Vertriebene Juden aus Spanien und Portugal Ein Pass für die Nachfahren

Ende des 15. Jahrhunderts stellten Spanien und Portugal jüdische Bürger vor die Wahl: katholisch werden oder das Land verlassen. Mehr als fünf Jahrhunderte später stellen beide Länder den Nachfahren nun eine Wiedereinbürgerung in Aussicht.

Eine Illustration von etwa 1754 dokumentiert die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492. Nun sollen die Nachfahren neue Pässe bekommen.
Getty Images/ Universal History Archive

Eine Illustration von etwa 1754 dokumentiert die Vertreibung der Juden aus Spanien im Jahr 1492. Nun sollen die Nachfahren neue Pässe bekommen.


Madrid/Lissabon - Die Vertreibung der Juden aus Spanien und Portugal liegt über 500 Jahre zurück. Heute sehen die Regierungen in Madrid und Lissabon in der damaligen Entscheidung ihrer Königshäuser einen "historischen Irrtum" und wollen eine Art Wiedergutmachung leisten. Beide Länder bieten Nachkommen der Vertriebenen an, die spanische oder portugiesische Staatsangehörigkeit beantragen zu können.

Spaniens katholische Könige - Königin Isabella und König Ferdinand - hatten jüdische Bürger 1492 ultimativ vor die Wahl gestellt, zum Katholizismus zu konvertieren oder das Land zu verlassen. Ein Teil der Vertriebenen zog nach Portugal.

Dort verfolgte König Manuel I. anfangs eine tolerante Linie, gab diese aber bald auf, als er die Tochter des spanischen Königspaars - Isabel - heiraten wollte. 1497 verfügte er die Ausweisung der Juden aus Portugal, die nicht zum katholischen Glauben überwechseln wollten.

Gesetzentwurf im spanischen Parlament, in Portugal schon durch

In Spanien liegt dem Parlament seit Monaten ein Gesetzentwurf vor, der Juden spanischer Abstammung die Möglichkeit einräumt, spanische Pässe zu beantragen. Die Antragsteller müssen dazu nicht auf ihre jetzige Staatsbürgerschaft verzichten. Die Linksopposition unterstützt das Vorhaben, will aber erreichen, dass auch die Nachfahren der im 17. Jahrhundert vertriebenen Mauren eine ähnliche Offerte erhalten.

In Portugal verabschiedete die Regierung in der vorigen Woche eine Verordnung, wonach Juden portugiesischer Abstammung die Staatsbürgerschaft erhalten können. "Wir haben lange gebraucht, bis wir uns mit diesem Thema beschäftigt haben", räumte Justizministerin Paula Teixeira da Cruz ein und fügte hinzu: "Wirklich reparieren kann man den historischen Schaden nicht mehr."

Niemand kann abschätzen, wie viele Anträge eingehen werden. "Wir gehen von etwa 90.000 Antragstellern aus", sagte ein hoher Beamter des Madrider Justizministeriums der Zeitung "El País". "Wenn es 200.000 sein werden, ist das auch kein Problem. Wir sind uns bewusst, dass wir ein neues Kapitel in der Geschichte aufschlagen."

3,5 Millionen Sefarden weltweit

Nach Schätzungen von Historikern hatten Ende des 15. Jahrhunderts mehr als 100.000 spanische Juden die Iberische Halbinsel verlassen. Wie viele zum Katholizismus konvertierten, ist nicht bekannt. Die Vertriebenen ließen sich in Nordafrika, auf dem Balkan - vor allem in Thessaloniki -, in Italien sowie in Amsterdam, Antwerpen oder Hamburg nieder. Viele von ihnen behielten über Generationen eine enge Bindung zur spanischen Kultur, einige bewahrten gar die Schlüssel zu den Häusern auf, aus denen sie vertrieben worden waren.

Heute wird die Zahl der Sefarden, der Juden spanischer Abstammung, weltweit auf mehr als 3,5 Millionen geschätzt. Wer einen spanischen oder portugiesischen Pass beantragen möchte, muss den Nachweis einer Bindung zur Iberischen Halbinsel erbringen. Dies kann durch Bescheinigungen der jüdischen Gemeinden sowie durch Kenntnisse der Sprache "Ladino" erbracht werden, die im Mittelalter von den Juden auf der Iberischen Halbinsel gesprochen wurde.

"Wir werden jeden Test bestehen, denn wir tragen Spanien im Herzen", sagte der Anwalt Elías Laredo "El País" in Jerusalem. Isaac Querub, Präsident des Verbandes der jüdischen Gemeinden in Spanien, meinte: "Spanien ist zusammen mit Israel unser Zuhause."

Hubert Kahl, dpa/gam



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