Gerettete Christin aus dem Sudan "Die Tortur ist vorbei"

Die Sudanesin Mariam Yahya Ibrahim heiratete einen Christen und sollte deshalb hingerichtet werden. Nach der Aufhebung des Todesurteils wurde die Frau nun bei der Einreise in die USA bejubelt - ein unbeschreibliches Gefühl, sagte ihr Mann.

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Manchester - Als die Familie das Terminal betrat, brach Jubel aus: Mehrere Dutzend Unterstützer haben der Sudanesin Mariam Yahya Ibrahim und ihrer Familie am Flughafen von Manchester im US-Bundesstaat New Hampshire einen herzlichen Empfang bereitet. Die Gruppe sang für die Ankömmlinge, schwenkte US-Flaggen, hielt Ballons und Schilder hoch und überreichte Blumen.

Ibrahim, ihr Mann Daniel Wani und die beiden Kinder des Paares waren mit einer Maschine aus Rom gekommen. Nach einem Zwischenstopp in Philadelphia war der Flug nach Manchester die letzte Etappe eines qualvollen Weges. "Ich kann das Gefühl nicht beschreiben", sagte Daniel Wani, Tränen in den Augen. "Wir sind so müde. Die Tortur ist vorbei." Ibrahim lächelte, winkte den Menschen zu. Sie selbst äußerte sich nicht.

Zu erzählen hätte sie viel. Die 27-Jährige ist in ihrer Heimat Sudan einer Hinrichtung entgangen. Weil sie 2011 Wani - einen Christen - geheiratet hatte, war Ibrahim im Mai zum Tode durch den Strang verurteilt worden. Laut der sudanesischen Auslegung des islamischen Rechts der Scharia darf eine Muslimin keinen Christen heiraten. Tut sie es dennoch, wird dies als Ehebruch gewertet.

Zwischenstopp in Italien

Ibrahim wurde von ihrer äthiopischen Mutter im christlich-orthodoxen Glauben erzogen, nachdem ihr muslimischer Vater die Familie verlassen hatte, als sie fünf Jahre alt war. Im Sudan gelten Kinder eines muslimischen Vaters jedoch automatisch als Muslime, der Übertritt zu einem anderen Glauben ist verboten. Ibrahim war kurz vor ihrer Heirat zum Katholizismus übergetreten.

Das Todesurteil stieß international auf Empörung, eine Petition forderte die Aufhebung des Schuldspruchs. Am 27. Mai brachte Ibrahim im Gefängnis eine Tochter zur Welt, während ihre Beine angekettet waren, wie die junge Frau dem Sender CNN erzählte. Ob das Neugeborene durch die Zustände bei der Geburt bleibende Schäden erlitten habe, sei noch nicht klar, sagte Ibrahim damals.

Im Juni kippte das höchste sudanesische Gericht das Todesurteil. Ibrahim kam frei, wurde wenig später aber wieder festgenommen. Die sudanesische Regierung beschuldigte sie, beim Ausreiseversuch in die USA gefälschte Papiere verwendet zu haben. Ibrahim, Wani und die Kinder suchten in der US-Botschaft in Khartum Schutz. Schließlich gelang die Ausreise nach Italien, in Rom traf die Familie Papst Franziskus. Nun ging es weiter in die USA.

"Sie wollen sich ausruhen"

Was hat die Familie dort vor? Sie will sich in Manchester niederlassen, einer 110.000-Einwohner-Stadt nördlich von Boston. Rund 500 Sudanesen leben dort, darunter Wanis Schwager Gabriel. Auch er war am Flughafen. "Wir werden sie nach Hause bringen", sagte er. "Sie wollen sich ausruhen."

Daniel Wani hat schon einmal in den Vereinigten Staaten gelebt. Er hatte die US-Staatsbürgerschaft bekommen, als er als Kind vor dem Bürgerkrieg im Land flüchtete und in New Hampshire unterkam. Später kehrte er nach Afrika zurück.

Pfarrer Monyroor Tengvon der Sudanese Evangelical Covenant Church in Manchester sieht im Fall Ibrahim ein Zeichen der Hoffnung. "Für mich ist es ein Wunder, ich hätte so etwas im Sudan nicht für möglich gehalten."

ulz/AP/Reuters

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