Verwüstung nach Zyklon "Nargis" Tausende Leichen verseuchen Trinkwasser in Burma

Die humanitäre Katastrophe in Burma nimmt immer größere Ausmaße an. Im Irrawaddy-Delta, einst die Reiskammer des Landes, fristen Überlebende neben Tausenden Leichen ihr Dasein. Die Armee lässt sich dort nicht blicken - und verhindert, dass internationale Helfer in die Region vordringen.


Rangun - "Niemand ist zu uns gekommen", sagt Reisbauer Kyi Aye. Der Mann lebt in einem Dorf südlich der Stadt Maubin im Irrawaddy-Delta - und steht seit der Nacht zum vergangenen Samstag, als der Zyklon "Nargis" über dem Süden Burmas wütete, vor den Trümmern seiner kärglichen Existenz.

"Sehr große Angst" hatten er und seine Familie, als "Nargis" wie ein wütendes Monster aus Sturm und Regen übers Land kam, die Flüsse aus ihren Betten drückte, die Ernte niederwalzte und mit salzigem Meerwasser bedeckte.

Hilfe kommt nicht. Die Armee lässt sich nicht blicken, die internationalen Hilfsorganisationen werden nicht ins Delta vorgelassen. "Wir werden das alles wohl selbst wieder aufbauen müssen", sagt Kyi Aye dem Korrespondenten des britischen "Independent", Andrew Buncombe.

"Die großen Reisflächen, die das Delta einst zu einer der ertragreichsten Reisanbauregionen der Welt machten, sind jetzt eine große Wanne, aus der langsam das Salzwasser abfließt", schreibt Buncombe - einer der wenigen Journalisten, die überhaupt über die Situation vor Ort berichten können. "Was man hier sieht, ist eine Katastrophe, deren Ausmaß noch zu spüren sein wird, lange nachdem die ersten Schäden beseitigt sind."

Den Überlebenden droht Tod durch Seuchen, Durst, Hunger

Was sich zurzeit in Burma abspielt, ist an Zynismus nicht zu überbieten: Die internationale Hilfsmaschinerie, deren Organisationen über eine ausgefeilte und erprobte Katastrophen-Choreographie verfügen, darf nicht starten - Burmas Militärregierung will offenbar bis zur Volksabstimmung über eine neue Verfassung am Samstag nicht zu viele Fremde ins Land lassen.

Während also frustrierte Helfer jenseits der Grenzen sitzen und auf Visa warten, während Flieger, mit Tonnen von Hilfsgütern bepackt, nicht Richtung Burma abheben dürfen, droht den Überlebenden des Zyklons der Tod durch Seuchen, drohen Durst und Hunger.

"Wenn man sonst in ein Krisengebiet kommt, das von einer Naturkatastrophe heimgesucht wurde, dann wimmelt es in den Straßen von Helfern", schreibt der BBC-Korrespondent Paul Danahar. "Die Straßen hier im Irrawaddy-Delta sind - leer."

"Man fährt um eine Biegung und sieht ein Dorf, das vom Zyklon buchstäblich weggewischt wurde", berichtet Danahar. "Man sieht Menschen, die in den Trümmern nach Essbarem suchen oder nach einem Stück Wellblech, um ihre Häuser wieder aufzubauen."

Die Menschen leben jetzt mit Tausenden Leichen

Während sich Nahrung und Schutz vor den Elementen finden lassen, sei das Trinkwasser total verseucht. "Die Menschen, die "Nargis" überstanden haben, leben jetzt mit Tausenden Leichen. Ihre Umgebung ist verseucht, ihre Wasserzufuhr."

Bei vergleichbaren Katastrophen seien die Opferzahlen am dritten oder vierten Tag in die Höhe geschnellt - dann haben sich Hilfskräfte üblicherweise soweit organisiert, dass sie einen Überblick haben.

Wo steckt die Armee, 400.000 Mann stark? Der BBC-Reporter zitiert einen Burmesen aus Rangun, der ihm sagte: "Als es hier im vergangenen Jahr Demonstrationen gab, waren die Soldaten überall. Wo sind die jetzt?"

"Die Situation im Delta wird immer grauenvoller", sagt Shari Villarosa von der US-Botschaft in Rangun dem TV-Sender CNN.

Zufahrtswege sind weggespült worden, Brücken sind zerstört. Helikopter könnten nicht landen, selbst wenn welche zur Verfügung stünden, denn das Land steht unter Wasser. Der Monsun verhindert, dass die Wassermassen abziehen.

Jeder Tag, an dem Burma keine Visa ausstellt, kostet Leben

Dem US-Botschafter in Thailand, Eric C. John, sind die Strapazen der vergangenen Tage deutlich anzusehen. Mit dunklen Ringen unter den Augen setzte er sich am Donnerstagnachmittag mit seinen beiden Kollegen von USAID vor die Presse in Bangkok.

Wieder einmal hat er schlechte Nachrichten. Nein, die zuvor überraschend bekanntgegebene Zusage der burmesischen Regierung für Hilfsflüge der USA, er kann sie nicht bestätigen. "Am Morgen dachten wir, wir hätten eine Zusage", sagte Eric C. John, "doch es war wohl ein Missverständnis."

Was genau passiert war, bleibt unklar. Völlig überraschend hatte zuvor ein General der thailändischen Armee bekanntgegeben, dass die burmesische Regierung Hilfsleistungen durch die USA genehmigt hätte und die ersten Transporte schon bald Thailand verlassen könnten. Doch die Erleichterung darüber erwies sich als verfrüht.

Fest stand am Nachmittag einzig, dass die 23 bereitgestellten Transportjets des Typs C-130 vorerst in Thailand bleiben müssen und keine Hilfsgüter in die Katastrophenregion bringen können. Der Botschafter mühte sich sichtlich, optimistisch zu bleiben. "Ich bin sicher, dass das Regime unser Angebot weiterhin prüft", sagte er. Mehrmals betonte er, dass es "bisher" noch keine Entscheidung gebe.

Die Verbitterung auf Seiten des US-Diplomaten war deutlich zu erkennen. "Es ist frustrierend, wenn ich diese Tragödie sehe und auch, dass wir die Mittel zur Linderung in der Hand halten, aber sie nicht einsetzen dürfen", sagte er. Jeder Tag, an dem Burma keine Visa für die US-Helfer ausstelle, koste Menschenleben in dem vom Zyklon verwüsteten Land. Neben dem Diplomaten saßen zwei Vertreter von USAID. Beide versicherten, sie seien sofort startbereit.

Was die Menschen in Burma brauchen können, stehe bereit, so die USAID-Organisatoren, die bereits bei Katastrophen wie dem Tsunami im Einsatz waren. "Plastikplanen, Koch-Sets, Wasserreiniger und Zelte sind alle verpackt und warten in Dubai, Italien und Florida einzig auf das grüne Licht aus Burma", erklärt Bill Berger.

Die panische Angst der Militärs um ihre Macht

Er und sein zehnköpfiges Team würden jederzeit nach Rangun reisen, um die Lage zu sondieren. Jeden Tag aber fragten sie in der Botschaft vergeblich nach Visa.

Die Hilfe durch die USA und andere westliche Nationen scheitert vor allem an der Angst der Junta vor einem Machtverlust.

Statt Hilfe von außen willkommen zu heißen, müht sich das Militär, die eigene vermeintliche Handlungsfähigkeit zu dokumentieren. Im Staatsfernsehen sieht man dekorierte Generäle beim Austeilen von Essen an die Sturmopfer. Die Armee, so will man glauben machen, hat alles fest im Griff.

Einen schnellen Einmarsch der internationalen Helfer sehen genau diese Militärs als große Gefahr. Wenn die erste Not gelindert wäre, so das Horrorszenario in den Köpfen der burmesischen Machthaber, könnten die USA und die EU ihre Vorposten im Land nutzen, um gegen das Regime und für die Demokratie Stimmung zu machen. Zudem wäre eine Öffnung des isolierten Lands ein Zeichen, dass man allein nicht mehr klarkommt. Seit Jahren aber predigen die Generale die absolute Unabhängigkeit.

Der panischen Angst der Militärs um ihre Macht begegnet der US-Botschafter in Bangkok mit einer fast pädagogischen Geste. Ganz plötzlich bittet Eric C. John die Mitglieder des Krisenstabs zu sich nach vorne. An die Regierung in Burma appelliert er, sich diese Männer und Frauen genau anzusehen. "Diese Menschen hier wollen helfen", so der Botschafter, "sie wollen kein Regime stürzen oder für den Umschwung werben". Erneut warb er für eine schnelle Öffnung: "Was wir brauchen, ist Tempo".

Ein Mann aus dem Dorf im Irrawaddy-Delta, der in den Trümmern seiner Hütte steht, sagt dem BBC-Reporter, man könne sich hier nicht erklären, warum keine Hilfe komme. "Wir kennen die Gründe nicht. Wir haben gehört, dass Hilfe aus dem Ausland kommt. Wir wollen diese Hilfe, aber ich weiß nicht, wann sie bei uns ankommt."

pad

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