Vermisster Airbus Trümmer stammen von Air-France-Maschine

"Kein Zweifel": Die im Atlantik gesichteten Wrackteile stammen nach Angaben des brasilianischen Verteidigungsministers von der abgestürzten Air-France-Maschine. Für die Angehörigen der Passagiere und der Besatzung bedeutet das traurige Gewissheit - die Ursache des Unglücks ist weiter unklar.


Rio de Janeiro - Die vor der Küste Brasiliens georteten Wrackteile stammen nach Angaben der brasilianischen Regierung von dem Airbus der Air France, der am Montag mit 228 Menschen an Bord abgestürzt war. Daran gebe es "keinen Zweifel", erklärte der brasilianische Verteidigungsminister Nelson Jobim. Zuvor hatte ein Vertreter des französischen Generalstabs, Kapitän Christophe Prazuck, von einer "sehr ernsthaften Spur" gesprochen.

Eine Maschine der brasilianischen Luftwaffe habe eine Reihe von Wrackteilen sowie Öl- und Kerosinspuren über eine Länge von fünf Kilometern entdeckt, sagte der Minister: "Dies bestätigt, dass das Flugzeug in dem Gebiet abgestürzt ist". Zuvor hatte er in einem Hotel Angehörige der Insassen des Air-France-Fliegers unterrichtet. Es seien Metallgegenstände und Kabel entdeckt worden, die zu einem Airbus gehörten, betonte Jobim. Auch ein treibender Passagiersitz wurde gesichtet.

Die Fundstelle liegt 650 Kilometer nordöstlich der Inselgruppe Fernando de Noronha, ungefähr in der Nähe des letzten Funkkontakts. Möglicherweise habe der Pilot noch versucht, nach rechts abzudrehen, vermutete Brasiliens Luftwaffensprecher Jorge Amaral in Brasilia. "Vielleicht hat er versucht, nach Fernando de Noronha zurückzufliegen." Dass es Überlebende unter den 228 Insassen geben könnte, schloss Amaral aus.

Suche nach dem Flugschreiber

"Durchschnittlich wird in diesem Bereich eine Tiefe von 4000 Metern gemessen", sagte Moysés Tessler vom Ozeanologischen Institut der Universität São Paulo dem Internet-Portal globo.com. Die verunglückte Maschine ist mit Sendern ausgestattet, die im Fall eines Absturzes Funkimpulse ausstrahlen. Auch der Flugschreiber gibt Signale ab. Allerdings gilt es als unwahrscheinlich, dass die Geräte aus den Tiefen des Atlantiks geborgen werden können.

Unmittelbar bevor die Maschine am Montag von den Radarschirmen verschwand waren ein Dutzend automatischer Fehlerwarnungen gesendet worden, wonach sämtliche Systeme des Airbus A330-200 für drei Minuten außer Betrieb waren. Air France hatte davor vom Ausfall "mehrerer Apparate" gesprochen. Die Ursache der Katastrophe ist weiter unklar.

Die französische Regierung schickte ein Spezialschiff auf den Weg in die Zone mit den Wrackteilen. Es ist mit Tauchgeräten ausgestattet, die bis zu einer Tiefe von 6000 Metern arbeiten können.

Schiffe treffen am Mittwoch ein

Die brasilianische Luftwaffe hat bei der Suchoperation zehn Flugzeuge im Einsatz. Allerdings könnten die Wrackteile nicht aus der Luft geborgen werden, sagte ein Sprecher. Fünf Marine-Schiffe befinden sich auf dem Weg zu der Stelle, wo die Wrackteile gesichtet wurden. Das erste Schiff wird aber vermutlich erst am Mittwoch an der Fundstelle eintreffen. Auch drei Handelsschiffe halten sich in dem Seegebiet auf. Möglicherweise können sie dabei helfen, die auf Meer treibenden Flugzeugteile früher zu bergen.

SPIEGEL ONLINE

Bei der Suche nach der Unglücksursache helfen unterdessen vielleicht die Daten zweier Lufthansa-Maschinen. Der Uno-Fachabteilung World Meterological Organisation (WMO) zufolge sind die beiden Jets etwa eine halbe Stunde vor dem vermissten Air-France-Airbus auf derselben Route über den Atlantik geflogen. Ihre Aufzeichnungen zu Wind und Wetter könnten daher den Flugunfallermittlern von großem Nutzen sein, so ein WMO-Offizieller in Genf.

Ein Lufthansa-Sprecher sagte SPIEGEL ONLINE hingegen, zur fraglichen Zeit sei lediglich ein Flieger von Brasilien nach Deutschland verkehrt - und zwar von Sao Paulo nach Frankfurt. "Es gab dabei keine besonderen Vorkommnisse."

Opfer auch aus Deutschland

Unter den Passagieren an Bord des abgestürzten Airbus waren 26 Deutsche, auch eine fünfköpfige Familie aus Baden-Württemberg. Derzeit würden mit den Behörden verschiedener Bundesländer alle Informationen geprüft, sagte ein Sprecher des Außenministeriums in Berlin. Neun Passagiere, sechs Männer und drei Frauen, sollen einen Weiterflug nach München gebucht haben. Elf Reisende wollten nach Stuttgart reisen, sechs hatten einen Abschlussflug nach Berlin gebucht, hieß es.

Unter den deutschen Opfern ist möglicherweise auch ein Mann aus Potsdam. Er soll den "Potsdamer Neuesten Nachrichten" zufolge unter Berufung auf dessen Familie und Freundeskreis an Bord gewesen sein. Auch eine Darstellerin eines Stuttgarter Musicals soll mitgeflogen sein. Ein Sprecher des Veranstalters Stage Entertainment bestätigte einen Bericht des "Kölner Express", wonach die 29-jährige Juliana de A. in dem Flugzeug saß.

An Bord soll auch eine Familie aus Fellbach bei Stuttgart gewesen sein. Diese Vermutung "hat sich bestätigt", sagte ein Sprecher der Stadtverwaltung. Es handle sich um ein Ehepaar und deren zwei Töchter sowie eine Enkelin. Weitere Details konnte er zunächst nicht nennen. Zu den Verunglückten zählen zudem ein Vorstandsmitglied von ThyssenKrupp Steel sowie ein weiterer Mitarbeiter des Unternehmens. Der Duisburger Konzern bestätigte das.

Sprecher der Hamburger Innenbehörde und der Polizei teilten mit, dass auch zwei Frauen aus Hamburg an Bord der Unglücksmaschine waren. Nähere Angaben zu den Vermissten wurden nicht gemacht. Medienberichte, wonach ein Mann aus Bremen in der Maschine gesessen haben soll, wollte ein Polizeisprecher bis zum späten Nachmittag nicht bestätigen.

Sarkozy und Obama äußern Bestürzung

US-Präsident Barack Obama sprach den Familien der Opfer sein Beileid aus. "Wir sind bestürzt über den Vorfall, auch wenn wir noch nicht genau wissen, was passiert ist", sagte er dem französischen Sender i-tele.

Der Absturz der A330-200 ist die schwerste Katastrophe in der zivilen Luftfahrt seit 2001. Damals waren beim Absturz einer American-Airlines-Maschine kurz nach dem Start in New York 265 Menschen ums Leben gekommen. Es ist zudem die schwerste Katastrophe in der Geschichte von Air France. Beim Absturz eines Überschallflugzeugs vom Typ Concorde vor neun Jahren starben 113 Menschen.

Der französische Präsident Nicolas Sarkozy will die Angehörigen in den kommenden Tagen im Élysée-Palast empfangen. Die Regierung bot Familienmitgliedern an, in das Gebiet zu reisen, in der nach dem Flugzeug gesucht wurde. Am Mittwoch sollte es einen ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Pariser Kathedrale Notre-Dame geben.

Unglücksursache weiter unklar

Experten diskutierten weiter über die möglichen Ursachen des Absturzes. Air France hatte von einem Blitzeinschlag gesprochen. Die Maschine flog durch eine Zone, die für schwere Unwetter bekannt ist. Möglicherweise waren im Gewitter die Antennen und das Radar der Maschine zerstört worden.

Das Unglück hat nach Angaben der Pilotenvereinigung Cockpit keine unmittelbaren Auswirkungen auf die Arbeit der Flugkapitäne. Die Verbindung zwischen Brasilien und Frankreich sei eine "Routinestrecke", sagte Sprecher Jörg Handwerg. Das Unglück habe bei den Piloten "tiefe Betroffenheit" ausgelöst. "Es geht uns auch persönlich nahe, wenn so ein Unglück geschieht."

ore/AFP/AP/Reuters/dpa

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