Verwüstetes Onagawa Tsunami-Opfer flohen auf Kernkraftwerksgelände

Am Reaktor von Onagawa brennt es noch, das nordostjapanische Städtchen wurde von dem Tsunami fast völlig zerstört. Die Hälfte der Einwohner floh vor der Monsterwelle - einige offenbar ausgerechnet auf das Gelände des dortigen Kernkraftwerks.

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Tokio/Onagawa - Zwei Reaktoren des Kraftwerks Fukushima 1 sind außer Kontrolle, ein Kühlsystem im Kraftwerk Tokai ist ausgefallen - und am Sonntagnachmittag sorgte eine weitere Schreckensmeldung über einen neuen Atomalarm für Aufregung.

Wegen eines teils stark erhöhten Strahlungswerts nahe des Kraftwerk Onagawa am Sonntagmorgen hatten die japanischen Behörden auch für diese Anlage den nuklearen Notfall ausgerufen, meldete die Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) in Wien. Der Betreiber habe die Situation aber als niedrigste Stufe des nuklearen Notfalls eingeschätzt. Man habe die drei Reaktoren in dem Atomkraftwerk unter Kontrolle.

Von Samstagabend auf Sonntagmorgen waren die Radioaktivitätsmesswerte in Kraftwerksnähe nach oben geschossen. Das Strahlungsniveau sei niedrig, aber 700-mal so hoch wie normal, sagte ein Sprecher des Betreibers Tohoku Electric Power der Nachrichtenagentur Kyodo. Die Strahlungsintensität betrage innerhalb der Gebäude zehn Mikrosievert in der Stunde. Außerhalb der Anlage wurden 21 Mikrosievert gemessen. Man untersuche momentan die Ursache. Es könnte sein, dass die Radioaktivität in dem Gebiet auch von dem gut 150 Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fukushima stammt und mit dem Wind nach Onagawa gelangt war.

Erdbebenforscher: Monsterwelle war mancherorts bis zu zehn Meter hoch

Die Meldungen zur Lage in Onagawa bleiben widersprüchlich. Am Atomkraftwerk war am Freitagnachmittag bereits kurz nach dem stärksten Erdbeben in der Geschichte Japans ein Feuer ausgebrochen. Die Reaktoren hatten sich wegen der Erdstöße automatisch abgeschaltet. Auch am Sonntag waren die Flammen noch nicht gelöscht, die Feuerwehr bekämpfe weiterhin einen Brand im Turbinenhaus des Kraftwerks, berichtet die Zeitung "Asahi". Am Samstag hatte es geheißen, in den Reaktoren der Atomanlage in Onagawa würden Vorbereitungen getroffen, um "kontrolliert" Dampf aus den Reaktoren abzulassen.

Geschähe dies tatsächlich, könnte sich die Rettungsaktion für den Reaktor zu einer humanitären Katastrophe für die vom Tsunami schwer verwüstete Stadt auswachsen. Nach übereinstimmenden Berichten vom Freitag hatten sich nämlich Einwohner der zerstörten Kleinstadt auf das drei Kilometer südöstlich gelegene Kraftwerksgelände geflüchtet.

Rund 200 Menschen sollen sich am Freitag auf das Gelände des Kernkraftwerks in Sicherheit gebracht haben, als die Flutwellen an Land walzten, berichtete der öffentlich-rechtliche Sender NHK. Auch die Nachrichtenagentur Kyodo meldet, von den rund 4400 Evakuierten des 10.000-Einwohner-Städtchens seien einige auf das Kernkraftwerksgelände gebracht worden, zitiert die Agentur einen Sprecher der Provinzbehörden von Miyagi.

In Onagawa wirkte sich der Tsunami nach Einschätzung eines japanischen Erdbebenexperten besonders verheerend aus. "Gemessen an den Schäden, die ich an Gebäuden in Onagawa gesehen habe, muss sich der Tsunami förmlich in die Bucht gequetscht haben", sagte Kenji Satake, Professor am Erdbebenforschungsinstitut der Universität Tokyo der Tageszeitung "Asahi". Dadurch habe sich die Welle auf bis zu zehn Meter Höhe aufgetürmt.

Die IAEA bot Japan erneut ihre Hilfe bei dem Umgang mit den Folgen des Erdbebens und des Tsunamis an. Es gebe eine spezielle IAEA-Einheit, die Mitgliedstaaten in Krisensituationen helfen könne. Das Reaktions- und Hilfsnetzwerk RANET bestehe aus Staaten, die im Falle eines nuklearen Notfalls spezielle Hilfe leisten könnten. Die IAEA kann bei Atomunfällen nur aktiv werden, wenn sie der betroffene Staat darum bittet.

cht/dpa/Reuters/AFP

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