Von Peter Wensierski
Die Veröffentlichung interner Briefe aus dem Vatikan hat Benedikt XVI. im Mai in die wohl schwerste Krise seiner Amtszeit gestürzt. Das Buch des Enthüllungsjournalisten Gianluigi Nuzzi mit Notizen des Papstes und dessen Mitarbeitern wurde in Italien zum Bestseller, Benedikts Kammerdiener als einer der Verräter enttarnt; zurzeit wartet er unter Hausarrest auf seinen Prozess. Jetzt führen die Spuren der "Vatileaks"-Affäre auch nach Deutschland. In dieser Woche legt Nuzzi seine Erkenntnisse erstmals in deutscher Sprache vor, ergänzt um bislang unveröffentlichte Dokumente.
Die katholischen Bischöfe hierzulande sind deshalb etwas nervös. Seit Jahren demonstrieren sie öffentlich stets unverbrüchliche Harmonie mit dem Heiligen Stuhl. Nun fürchten sie, dass dieses Bild neue Risse bekommt. "Der Papst ärgert sich ständig sowohl über einige deutsche Kardinäle als auch über die Apostolische Nuntiatur in Berlin", sagt Nuzzi, "auch aus dem deutschen Episkopat zeigen inoffizielle Klagen, dass Roms Zentralmacht Bauchschmerzen bereitet." Die Zentrale in Rom und die Kirche in Deutschland sind für den Vatikanexperten "zwei völlig verschiedene Welten, die vielleicht schon so lange auseinanderdriften, dass sie nicht mehr zusammenzubringen sind".
Vor allem für Jean-Claude Périsset, den Apostolischen Nuntius in Deutschland, sind diese Spannungen oft schwer zu überbrücken. Der Diplomat muss den deutschen Bischöfen die Anliegen des Papstes vermitteln und in Rom die Befindlichkeiten der deutschen Katholiken erklären. Kein leichter Job: Schon sein Vorgänger hatte nach Ansicht Roms zu viel Verständnis für die Deutschen.
Ungerechtfertigte Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten
Auch Périsset ist in Benedikts Augen mitunter viel zu nachsichtig mit den störrischen Deutschen. Das zeigte sich zum Beispiel, als der Papst im Jahr 2009 die Exkommunikation der Piusbruder-Bischöfe - darunter Holocaust-Leugner Richard Williamson - zurücknahm. Bundeskanzlerin Angela Merkel erklärte daraufhin, der Papst müsse "eindeutig klarstellen, dass es hier keine Leugnung geben kann", was bis dahin "noch nicht ausreichend erfolgt" war.
Benedikt XVI. verstand das als ungerechtfertigte Einmischung in innerkirchliche Angelegenheiten. Empört - so zeigen es die diversen Dokumente in Nuzzis Buch - war er nicht nur über die Kanzlerin, sondern auch über seinen eigenen Botschafter Périsset. In einer vertraulichen Notiz hielt er fest: "Die Reaktion des Nuntius auf die Äußerungen von Frau Merkel ist zu schwach. Nötig gewesen wären dagegen klare Worte des Protests."
Vergrätzt über seinen Botschafter und die deutschen Bischöfe zeigt sich der Heilige Vater auch in mehreren anderen Fällen. Mal ärgert ihn, dass sie sein Spitzentreffen mit deutschen Protestanten im vorigen September nicht angemessen würdigten. Dann wieder stören er und seine Berater sich an der katholischen Weltbild-Gruppe und deren Verkauf von softpornografischen Büchern.
Penibel registriert Benedikt aus der Ferne, wer in seiner alten Heimat die reine Lehre verrät. In einer Notiz an enge Mitarbeiter hält er leicht verbittert fest: "Ich wundere mich, dass der Nuntius die Empfehlungen Kardinal Lehmanns 'in vollem Umfang' teilt, der gesagt hat, der Heilige Vater müsse sich bei den Juden und den Kirchenmitgliedern entschuldigen (...) Wie ich höre, hat der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, aber auch der Erzbischof von Hamburg den Heiligen Vater kritisiert."
Während Autor Nuzzi in diesen und anderen Dokumenten "ein unerträgliches Maß an Heimlichkeit, Kumpanei und Undurchsichtigkeit" erkennt, ziehen die vom Papst gerüffelten Kleriker erste Konsequenzen. Botschafter Périsset will künftig genauer überlegen, was er zu Papier bringt. Es erstaune ihn nicht, "dass auch in der Kirche Jesu Christi nicht alles dem Evangelium entspricht", sagte er vor wenigen Tagen dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Schlimm daran sei, "dass man selbst in unseren engsten Kreisen kein Vertrauen mehr haben kann".
Dem Autor auf Twitter folgen:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Panorama | Twitter | RSS |
| alles zum Thema Papst Benedikt XVI. | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH