Vermisste Kinder in Haiti Wo ist Stephanie?

Verschüttet, verschollen, vermisst: Von Zehntausenden Menschen in Haiti fehlt jede Spur. Auch die Deutsche Christiane P. bangt um das Leben ihrer kleinen Adoptivtochter Stephanie, die sie dieser Tage in Port-au-Prince abholen wollte. Wie geht es dem Kind?

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Hamburg - Es war der Tag, an dem sie zu ihr fliegen wollte, der Tag, auf den sie lange gewartet hatte. Nachmittags sollte es losgehen, um viertel vor drei mit Air France von Bremen nach Paris, weiter nach Guadeloupe und von dort nach Port-au-Prince. Ein langer Flug, eine anstrengende Reise, doch Christiane P. freute sich darauf, wie sie sich zuletzt nur selten gefreut hatte. Endlich würde sie ihre fast zweijährige Adoptivtochter Stephanie in die Arme schließen und mit nach Deutschland nehmen können.

Es war am Mittwochmorgen um 6.10 Uhr, als ihr Handy sie weckte, ein Bekannter schrieb: Hast du schon von dem Erdbeben in Haiti gehört? Da wusste Christiane P., dass die vielleicht wichtigste Reise in ihrem Leben vorbei war, ehe sie überhaupt begonnen hatte, viel mehr aber wusste sie in diesem Moment nicht. Vor allem nicht, wie es ihrer Tochter ging.

"Ich stehe völlig neben mir", sagt die Lehrerin nun SPIEGEL ONLINE, "und versuche auf allen Wegen, Informationen zu bekommen." Das Kinderheim "Au Bonheur des Enfants" in Port-au-Prince ist nicht zu erreichen, weder Festnetz- noch Mobilfunkverbindungen kommen derzeit nach und in Haiti zustande. "Ich bin wirklich verzweifelt." Quälend langsam vergeht die Zeit.

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Port-au-Prince: Tod, Verzweiflung und Wut
Regelmäßig telefoniert die 42-Jährige mit anderen betroffenen Adoptiveltern in Deutschland, sie sprechen sich gegenseitig Mut zu und beratschlagen sich: Wie können sie ihren Kindern helfen? Wie können sie die Kleinen aus dem gefährlichen Land bringen? "Was sollen wir bloß tun?", fragt Christiane P. Sie muss, und das ist wohl das Schlimmste überhaupt, warten.

Dabei hatte sie gedacht, dass das Warten in diesen Tagen ein Ende haben würde. Zwei Jahre schon dauert das Auslandsadoptionsverfahren, und als Christiane P. im August des vergangenen Jahres in Port-au-Prince zum ersten Mal das kleine Mädchen traf, das ihre Tochter sein würde, dachte sie, sie habe die schwerste Phase überstanden. "Das Glück war plötzlich so nah."

Nun wartet Christiane P. schon wieder - und die Unsicherheit ist größer denn je.

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Haiti: Inselstaat in der Erdbebenzone

Nach dem Erdbeben sind einer Hilfsorganisation zufolge zwei Millionen Kinder in Haiti einer akuten Gefahr ausgesetzt. Körperliche Verletzungen, die Trennung von Familien und psychische Traumatisierungen setzten sie einer Extremsituation aus, die ihr gesamtes Leben prägen werde, sagt Gareth Owen vom britischen Verein Save The Children.

"Keine Generation haitianischer Kinder in den vergangenen 100 Jahren hat ein Desaster solchen Ausmaßes erlebt", so Owen. "Viele sind verwaist oder schwer verletzt und dringend auf medizinische Hilfe angewiesen." Owen zeigt sich besorgt über Berichte, denen zufolge kleine Kinder verwirrt und orientierungslos durch die Straßen liefen und nachts im Freien neben den Leichen schliefen.

"Ein weiteres Problem sind Atemwegserkrankungen", erklärt Christian Meyer vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. "Weltweit sterben die meisten Kinder an Durchfall und an respiratorischen Erkrankungen. Die Zahl dieser Infektionen wird in Haiti zunehmen. Das ist immer so, und Kinder sind am stärksten gefährdet, was Infektionskrankheiten angeht."

Christiane P. will inzwischen über mehrere Ecken gehört haben, dass es den Waisen aus dem Heim in Port-au-Prince gut geht. "Ich wünsche mir das so sehr", sagt sie. Das Motto des Vereins, mit dessen Hilfe sie ihre Tochter Stephanie traf, lautet übrigens: "Kinder finden Eltern."

Christiane P. hofft, dass es auch andersrum gilt.

Mit Material von dpa und AFP

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