Verwüstete Südstaaten "Katrinas" tödliche Wellen überfluten New Orleans

New Orleans steht zum Großteil unter Wasser, in Mississippi und Alabama kämpfen sich die Rettungskräfte durch meterhohe Trümmerberge, Tausende Menschen sind noch immer von den Fluten eingeschlossen. Hurrikan "Katrina" hat Landstriche über Hunderte von Kilometern verwüstet.


Überflutetes New Orleans: "Völlig verwüstet"
AP Photo/The Dallas Morning News, Smiley N. Pool

Überflutetes New Orleans: "Völlig verwüstet"

New Orleans/Washington - Mindestens 80 Menschen riss der Hurrikan in den Tod. Das ganze Ausmaß der Zerstörung ist auch 24 Stunden nach der Katastrophe noch nicht abzusehen: Allein an der Küste von Mississippi starben nach Schätzung von Gouverneur Hale Barbour wahrscheinlich 80 Menschen. Auch in Louisiana und Alabama standen Zehntausende Menschen fassungslos vor den Trümmern ihrer Existenz.

In den Bundesstaaten Louisiana, Mississippi und Alabama sitzen noch immer Tausende Anwohner in ihren überfluteten Häusern oder auf Dächern fest. Weite Teile der Region standen unter Wasser, eine Million Menschen waren ohne Strom, unter den Trümmern eingestürzter Häuser wurden weitere Opfer befürchtet.

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In New Orleans spielten sich dramatische Szenen ab: Ein Dammbruch setzte 80 Prozent der Stadt unter Wasser, in manchen Vierteln versanken Häuser bis zur Dachkante. Verzweifelte Menschen, die auf die Dächer geklettert waren, schrien um Hilfe. Die Küstenwache zog nach Angaben von Sprecher Dave Callahan mit Seilen mehr als 300 Menschen in Sicherheit. Auf manchen Dächern waren Retter mit Hacken im Einsatz. Sie rissen Löcher in die Dachstühle, um Eingeschlossenen Fluchtwege zu schaffen.

In Mississippi und Alabama kämpften sich Rettungskräfte durch meterhohe Trümmerberge und Schlammhaufen, um Eingeschlossene zu erreichen. Den Einwohnern von Biloxi stand das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben: Hier war "Katrina" mit voller Wucht an Land gekommen und hatte eine sechs Meter hohe Flutwelle durch die Straßen getrieben. Mindestens ein Wohnhaus stürzte wie ein Kartenhaus ein und begrub vermutlich mehr als 30 Menschen unter sich.

Bundesumweltminister Jürgen Trittin warf derweil den USA vor, zu wenig für den Klimaschutz zu tun. Die Häufung von Naturkatastrophen wie Hurrikans könne man nur mit der von Menschen verursachten Erderwärmung erklären, sagte Trittin im ZDF. Umweltschützer forderten eine Kehrtwende in der amerikanischen Klimapolitik.

Die versicherten Gesamtschäden durch den Hurrikan könnten zwölf bis 26 Milliarden Dollar (zehn bis 21 Milliarden Euro) betragen, schätzt die auf die Risiko-Analyse von Katastrophen und Wetter spezialisierte US-Firma AIR Worldwide Corporation. Damit sei "Katrina" möglicherweise die teuerste Naturkatastrophe der USA. Zum Vergleich: 2004 hatten dort vier Hurrikane insgesamt Versicherungsschäden von 22,9 Milliarden Dollar verursacht. Reiseveranstalter forderten Touristen auf, wenigstens zehn Tage mit einer Reise in die betroffenen Gebiete zu warten. Einige Unternehmen bieten kostenlose Umbuchungen an.

Das Rote Kreuz der USA kündigte die größte Rettungsaktion seiner Geschichte an. Aus dem ganzen Land machten sich Freiwillige auf den Weg in Richtung Süden. Das Rote Kreuz hatte nördlich des Katastrophengebiets schon Material für Suppenküchen und Essensrationen zusammengebracht. "Wenn Mutter Natur sich von der schlimmsten Seite zeigt, zeigt sich das Rote Kreuz von seiner besten", sagte Lois Grady-Wesbecher, Leiterin des Katastropheneinsatzes.

In Gulfport, einer Stadt mit 70.000 Einwohnern, waren 75 Prozent der Dächer schwer beschädigt und teilweise abgedeckt. Es handele sich um "totale Zerstörung", sagte Feuerwehrchef Pat Sullivan. Drei der fünf Krankenhäuser der Stadt mussten ihre Notaufnahmen schließen.

Gespenstisch war die Lage in New Orleans. Am Pontchartrain-See direkt an der Stadt brach ein Damm auf etwa 50 Metern Länge. Das Wasser schwappte in die Straßen und stieg immer höher. 80 Prozent der Stadt glichen einem See, sagte Bürgermeister Ray Nagin.

Hilfstrupps mussten alle Rettungsversuche wegen der gefährlichen Stromleitungen unter der Wasseroberfläche vorübergehend einstellen. Am Nachmittag hieß es, auch die Dämme, die die Stadt vor den Fluten des stark angeschwollenen Mississippi schützen, seien in Gefahr.

"Katastrophal" war die Balkenüberschrift der Lokalzeitung "Times Picayune". Auf dem Foto darunter war ein alter Mann zu sehen, der bis zum Hals im Wasser stand und von Feuerwehrleuten gerettet wurde. "Es könnte Wochen oder Monate dauern, bis die Menschen in die Stadt zurückkönnen", sagte Bürgermeister Nagin.

In weiten Landstrichen des Katastrophengebietes war die Stromversorgung unterbrochen. In 1,3 Millionen Haushalten, Geschäften und Unternehmen in Louisiana, Mississippi und Alabama blieb es dunkel. Telefone funktionierten nicht mehr. In New Orleans und Gulfport (Mississippi) wurden Plünderer gesichtet. Über Mobile (Alabama) wurde eine Ausgangssperre verhängt.

"Katrina" hat auf ihrem Weg nach Nordosten inzwischen an Kraft verloren und ist in der Nacht zum Tropensturm herabgestuft worden. In Tennessee und Ohio wird mit erheblichen Niederschlägen gerechnet.

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