"Vatileaks"-Buch: Heimlichkeit und Kumpanei

Von

Der Inhalt birgt Zündstoff: Das "Vatileaks"-Buch des italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi erscheint nun auch auf Deutsch - inklusive neuer, brisanter Dokumente. Sie offenbaren einen Dauerstreit zwischen deutschen Bischöfen, der Kurie und ihrem Papst.

Papst Benedikt XVI.: "Reaktion des Nuntius auf Äußerungen von Frau Merkel zu schwach" Zur Großansicht
DPA

Papst Benedikt XVI.: "Reaktion des Nuntius auf Äußerungen von Frau Merkel zu schwach"

Die Veröffentlichung interner Briefe aus dem Vatikan hat Benedikt XVI. im Mai in die wohl schwerste Krise seiner Amtszeit gestürzt. Das Buch des Enthüllungsjournalisten Gianluigi Nuzzi mit Notizen des Papstes und dessen Mitarbeitern wurde in Italien zum Bestseller, Benedikts Kammerdiener als einer der Verräter enttarnt; zurzeit wartet er unter Hausarrest auf seinen Prozess. Jetzt führen die Spuren der "Vatileaks"-Affäre auch nach Deutschland. In dieser Woche legt Nuzzi seine Erkenntnisse erstmals in deutscher Sprache vor, ergänzt um bislang unveröffentlichte Dokumente.

Die katholischen Bischöfe hierzulande sind deshalb etwas nervös. Seit Jahren demonstrieren sie öffentlich stets unverbrüchliche Harmonie mit dem Heiligen Stuhl. Nun fürchten sie, dass dieses Bild neue Risse bekommt. "Der Papst ärgert sich ständig sowohl über einige deutsche Kardinäle als auch über die Apostolische Nuntiatur in Berlin", sagt Nuzzi, "auch aus dem deutschen Episkopat zeigen inoffizielle Klagen, dass Roms Zentralmacht Bauchschmerzen bereitet." Die Zentrale in Rom und die Kirche in Deutschland sind für den Vatikanexperten "zwei völlig verschiedene Welten, die vielleicht schon so lange auseinanderdriften, dass sie nicht mehr zusammenzubringen sind".

Vor allem für Jean-Claude Périsset, den Apostolischen Nuntius in Deutschland, sind diese Spannungen oft schwer zu überbrücken. Der Diplomat muss den deutschen Bischöfen die Anliegen des Papstes vermitteln und in Rom die Befindlichkeiten der deutschen Katholiken erklären. Kein leichter Job: Schon sein Vorgänger hatte nach Ansicht Roms zu viel Verständnis für die Deutschen.

Ungerechtfertigte Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten

Auch Périsset ist in Benedikts Augen mitunter viel zu nachsichtig mit den störrischen Deutschen. Das zeigte sich zum Beispiel, als der Papst im Jahr 2009 die Exkommunikation der Piusbruder-Bischöfe - darunter Holocaust-Leugner Richard Williamson - zurücknahm. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte daraufhin, der Papst müsse "eindeutig klarstellen, dass es hier keine Leugnung geben kann", was bis dahin "noch nicht ausreichend erfolgt" war.

Benedikt XVI. verstand das als ungerechtfertigte Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten. Empört - so zeigen es die diversen Dokumente in Nuzzis Buch - war er nicht nur über die Kanzlerin, sondern auch über seinen eigenen Botschafter Périsset. In einer vertraulichen Notiz hielt er fest: "Die Reaktion des Nuntius auf die Äußerungen von Frau Merkel ist zu schwach. Nötig gewesen wären dagegen klare Worte des Protests."

Vergrätzt über seinen Botschafter und die deutschen Bischöfe zeigt sich der Heilige Vater auch in mehreren anderen Fällen. Mal ärgert ihn, dass sie sein Spitzentreffen mit deutschen Protestanten im vorigen September nicht angemessen würdigten. Dann wieder stören er und seine Berater sich an der katholischen Weltbild-Gruppe und deren Verkauf von softpornografischen Büchern.

Penibel registriert Benedikt aus der Ferne, wer in seiner alten Heimat die reine Lehre verrät. In einer Notiz an enge Mitarbeiter hält er leicht verbittert fest: "Ich wundere mich, dass der Nuntius die Empfehlungen Kardinal Lehmanns 'in vollem Umfang' teilt, der gesagt hat, der Heilige Vater müsse sich bei den Juden und den Kirchenmitgliedern entschuldigen (...) Wie ich höre, hat der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, aber auch der Erzbischof von Hamburg den Heiligen Vater kritisiert."

Während Autor Nuzzi in diesen und anderen Dokumenten "ein unerträgliches Maß an Heimlichkeit, Kumpanei und Undurchsichtigkeit" erkennt, ziehen die vom Papst gerüffelten Kleriker erste Konsequenzen. Botschafter Périsset will künftig genauer überlegen, was er zu Papier bringt. Es erstaune ihn nicht, "dass auch in der Kirche Jesu Christi nicht alles dem Evangelium entspricht", sagte er vor wenigen Tagen dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Schlimm daran sei, "dass man selbst in unseren engsten Kreisen kein Vertrauen mehr haben kann".

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 52 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. nee
dadanchali, 03.09.2012
Zitat von sysopDPADer Inhalt birgt Zündstoff: Das "Vatilekas"-Buch des italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi erscheint nun auch auf Deutsch - inklusive neuer, brisanter Dokumente. Sie offenbaren einen Dauerstreit zwischen deutschen Bischöfen, der Kurie und ihrem Papst. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,853247,00.html
Zuvorderst wäre es nett wenn Spon auf solch unsinnige Begriffe wie Heilig oder Heiliger Vater verzichten könnte. Der Mann ist alles andere als heilig und Vater, wahrscheinlich, auch nicht. Zum Text: Wenn man ein Unternehmen führt das weltweit mit unsinnigen Heilsversprechungen naive Menschen hinters Licht führt ist es normal, dass einige Paten anderer Meinung sind. In D wird es anscheinend immer schwerer mit der "Grundlehre" auf bauernfängerei zu gehen. Je wissender die Menschen desto subtiler und cleverer muss man ein Geschäft mit abstrusen Versprechungen aufziehen. Das hat Ratzinger (noch) nicht begriffen. Aber schon toll wie man mit nichts Geld macht, dass schafft sonst nur Frau Katzenberger.
2. Die Probleme der Kirche
N0 C@rrier 03.09.2012
die hier geschildert werden, reichen noch nichtmal als Drehbuch für eine aufregende TV-Serie (sonst hätte HBO sich das schon längst nicht entgehen lassen ;) Im Ernst: ich hätte heftigeres erwartet. Vielleicht lese ich auch zuviel Illuminati ^^
3. Das ist alte vatikanische Tradition
vindex_sine_nomine 03.09.2012
Wobei es ja eigentlich keine Überraschung ist, wenn Ratzinger im Dauerstreit mit seinen Untergebenen, die in ihm eher einen primus inter pares sehen, außer es geht gegen Aufrührer, Kritiker und ehrlichere Naturen, dann ist Papa Ratzinger natürlich der Stellvertreter des himmlischen Vaters, liegt. Streit und Zwietracht sind alte vatikanische Sitten, ob nun mit der Kurie, verschiedenen Kaisern, mit Gegenpäpsten, mit römischen Republikanern, ... . Die Herren müssen sich ja gerade heute die Zeit vertreiben, immerhin sind Mätressen außer Mode, einen Harem gibt es auch schon lange nicht mehr im Vatikan. Natürlich gibt es da auch noch das große Problem mit starren Strukturen, die auch von Vetternwirtschaft und ähnlichen leben. Diese Strukturen sind extrem stabil, die wird man nicht so schnell wieder los. Zudem verzettelt sich ja Ratzinger, will er im Vatikan aufräumen, müßte er die Finger vom Aufruf zu Missionierung und anderen Dingen lassen. Die Geschichte lehrt das. Zudem sollte Ratzinger die Finger davon lassen den großen Bruder zu spielen, er kann nicht gegen die Moderne hetzen und dann die Moderne benutzen, um seine Herde an einen Pfahl zu binden. Ratzinger hat allerdings Glück, daß er Papst in modernen Zeiten ist, da ist die alte Sitte, daß man einen Papst, der einen nicht paßt, mal schnell mit einem Gegenpapst beschäftigt oder ihn gleich meucheln läßt, deutlich schwieriger umzusetzen und noch viel schädlicher als früher. Opfer eines Meuchelmords zu werden galt ja lange im Vatikan als natürliche Todesursache für einen Papst und elegante Methode seine Schwierigkeiten mit dem Chef zu lösen, sofern man nicht für einen der Päpste, die gerne anderen Männern Hörner aufsetzten, arbeitete, die dann meist Opfer von rachsüchtigen Ehegatten wurden.
4.
niska 03.09.2012
Zitat von sysopDPADer Inhalt birgt Zündstoff: Das "Vatilekas"-Buch des italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi erscheint nun auch auf Deutsch - inklusive neuer, brisanter Dokumente. Sie offenbaren einen Dauerstreit zwischen deutschen Bischöfen, der Kurie und ihrem Papst. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,853247,00.html
So zündend ist das jetzt aber nicht. Dass Ratzinger ein Rechter ist und die katholische Kirche ein zentral gesteuertes gewinnorientiertes Unternehmen mit zweifelhaftem unchristlichen Geschäftsgebahren, das ist doch jetz wirklich nichts Neues. Wenn da nicht wenigstens was Neues über die Stricher und Kinderprostituierten steht, die im Vatikan ein und ausgehen oder zumindest gegangen sind, muss man das Buch nicht kaufen.
5. "Vatilekas"?
jadota 03.09.2012
Zitat von sysopDPADer Inhalt birgt Zündstoff: Das "Vatilekas"-Buch des italienischen Journalisten Gianluigi Nuzzi erscheint nun auch auf Deutsch - inklusive neuer, brisanter Dokumente. Sie offenbaren einen Dauerstreit zwischen deutschen Bischöfen, der Kurie und ihrem Papst. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,853247,00.html
Als Erstatz für "Vatilekas" schlage ich "Vatilkaes" oder schlicht "Vatileaks" als Anagramm vor.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles zum Thema Papst Benedikt XVI.
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 52 Kommentare
Buchtipp
  • Gianluigi Nuzzi:
    Seine Heiligkeit

    Die geheimen Briefe aus dem Schreibtisch von Papst Bendedikt XVI.

    Übersetzt von Enrico Heinemann, Walter Koegler, und Christiane Landgrebe

    Piper; 416 Seiten; 22,99 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon bestellen.