Verhungerter Behinderter: "Der Mann war nur noch Haut und Knochen"

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In Salzgitter hat eine Messie-Mutter ihren geistig behinderten Sohn in der vollkommen verwahrlosten gemeinsamen Wohnung verhungern lassen. Auch der zum Betreuer bestellte Bruder ließ seinen Schützling im Stich. Das zuständige Amtsgericht spricht von einem "krassen Ausnahmefall".

Hamburg - Es gibt Situationen, mit denen auch hartgesottene Ermittler und Mediziner nur schwer zurechtkommen. Das sind Ereignisse wie dieses: Eine 72-jährige Rentnerin ruft ihren Hausarzt in ein Mehrfamilienhaus in Ringelheim, einem Stadtteil von Salzgitter. Dort stößt der Mediziner inmitten eines riesigen Haufen Unrats auf die Leiche ihres Sohnes, der bis aufs Skelett abgemagert war.

Das war am vergangenen Donnerstag. Bei dem Toten handelte es sich um einen 54-jährigen geistig Behinderten, seit seiner Geburt abhängig von der Zuneigung und Pflege seiner Mutter und später auch von dem als Betreuer bestellten Bruder. Der Mediziner alarmierte die Polizei, die sowohl die Mutter als auch den betreuenden Bruder vorläufig festnahm. Weil aber weder Flucht- noch Verdunkelungsgefahr bestand, wurden die beiden auf freien Fuß gesetzt. Eine Sonderkommission der Polizei wurde eingesetzt, die Staatsanwaltschaft Braunschweig ermittelt wegen Tötung durch Unterlassen.

Dort zeigte man sich am Dienstag schockiert angesichts des Ausmaßes der Vernachlässigung: "Der Mann war nur noch Haut und Knochen", sagte Sprecher Klaus Ziehe. "Wir stehen ratlos davor und fragen uns, wie jemand so etwas zulassen kann." Die extreme Unterernährung des Opfers lasse darauf schließen, dass er über Wochen, wenn nicht Monate nicht mehr versorgt wurde. In der Wohnung hätten katastrophale Zustände geherrscht, der Boden sei übersät gewesen mit verschimmelten Essensresten und Exkrementen, "schlimmer als in einem Messie-Haushalt", so der Sprecher.

Mutter bekam Pflegegeld

Laut Amtsgericht Salzgitter soll der 54-jährige Pflegebedürftige noch gehfähig gewesen sein, Nachbarn hingegen berichteten, er sei nicht mehr in der Lage gewesen zu laufen. Wie genau es um den Gesundheitszustand des Mannes stand, werden erst die Obduktionsergebnisse abschließend erhellen können. Sie werden in ein bis zwei Wochen erwartet.

Strafrechtlich sind weder Mutter noch Bruder des Opfers bisher in Erscheinung getreten. Der 46-Jährige hat laut Staatsanwaltschaft Arbeit, die Mutter soll dem Amtsgericht Salzgitter zufolge Pflegegeld bezogen haben. Wenn das so war, hätte aber mindestens halbjährlich ein Pflegedienst der Familie einen Kontrollbesuch abstatten müssen, um sicherzustellen, dass die Situation für alle Beteiligten tragbar ist. Ob dies geschehen ist, wusste man im Amtsgericht Salzgitter nicht zu beantworten.

Von der kompletten Verwahrlosung der Wohnung will niemand etwas mitbekommen haben. Verhängnisvoll - dass Menschen, die im Chaos leben, schwerlich in der Lage sein dürften, Angehörige zu pflegen, scheint offensichtlich. Die Mutter soll mit der Pflege überfordert gewesen sein, über eventuelle Erkrankungen oder Alkoholprobleme ist nichts bekannt. Die Frau soll jetzt begutachtet werden. "Es soll geklärt werden, ob sie überhaupt in der Lage war, ihrer Verantwortung nachzukommen", sagte Staatsanwalt Klaus Ziehe am Dienstag.

Betreuender Bruder erstattete jährlich Bericht

Bisher völlig unklar ist die Rolle des Betreuers: Zwar lebte er ebenfalls in Ringelheim. Ob er sich allerdings aktiv um seinen behinderten Bruder gekümmert hat, ist nicht bekannt. Bei seiner Vernehmung zeigte sich der Mann erschüttert: "Der 46-Jährige hat ausgesagt, das Opfer zuletzt vor drei Wochen gesehen zu haben", so Staatsanwalt Ziehe. Generell kann ein Betreuer haftbar gemacht werden, wenn er seine Pflichten verletzt - unabhängig davon, ob er vorsätzlich oder fahrlässig handelt. Laut Amtsgericht Salzgitter wurde der 46-Jährige 2003 als Betreuer bestellt, kurz nachdem der Vater verstorben war.

"Er hat sich verpflichtet, sich sowohl um die Gesundheit als auch die rechtlichen Belange des behinderten Bruders zu kümmern", sagte der zuständige Betreuungsrichter und Direktor des Amtsgerichts, Eckart Müller-Zitzke. "Einmal im Jahr hat er vorschriftsmäßig seinen Bericht eingereicht, nicht auf den Tag genau, aber formell einwandfrei." Nein, man habe nichts von den desaströsen hygienischen Bedingungen gewusst, unter denen die Familie lebte: "In diesem Fall wären wir doch sofort tätig geworden", so der Richter.

"Für mich ist dies ein krasser Ausnahmefall", betonte Müller-Zitzke. Man habe mehr als 2000 laufende Betreuungen in Salzgitter, allesamt "unauffällig und normal". "Die Betreuer, viele von ihnen ehrenamtliche, machen einen ausgezeichneten Job."

Auch Helmut Budroni, der an der Universität Witten-Herdecke familienorientierte und gemeindenahe Pflege lehrt, hält den Fall aus Salzgitter eher für eine Ausnahme. Er will von verschärften Kontrollen der Betreuer nichts wissen: "In der Regel greifen die vorhandenen Instrumentarien gut." Der Tod des Mannes sei traurig, zumal er sich mit Sicherheit lange vorher angekündigt hatte. "Eklatante Versorgungslücken können aber nicht durch Restriktion und Kontrolle, sondern nur durch mehr Hilfs- und Beratungsangebote geschlossen werden, die alle sozialen Schichten erreichen."

Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die bisweilen verhängnisvolle Abhängigkeit behinderter Menschen. Erst vor wenigen Tagen hatte eine Studie der Universität Bielefeld für Aufsehen gesorgt: Die Erhebung belegte, was immer befürchtet wurde: Tausende geistig behinderter Frauen wurden in deutschen Einrichtungen von Betreuern oder Bewohnern sexuell missbraucht.

In Deutschland leben die meisten der geschätzten 480.000 Menschen mit einer geistigen Behinderung bei ihren Familien. Experte halten dies in der Regel für die beste Variante. Den Pflegekassen ist das nur recht - schließlich ist die häusliche Pflege durch Angehörige in der Regel deutlich kostengünstiger. Der Überforderung und Ratlosigkeit unter den Familienmitgliedern will man mit sogenannten Pflegestützpunkten begegnen, die in vielen Kommunen angesiedelt sind, um Betroffenen Pflegeanleitung oder Beistand in Krisensituationen zu bieten.

Ein gutgemeintes Angebot, das am Anfang einer Krise helfen mag, jenen, die dafür zugänglich sind und davon wissen. Wer bereits tief im Sumpf von Einsamkeit und Verwahrlosung steckt, wird davon nichts mitbekommen.

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