Versagen des "Concordia"-Kapitäns "Gehen Sie verdammt noch mal an Bord!"

Ein wütender Offizier, der Leben retten will, und ein verängstigter Schiffsführer ohne Willenskraft: Der Mitschnitt eines Gesprächs zwischen der Hafenkommandantur und dem Kapitän der havarierten "Concordia" zeigt, dass der Hauptverantwortliche sein Schiff mit Hunderten Passagieren im Stich ließ.

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Hamburg - Es ist ein hochbrisantes Audio-Dokument, das am Dienstag über italienische Medien den Weg in die Öffentlichkeit fand: Um 1.46 Uhr in der Nacht zum Samstag ruft Gregorio Maria De Falco von der Hafenkommandantur in Livorno den Kapitän der havarierten "Costa Concordia" an.

Der "Corriere Fiorentino" veröffentlichte den Mitschnitt des Gesprächs: Die Antworten von Kapitän Francesco Schettino lassen darauf schließen, dass er sein Schiff und die Passagiere in Seenot im Stich ließ und das Geschehen von der Insel Giglio aus betrachtete, ohne die Behörden zu informieren. Während De Falco den Kapitän beharrlich auffordert, endlich an Bord des havarierten Schiffs zu gehen, schweigt dieser fast die ganze Zeit. Schettino nuschelt, wird ermahnt, lauter zu sprechen und versucht sich herauszureden.

"Hören Sie, Schettino..."

"Ich sorge dafür, dass Sie echte Schwierigkeiten bekommen"

"Schettino? Hören Sie Schettino. Es gibt Menschen, die an Bord eingeschlossen sind", ermahnt De Falco den Kapitän und versucht, seinem offenbar überforderten Gegenüber möglichst klare Anweisungen zu geben. "Sie fahren jetzt mit Ihrem Rettungsboot unter die rechte Seite des Bugs. Da ist eine Leiter. Sie gehen die Leiter hoch und an Bord des Schiffs. Sie gehen an Bord und sagen mir, wie viele Personen dort sind. Ist Ihnen das klar?" De Falco drängt und fordert, doch der Kapitän scheint vollkommen unzugänglich zu sein. De Falco droht ihm mit dienstlichen Konsequenzen - vergeblich: "Sie haben sich vielleicht aus dem Meer gerettet, aber (…) ich sorge dafür, dass Sie echte Schwierigkeiten bekommen …Gehen Sie verdammt noch mal an Bord!"

Auf den Hinweis des Offiziers, dass bereits Leichen gesichtet worden seien, fragt Schettino: "Wieviele Leichen gibt es?" Darauf De Falco fassungslos: "Ich weiß das nicht. Von einer weiß ich. Ich habe von einer gehört. Aber Sie müssen mir das doch sagen, Jesus."

Bei seiner Anhörung am Dienstagmittag räumte Francesco Schettino ein, zum Zeitpunkt der Kollision des Kreuzfahrtschiffs das Kommando gehabt zu haben. Bei einem dreistündigen Haftprüfungstermin stand er Rede und Antwort. Über einen Seiteneingang hatte Schettino gegen 9.40 Uhr das Gerichtsgebäude in Grosseto betreten. Über seinen Anwalt ließ er vorher verbreiten, dass sein Not-Manöver, bei dem er in der Nacht zum Samstag das Schiff laut eigener Aussage näher an die Küste gefahren hatte, "all diese Leben gerettet hat".

Die Ermittler hatten sich entsetzt gezeigt angesichts der gefährlichen Fahrt des riesigen Schiffes in Ufernähe, "erschüttert von der Gedankenlosigkeit eines so verwegenen Manövers". Der Vorgang sei unentschuldbar, wetterte Staatsanwalt Francesco Verusio.

Kapitän Schettino unter Hausarrest

Am Dienstagabend entschied die Richterin von Grosseto, Valeria Montesarchio, Francesco Schettino unter Hausarrest zu stellen. Ihrer Entscheidung war eine dreistündige Anhörung des Kapitäns vorausgegangen. Wie italienische Medien berichten, könnte er die Untersuchungshaft bereits am Mittwochmorgen verlassen. Die Staatsanwaltschaft hatte hinsichtlich einer möglichen Fluchtgefahr zuvor eine Verlängerung der Untersuchungshaft für den Kapitän gefordert, an den Anschuldigungen gegen ihn habe sich nichts geändert.

Schettino wird mehrfache fahrlässige Tötung, Havarie und das Verlassen des Schiffs während der Evakuierung vorgeworfen. Bei einer Verurteilung muss Schettino laut Staatsanwalt Francesco Verusio aus Grosseto mit einer Haftstrafe von 15 Jahren rechnen.

Der Zweite Offizier Diego Scarpato wurde bereits in der Nacht zum Dienstag vernommen. Er berichtete, er habe in Abwesenheit des Kapitäns zusammen mit den auf der Brücke Anwesenden beschlossen, die Evakuierung einzuleiten. Schettino habe den Befehl aus Unentschlossenheit nicht gegeben, obwohl sich die Situation dramatisch zugespitzt habe.

"Erschöpft, bestürzt, gramerfüllt und sehr verwirrt"

Schettino gilt als Hauptverantwortlicher für das Unglück. Er soll eigenmächtig von der offiziellen Route abgewichen sein und nach dem Unglück viel zu spät die Evakuierung des Luxusliners angeordnet haben. Italienischen Medienberichten zufolge begann die Besatzung schließlich eigenmächtig mit der Evakuierung - 15 Minuten, bevor die Anweisung des Kapitäns kam.

Während die Welt über seine Motive rätselt, sitzt er zunächst mit zwei Zellengenossen im Gefängnis von Grosseto. Schettinos Anwalt beschreibt den Zustand seines Mandanten als "erschöpft, bestürzt, gramerfüllt und sehr verwirrt". Nach außen hin bewahre er Ruhe, hieß es, er gebe sich der Verzweiflung nicht hin, fluche oder weine nicht. Dennoch sei das Personal beauftragt worden, häufig nach Schettino zu sehen. Der Kapitän sei bereits von einem Psychologen aufgesucht worden.

Am Dienstag wurden fünf weitere Leichen aus dem Wrack vor der Insel Giglio geborgen. Sie seien am Dienstag im überfluteten Heckteil des gekenterten Kreuzfahrtschiffs entdeckt worden, berichtete die Nachrichtenagentur Ansa am Nachmittag. Damit erhöht sich die Zahl der gefundenen Toten auf elf. Es würden noch 23 Menschen vermisst, hieß es. Über der Zahl der Gesuchten gibt es allerdings weiterhin widersprüchliche Angaben.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) sagte, der Krisenstab gehe weiter von zwölf deutschen Vermissten aus. Meldungen, wonach sich unter den "aufgefundenen identifizierten Toten auch ein Deutscher befinden soll" wollte Westerwelle zunächst nicht bestätigen. Er forderte, den Ursachen der Katastrophe nachzugehen und die Verantwortlichen für die Katastrophe "nach Recht und Gesetz" zur Verantwortung zu ziehen.

ala

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