gibt. Die Kirche muss den Menschen hier ganz nah sein, sowohl was ihre Alltagssorgen angeht, als auch in Bezug auf die Gerechtigkeit in der gesamten Gesellschaft.

SPIEGEL ONLINE: Aber die Menschen laufen der Kirche in Brasilen doch in Scharen davon. Die spirituellen Sekten und Freikirchen, die das Heil schon im Hier und Jetzt versprechen und nicht erst im Jenseits, scheinen mehr das Herz der Brasilianer zu erreichen.

Politi: Ganz so ist es ja auch nicht. Die katholische Kirche in Lateinamerika hat nicht immer nur an das Jenseits gedacht. Das haben die lateinamerikanischen Bischöfe schon 1968 bei ihrem zweiten Treffen in Medellín klar gemacht. Da hat man ganz genau von den ungerechten Strukturen in der Gesellschaft gesprochen. Das Problem ist: In der Folge hat sich dann die breite Bewegung der Basisgruppen und der Befreiungstheologien gebildet. Die haben Politik und Religion verknüpft und boten eine Perspektive der religiösen und sozialen Rettung. Papst Wojtyla und Kardinal Ratzinger haben diese in ihren Augen marxistische Bewegung stark bekämpft. Deshalb suchen inzwischen viele Menschen ihre individuelle Rettung in den neoprotestantischen Sekten.

SPIEGEL ONLINE: Johannes Paul II. war in Brasilien der Superstar, wenn er zu Besuch kam. Ein Charismatiker wie er kam wohl auch besser mit der sehr folkloristischen Art des Glaubens in Brasilien klar. Wie kommt ein Intellektueller wie Benedikt XVI. damit zurecht?

Politi: Auch in der Zeit Wojtylas haben ja schon viele Menschen die Kirche verlassen. Das hat nichts mit Benedikt zu tun. Das ist ein Problem, mit dem die Bischöfe in ganz Lateinamerika schon seit langem kämpfen. Deshalb, glaube ich, wird es bei der fünften Lateinamerikanischen Bischofskonferenz vor allem darum gehen, eine neue Missionstätigkeit zu entwickeln.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist denn überhaupt das Charisma eines Papstes?

Politi: Charisma ist natürlich wichtig, wenn man Leute erreichen will. Aber wenn man nach Rom schaut, sieht man doch, dass Ratzinger längst sein eigenes Charisma hat. Er hat seinen eigenen Weg zu den Herzen der Gläubigen gefunden, auf seine etwas zurückhaltendere, vielleicht auch schüchternere Art. Zu seinen Audienzen kommen immerhin mehr Leute als in den letzten Jahren zu Johannes Paul II.

SPIEGEL ONLINE: Muss die Kirche sich denn auch inhaltlich bewegen, um solche Leute zu erreichen? Zum Beispiel in Fragen der Sexualmoral?

Politi: Ich weiß nicht, ob das damit etwas zu tun hat. Sehen Sie nach Italien: Dort nennen sich 87 Prozent der Menschen katholisch, und doch ist man völlig frei in der Wahl der Sexualmoral. Die Krise der Kirche in Lateinamerika hat mehr sozialpsychologische Hintergründe. Vor allem arme Leute fühlen sich in den Sekten offensichtlich daheim.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie nun von dieser Reise?

Politi: Der Papst hat ja schon während des Fluges seine Agenda deutlich gemacht: Es wird um eine verstärkte Missionstätigkeit gehen und darum, dass die Kirche um das Thema soziale Reformen nicht herumkommt - aber ohne sich direkt in die Politik einzumischen.

SPIEGEL ONLINE: Entdeckt Benedikt neue Problemfelder? Wird damit eine neue Phase des Pontifikats eingeläutet?

Politi: Ich erwarte keine großen Überraschungen von Ratzinger. Im Großen und Ganzen ist das Interesse des Papstes doch allzu sehr auf die religiöse Leere in Europa und der westlichen Welt konzentriert. Der Papst fürchtet, dass diese Länder, die doch Pfeiler des Christentums waren, sich nun lautlos davon absagen.

SPIEGEL ONLINE: Bislang scheint sich Ratzinger mit Lateinamerika in erster Linie beschäftigt zu haben, indem er durchaus populäre Befreiungstheologen gemaßregelt hat, als Präfekt der Glaubenskongregation den Brasilianer Leonardo Boff, als Papst zuletzt Jon Sobrino aus El Salvador. Ist das klug?

Politi: Der Kampf gegen die Befreiungstheologen ist doch eigentlich schon gelaufen. Der Konflikt mit Sobrino ist mehr so etwas wie eine späte Abrechnung. Bis jetzt hat er ja auch noch keine Strafe bekommen - wie etwa Boff -, sondern es ist lediglich ein Buch von ihm kritisiert worden.

SPIEGEL ONLINE: Dazu kommt noch etwas anderes: Eigentlich wäre den Brasilianern doch ein lateinamerikanischer Papst lieber.

Politi: Ja, auf jeden Fall. Und der Papst weiß auch, dass er in einen Kontinent kommt, aus dem einer der Päpste des 21. Jahrhunderts stammen wird. Dass es diesmal noch nicht dazu gekommen ist, lag daran, dass es zur Zeit des Konklaves keine wirklich profilierten Kandidaten aus der Region gab. Johannes Paul II. hat nicht wenige seiner potentiellen Nachfolger überlebt. Als dann diese Vaterfigur gestorben ist, war der Schock so groß, dass man anstelle des Vaters den Onkel gewählt hat. Jemand, bei dem man sich sicher sein konnte, dass das Vermächtnis entsprechend weitergeführt würde. Den richtigen Wahlkampf wird es beim nächsten Konklave geben.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst hatten doch schon Jahre vor dem Tod von Johannes Paul II. prophezeit, der nächste Papst wäre Juan Pablo III. Waren Sie auch enttäuscht?

Politi: Nein. Ratzinger war zu dem Zeitpunkt eindeutig der profilierteste der Kardinäle.

Die Fragen stellte Dominik Baur



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