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21. November 2013, 14:01 Uhr

Projekt in Amsterdam

Stadt spendiert Alkoholikern Bier fürs Straßenfegen

Von Rainer Leurs

Alkoholkranke kehren die Straßen, im Gegenzug bekommen sie Dosenbier und Tabak: Dieses kuriose Angebot macht ein Amsterdamer Stadtbezirk seinen Trinkern. Teilnehmer des Projekts freuen sich über die Gratisbüchsen - ob ihnen die Aktion hilft, ist allerdings fraglich.

Hamburg/Amsterdam - Unschön soll es zugegangen sein, früher, im Amsterdamer Oosterpark. Unweit vom Stadtzentrum liegt diese Grünanlage mit Ententeich und ausgedehnten Rasenflächen - eigentlich ein hübsches Ausflugsziel für Familien. Wenn da nicht das Problem mit den Trinkern gewesen wäre. "Jahrelang gab es Beschwerden von Anwohnern", sagt Caspar Itz, Sprecher des Stadtbezirks Oost. Eine Gruppe von bis zu 40 Alkoholikern habe den Park unsicher gemacht, mit Schlägereien, wildem Pinkeln und viel Geschrei.

Alles mögliche habe die Stadtverwaltung versucht, um das Problem zu lösen, sagt Itz: Geldstrafen. Ein totales Alkoholverbot für den Oosterpark. Alles umsonst, bis schließlich die Idee mit dem Fegeprojekt aufkam.

Es ist ein Konzept zur Sozialarbeit, das in dieser Form wohl nur den Stadtvätern von Amsterdam einfallen kann - jener liberalsten aller europäischen Metropolen, wo man in der Drogenpolitik auf entspannten Pragmatismus setzt und wo hinter jeder zweiten Häuserecke Cannabisschwaden wabern.

Der Deal funktioniert so: Schwer alkoholkranke Menschen nehmen einen Besen zur Hand und halten Straßen und Grünanlagen sauber. Im Gegenzug gibt es pro Arbeitstag zehn Euro, eine halbe Packung Tabak - und bis zu fünf Dosen Bier. Morgens zwei, mittags zwei, nach Feierabend nochmal eine.

Bierversorgung als medizinische Maßnahme

Gemeinsam mit Suchtexperten habe man dieses veegproject vor gut einem Jahr entwickelt, sagt Bezirkssprecher Itz, für den das Ganze ein Riesenerfolg ist. "Diese Menschen bekommen damit eine Aufgabe, einen geregelten Tagesablauf - und sie sind raus aus dem Park." 19 Alkoholiker nähmen regelmäßig an dem Projekt teil, sagt er. Und beeilt sich hinzuzufügen, dass die Gratis-Bierversorgung nicht etwa als Arbeitslohn fürs Kehren gedacht ist, sondern als medizinische Maßnahme.

"Es funktioniert wie die Abgabe von Heroin an Abhängige", sagt er. "Eine Suchtexpertin ist immer dabei und kontrolliert, wieviel jeder Einzelne bekommt." Selbst bei fünf Dosen Grolsch am Tag sei das immer noch weniger, als die Teilnehmer tränken, wenn man sie sich selbst überließe. Das, fügt Itz hinzu, sei auch der Grund, warum man den Straßenfegern nicht einfach Geld gebe statt Pils. "Wir hätten dann keine Kontrolle. Es gibt bei uns einen Kühlschrank, und der Kühlschrank hat ein Schloss. Und wir entscheiden, wann sich das Schloss öffnet."

Wobei einem Reporter der Nachrichtenagentur AFP kürzlich auffiel, dass die fleißigen Straßenfeger durchaus auch mal selbst entscheiden dürfen: Es herrsche eine Atmosphäre des Vertrauens, und wenn der betreuende Sozialarbeiter gerade mal woanders hinmüsse, trage man den Getränkekonsum eben in eine Liste ein. "Ich glaube, ich kann für die Gruppe sprechen, wenn ich sage: Wir würden hier nicht mitmachen, wenn sie uns kein Bier gäben", zitiert die Agentur Frank, einen 45-jährigen Teilnehmer. "Wir brauchen Alkohol, um zu funktionieren."

Warnwesten, Mülltüten und Abfallzangen

Und so beginnt der Arbeitstag für die veegproject-Leute morgens um neun, mit Kaffee, Zigarette und zwei Rollen Grolsch pro Mann, in einem Gartenschuppen, der als Hauptquartier des Kehrkommandos fungiert. Danach geht es mit orangefarbenen Warnwesten, Mülltüten und Abfallzangen auf die Straßen Amsterdams.

"Damit wollen wir aber nicht die Mitarbeiter unserer normalen Stadtreinigung ersetzen", sagt Itz. "Hauptziel ist es, diesen Leuten eine Aufgabe zu geben und sie aus dem Park herauszuhalten." Die Kosten dafür trägt das Sozialsystem der Stadt Amsterdam. "Aber es ist so billig, im Vergleich zu den repressiven Methoden, die wir vorher angewandt haben", freut sich Itz. 19 Euro koste das Projekt pro Tag und Teilnehmer, "ein echter Low-Budget-Ansatz". Andere Städte in den Niederlanden würden sich bereits für das Konzept interessieren; in Amsterdam selbst werde das Projekt gerade erweitert, unter anderem auf die Bezirke West und Noord. "Parks oder Bahnhöfe mit Trinkern, die Probleme machen, gibt es schließlich überall."

In Deutschland sehen Experten den Amsterdamer Ansatz dagegen eher mit Zurückhaltung. "Sinnvoll ist es sicher, Alkoholikern eine Aufgabe und damit eine feste Tagesstruktur zu geben", sagt Christa Merfert-Diete, Sprecherin der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen. "Warum dann aber neben Geld noch Tabak und Alkohol ausgegeben werden, erschließt sich uns nicht." Sich im Supermarkt Bier zu kaufen, stehe den Betroffenen ja ohnehin frei; da müsse man ihnen die Getränke nicht noch gratis offerieren.

Ob es ethisch vertretbar ist, Alkoholkranke mit Pils zu versorgen, darüber gebe es auch in den Niederlanden Diskussionen, sagt Itz. Aber an den Kampf gegen die Sucht habe man sich eben gewöhnt. Das sei etwas, was man in seiner Stadt gelernt habe: "Erst wenn man analysiert, wie man die Sucht beeinflussen kann, ist man in der Lage, Abhängigen zu helfen und damit auch die Probleme der Anwohner zu lösen."

Ob die Straßenkehrer vom Oosterpark allerdings weniger trinken - selbst feegproject-Teilnehmer Frank ist da skeptisch. Schließlich würden er und seine Kollegen nach Feierabend dann doch wieder in den Supermarkt gehen, um von den selbstverdienten zehn Euro noch mehr Bier zu kaufen. "Wir trinken jetzt bestimmt strukturierter", schätzt er. "Aber nicht weniger."

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