Verbrechen: Soko Halbmond jagt mysteriösen Serienmörder

Von Conny Neumann und Andreas Ulrich

Ein geheimnisvoller Serienkiller tötet unbescholtene türkische Ladenbesitzer von München bis Rostock. Schon sechs Menschen wurden Opfer des Unbekannten. Es gibt nur eine Spur: die Pistole.

Es geschah schon wieder vormittags, diesmal kurz nach 10 Uhr, wieder an einer belebten Straße mitten in der Stadt und wieder in einem kleinen Laden: Am Donnerstag vergangener Woche trat ein Unbekannter an einen Döner-Stand im Nürnberger Stadtviertel Gleishammer, in Sichtweite der Bundesagentur für Arbeit. Kurz darauf fiel ein Schuss, der Imbiss-Besitzer Ismail Yazar brach tödlich getroffen zusammen. In der Schule gegenüber lauschte sein 15-jähriger Sohn zur selben Zeit dem Unterricht.

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Verbrechen: Soko "Bosporus" jagt mysteriösen Serienmörder

Eine Viertelstunde vor seinem Tod hatte Yazar noch seinen letzten Döner verkauft, der nächste Kunde fand ihn dann blutüberströmt hinter dem Tresen. Zwei Jugendliche hatten die Schüsse gehört, doch den Täter nicht gesehen.

Die Nürnberger Mordermittler allerdings erkannten schnell das Muster des Killers - wenig später waren die Schüsse am Dönerstand nicht nur ein Fall für die 40 Mann starke Sonderkommission "Halbmond" der Nürnberger Polizei und das Bundeskriminalamt (BKA), auch der türkische Generalkonsul Mehmet Munis Dirik erschien am Tatort.

Denn Ismail Yazar ist das sechste Opfer einer mysteriösen Mordserie, die im Spätsommer 2000 begann: Der leutselige Familienvater wurde mit derselben tschechischen Ceská-Pistole vom Kaliber 7,65 Millimeter niedergestreckt wie fünf andere Männer vor ihm, die wohl nur eines miteinander gemein hatten: Sie stammten aus der Türkei, waren unbescholten und führten - bis auf einen - kleine Geschäfte.

Die Fahnder stehen vor einem Rätsel, das BKA prüft derzeit, ob es Hinweise auf eine kriminelle Vereinigung gibt. Ansonsten bleibt als Spur nur die Ceská.

Als erster starb am 9. September 2000 der hessische Blumenhändler Enver Simsek, 38, und vielleicht hat ihn der Killer sogar verwechselt.

Simsek vertrat einen kranken Verkäufer an einem Blumenstand in Nürnberg-Langwasser. Polizisten fanden den Mann nachmittags tot in seinem Lieferwagen, von acht Kugeln getroffen.

Ein dreiviertel Jahr später wurde in Nürnberg der 49-jährige Abdurrahim Özüdogru in seiner ärmlichen Änderungsschneiderei erschossen. Ein Passant entdeckte die Leiche am 13. Juni 2001 in der Ladenwohnung. Eine Zeugin will sich vage an zwei Männer mit osteuropäischem Dialekt und vermutlich polnischem Kennzeichen an ihrem blauen Opel Omega erinnern, die mit Özüdogru stritten.

Zwei Wochen danach starb in der Schützenstraße im Hamburger Stadtteil Altona der Gemüsehändler Süleyman Tasköprü, 31, im Laden seines Vaters - mit mehreren Kugeln im Kopf. Ballistiker stellten fest, dass es wieder dieselbe Waffe war. Und niemand hatte einen Täter gesehen.

Im August 2001 fuhr der Killer nach München und richtete den Gemüsehändler Habil Kiliç, 38, mit mehreren Schüssen in seinem Geschäft im Stadtteil Ramersdorf hin. Ein Zeuge sah nach den Schüssen einen Mann fliehen und beschrieb ihn als mittelgroß, schlank und mit "Mongolen"-Bart. Die von der Polizei daraufhin veröffentlichte Phantomzeichnung des Gesuchten brachte aber keinen einzigen ernst zu nehmenden Hinweis.

Während die in Nürnberg gegründete Soko fieberhaft nach einem Motiv für die brutalen Überfälle oder nach Gemeinsamkeiten zwischen den allesamt äußerst bescheiden lebenden Opfern forschte, schien die mysteriöse Mordserie zu enden.

Doch die Ruhe währte nur bis zum 25. Februar 2004. Da tötete der Unbekannte am helllichten Vormittag den Türken Yunus Turgut, 25, in einer Dönerbude in Rostock. Diesmal aber gab es Abweichungen vom bisherigen Tatmuster - vielleicht wurde Turgut das Opfer einer Verwechslung: Der Türke war erst zehn Tage zuvor bei einem Bekannten angekommen und hielt sich illegal in Deutschland auf.

Inzwischen wächst die Nervosität bei den Ermittlern, weil sie keine brauchbare Theorie haben, was den Täter treiben könnte. Für Spekulationen, die Getöteten könnten für die Mafia als Drogenkuriere oder Drogendeponenten gearbeitet haben, fehlen Beweise. Auf Kontakte der Opfer zu religiösen oder politischen Fanatikern gibt es nicht den geringsten Hinweis. Schulden werden ausgeschlossen, und für Schutzgelderpressungen waren die kleinen Läden der Einzelhändler wohl kaum geeignet.

So lange sich kein Motiv für die Morde findet, die Fahnder keine DNA-Spur haben und nicht einmal einen Reifenabdruck, werden sie den Killer kaum stoppen können, fürchten sie. Viel Hoffnung, Ismail Yazar könnte das letzte Opfer gewesen sein, hat bei der Soko Halbmond jedenfalls kaum noch jemand.

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